Asamoah-Interview "Bin nicht der Retter der Schwarzen"

Für Gerald Asamoah war 2003 ein deprimierendes Jahr. Der Offensivspieler verlor mit Schalke wichtige Spiele und seinen Platz in der deutschen Nationalelf. Gegenüber SPIEGEL ONLINE spricht Asamoah über seinen neuen Trainer Jupp Heynckes, psychischen Druck, die EM in Portugal und sein Leben als farbiger Deutscher.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Asamoah, Sie wirken schlank und leichtfüßig. Es heißt, noch im Sommer hätten Sie zehn Kilogramm Übergewicht gehabt.

 Gerald Asamoah: "Es war wie eine Befreiung"
DPA

Gerald Asamoah: "Es war wie eine Befreiung"

Gerald Asamoah: Das ist übertrieben, aber es waren schon ein paar Kilo.

SPIEGEL ONLINE: Mit Jupp Heynckes kam damals ein neuer Trainer, und der sagte als Erstes: Du musst jetzt Gewicht runterkriegen, bevor du bei mir eine Chance hast. War das ein Schock?

Asamoah: Ja, natürlich. Man fragt sich sofort: Warum ich? Ich hatte oft Schmerzen im vergangenen Jahr, konnte wegen Problemen an der Leiste wenig laufen. Dann ist es normal, wenn man ein paar Kilo zunimmt. Besonders schwer war aber, dass gleich ständig über mein Gewicht gemunkelt wurde. Danach musste ich eine schwere Zeit durchmachen. Aber im Nachhinein bin ich über diese persönliche Erfahrung sehr froh.

SPIEGEL ONLINE: Das ganze vergangene Jahr ist ein eher düsteres Kapitel in Ihrer Karriere: Verletzungen, sportlich kaum Erfolg mit der Mannschaft und keine Länderspiele mehr. Kommen in einer solchen Situation Mechanismen in Gang, die dazu führen, dass es einem trotz aller Privilegien des Fußballstars auch psychisch schlecht geht?

Asamoah: Ja. Das war ein Jahr, in dem es um meine Zukunft ging: Ich spielte um einen neuen Vertrag, und es lief überhaupt nicht gut. Irgendwann gab es sogar Kritik von Managerseite. Das war eine harte Erfahrung. Es war eine Scheiß-Saison.

SPIEGEL ONLINE: Es war auch ein Jahr, in dem mit Sebastian Deisler und Jan Simak zwei bekannte Spieler unter dem enormen Druck psychisch eingebrochen sind. Denken Sie nach Ihren Erlebnissen: Ich kann verstehen, dass man diese Belastung nicht mehr erträgt?

Asamoah: Ja. Man wird so extrem hochgejubelt. Als ich das erste Mal für Deutschland gespielt habe, drehte sich alles nur um mich. Wenn man einen solchen Status erreicht hat, dann wird plötzlich von überall mehr und mehr gefordert. Man wird nicht mehr als ganz normaler junger Mann gesehen. Ich wollte und will zwar auch genau da hin. Aber mit dieser Verantwortung, die da auf einem lastet, muss man erst einmal klar kommen. Man muss einfach sehr stark und klar im Kopf sein. Ich kann verstehen, dass Spieler sagen: Das ist einfach zu viel für mich.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie vor einem heftigeren Absturz bewahrt?

Asamoah: Ich habe früher schon sehr viel durchgemacht. Mit meinem Herzen. Ich habe einen Geburtsfehler, eine verdickte Herzwand. Irgendwann als ich 19 war, sagte mir ein Arzt, ich könne nie mehr Fußball spielen. Dass ich da wieder rausgekommen bin, hat mir gezeigt: Man kann vieles meistern im Leben. Das gibt mir eine gewisse Gelassenheit in der Fußballwelt.

SPIEGEL ONLINE: Eine Ruhe, die sich als hilfreich erwiesen hat. Im vergangenen Herbst lief es plötzlich wieder richtig gut, Ihre Leistungen bewegten sich eindeutig in Richtung Länderspielform. Musste nur Gewicht runter?

