Arturo Vidal fährt Ferrari zu Schrott Der König kommt davon

Der größte Held für die Chilenen ist der Fußballer Arturo Vidal. Sie lieben ihn noch mehr als die Argentinier ihren Messi. Jetzt baute der Star betrunken einen Autounfall mit seinem Ferrari. Die Reaktion im Land ist befremdlich.

Tränen auf der Pressekonferenz: Arturo Vidal
AP

Tränen auf der Pressekonferenz: Arturo Vidal

Von , Santiago de Chile


Um 12.45 Uhr fuhr Arturo Vidal in einem schwarzen SUV mit verdunkelten Scheiben im Mannschaftsquartier "Juan Pinto Durán" in Santiago de Chile vor. Das schwere Eisentor des Sportkomplexes im Südosten der Stadt öffnete sich, der Wagen glitt sanft hinein.

Vidal hatte ungefähr 14 Stunden Verspätung. Und auch am Steuer saß der Star der chilenischen Nationalmannschaft nicht, denn er war wenige Stunden zuvor bei einer Anhörung vor Gericht seinen Führerschein losgeworden.

Der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler von Juventus Turin war am Dienstagabend nach einem freien Nachmittag auf dem Rückweg ins Mannschaftsquartier mit seinem roten Ferrari Spider im Süden der Hauptstadt Santiago unter Alkoholeinfluss in einen Auffahrunfall verwickelt worden.

Vidal ist, ganz klar gesagt, der zurzeit bekannteste und wichtigste Chilene - deshalb durchzuckte diese Nachricht das Land wie ein Blitz. Denn Chile, Gastgeber der Südamerika-Meisterschaft "Copa América", hängt an seiner Nummer 8 mehr als Argentinien an Lionel Messi. Ohne Vidal, das haben die beiden Auftritte bei dieser Copa bisher gezeigt, hat die "Roja", die "Rote", auf keinen Fall das Zeug, den so ersehnten Titel im eigenen Land zu holen.

Die gute Nachricht ist: Weder Vidal noch seine Frau María Teresa Matus verletzten sich schwer. Señora Vidal erlitt lediglich eine Armblessur. Auch der Fahrer des kleinen Chevrolet, den Vidal offenbar in höchster Eile 25 Kilometer vor Santiago von der Straße räumte, kam glimpflich davon.

Vidals Nacht aber war kurz und unbequem. Erste Untersuchungen im Krankenhaus, dann Alkoholtest, der 1,2 Promille ergab. Also blieb nur eine Pritsche im Polizeirevier der Gemeinde Buin. Und am Vormittag musste Vidal vor dem Richter antreten. Es drohte nicht nur der Führerscheinentzug, sondern sogar Haft.

Aber der Richter ließ - wohl auch im Interesse der 17 Millionen Chilenen - Milde walten: Bußgeld, Lappen weg, und Vidal muss sich monatlich beim chilenischen Konsulat in Mailand melden.

Vidal (Mitte) vor Gericht: Bußgeld, Lappen weg
REUTERS

Vidal (Mitte) vor Gericht: Bußgeld, Lappen weg

Auf der Straße wurde diese salomonische Entscheidung begrüßt: "Er hat Scheiße gebaut, soll dafür bezahlen, aber erst nach der Copa", sagte Marcel Santibañez, ein Zeitungsverkäufer, dessen Blätter an diesem Mittwoch dank Vidal in zwei Stunden vergriffen waren. Er drückte aus, was die meisten Chilenen denken: "Strafe muss sein, schlechtes Vorbild, er vertritt das Land nicht gut. Aber bitte nicht ausschließen", lauteten die Urteile über Vidals Ausraster.

Und dann war Jorge Sampaoli an der Reihe, der Coach der Chilenen. Es war mittlerweile 13.30 Uhr. Kaum war also das Eisentor am Mannschaftsquartier wieder verschlossen, das schwarze Schaf wieder bei der Herde, trat Sampaoli vor die Presse.

Alle TV- und Radiosender berichteten live: "Wir sollten Arturo jetzt nicht ausschließen, sondern ihn einschließen und uns um ihn kümmern. Ich bestrafe niemanden drastisch, wenn er einen Fehler gemacht hat", sprach der Argentinier und wirkte dabei wie ein milder Vater und weniger wie der sportliche Leiter einer Nationalmannschaft. In seinen Worten steckte natürlich auch eine gehörige Portion Opportunismus.

Erst am Montag war der frühere Leverkusener Vidal doppelter Torschütze und entscheidender Spieler seiner Mannschaft beim 3:3 im zweiten Gruppenspiel gegen Mexiko. Er bereitete zudem den dritten chilenischen Treffer vor, holte den Elfmeter raus, den er selber verwandelte, und legte sich noch mit den gegnerischen Spielern an. Mit drei Toren ist Vidal derzeit bester Torschütze der Copa und dominierender Spieler des Turniers.

"Si no fuera por Vidal", "Wenn Vidal nicht wäre", schrieb eine chilenische Tageszeitung am Tag danach, und zeigte den Spieler auf der ganzen Titelseite mit in den Nachthimmel gereckten Armen. Und am Freitag geht es gegen Bolivien um den Gruppensieg. Ohne "Rey Arturo", wie Vidal in Chile von den Fans genannt wird, ein deutlich komplizierteres Unterfangen. Das weiß natürlich auch Sampaoli.

Nichts geht über Nummer 8: Chiles Fußballfans vergöttern Vidal
AP

Nichts geht über Nummer 8: Chiles Fußballfans vergöttern Vidal

Was genau an dem Dienstagabend passierte, wird noch untersucht. Vidal, so heißt es, soll nach dem Unfall die Beamten beschimpft haben. Aber in Chile, wo die Polizei ihre Arbeit mit preußischer Disziplin versieht, ist das keine gute Idee.

Vidal selbst wandte sich später in einer neun Sekunden langen Videobotschaft an die Chilenen. "Hallo, ich hatte einen Verkehrsunfall! Es war nicht meine Schuld. Mir geht's gut, meiner Familie geht's gut, Danke für alles", sagte er. Viermal reckte er dabei den Daumen in die Kamera. Die Botschaft war klar: Lasst uns zur Tagesordnung übergehen.

Aber im Falle von Vidal ist das so eine Sache. Er ist ein bekanntes Enfant terrible. Alkohol, Disko-Raufereien, Pöbeleien. Mal in Italien, mal daheim in Chile. So wie er auf dem Platz spielt, so beträgt er sich auch außerhalb.

Dennoch genießt Vidal in Chile Heldenstatus. Geschichten über ihn finden sich in den Sportteilen der Zeitungen ebenso wie auf den bunten Seiten. Ende des Jahres hatte er seine langjährige Freundin María Teresa geheiratet. Unter den 500 Gästen waren nicht nur Mitspieler, sondern auch Chiles Staatschefin Michelle Bachelet.

An diesem verhängnisvollen Dienstag, die Spieler hatten einen freien Nachmittag, befand sich Vidal ersten Angaben zufolge zunächst bei einem Grillfest im Haus seines Mannschaftskollegen Gary Medel und fuhr dann noch mal schnell in das Casino Monticello rund 50 Kilometer südlich von Santiago, ein paar Runden zocken. Von dort kehrte er offenbar zu spät und angetrunken zurück. Zapfenstreich war um 23 Uhr - und Vidal trat aufs Gas.



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.