Asamoah: Der Trainer hat mir auch wieder Vertrauen geschenkt, ich durfte wieder auf meiner Lieblingsposition im Sturm spielen. In den Monaten zuvor hatte Jupp Heynckes enorm viel von mir gefordert, ich musste an freien Tagen Extra-Schichten machen. Aber irgendwann habe ich die Auswirkungen dieser Arbeit gemerkt. Das war wie eine Befreiung, ich konnte wieder unbeschwert aufspielen.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Spiel gegen Mönchengladbach, Ihrer ersten richtig guten Partie unter Heynckes, sagten Sie, dass Sie auf Grund der veränderten körperlichen Konstitution Ihre Spielweise erst neu entwickeln mussten.

Asamoah: Wenn sich der Körper plötzlich anders anfühlt, ist es schwer, wieder eine gute Form zu finden. Das war wie so ein Loch, in das ich reingefallen bin. Als ich da wieder herauskam, habe ich mich anders bewegt, habe mich anders gefühlt: leichter und freier. Und dann passierten Dinge, von denen ich ein paar Wochen vorher nicht einmal geträumt hätte. So ging es mir am Ende der Hinrunde.

SPIEGEL ONLINE: Und von diesem Schwung lassen Sie sich bis zur EM nach Portugal tragen?

Asamoah: Das ist natürlich ein Traum. Bei der WM habe ich tolle Sachen erlebt. Wenn ich an die Leistungen vom Ende der Hinrunde anknüpfe, dann glaube ich schon, dass ich mich für die EM noch anbieten kann.

SPIEGEL ONLINE: Im Sturm ist die Konkurrenz ja nicht gerade Furcht einflößend.

Asamoah: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie darüber nach, dass ihr Mitwirken als schwarzer Spieler eine ganz besondere Bedeutung für das Image der Nationalmannschaft hat?

Nationalspieler Asamoah: "Extrem hochgejubelt"
AP

Nationalspieler Asamoah: "Extrem hochgejubelt"

Asamoah: Nein, darüber denke ich nicht unbedingt nach. Es ist mein persönliches Ziel, nach Portugal zu fahren. Dennoch ist das natürlich ein Thema, mit dem ich konfrontiert werde. Es gibt Farbige, die mich auf der Straße ansprechen und sagen, ihnen werde mehr Anerkennung und Respekt entgegengebracht, seit ich für Deutschland gespielt habe. Das ist ein Zeichen, das mich freut. Ich empfinde mich aber nicht als großer Retter der Schwarzen in Deutschland. Aber ich weiß schon, dass sich viele Leute besonders freuen, wenn ich dabei bin.

SPIEGEL ONLINE: Zunächst steht allerdings die Bundesliga-Rückrunde an, und die beginnt direkt mit dem Klassiker bei Borussia Dortmund. Im Umfeld beider Clubs wird von einer richtungweisenden Partie gesprochen, wie lautet Ihre Prognose für die zweite Saisonhälfte von Schalke 04 im hundertsten Jahr der Vereinsgründung?

Asamoah: Wenn man die Tabelle sieht, kann man sagen: Wir sind nach wie vor im Soll. Am Ende haben wir viele Punkte geholt. Hätten wir das letzte Spiel gegen Wolfsburg gewonnen, wären wir Fünfter. Ich glaube fest daran, dass wir nach 34 Spieltagen auf einem Uefa-Cup-Platz stehen.

SPIEGEL ONLINE: Was lief rückblickend falsch in den vielen schwachen Spielen der Vorrunde?

Asamoah: Wir waren verunsichert, hatten manchmal zu viel Angst davor, ein Tor zu bekommen. Lange hat uns jemand mit dem richtigen Instinkt gefehlt, einer der einfach die spielentscheidenden Ideen hat. Dann kamen Niels Oude Kamphuis, Sven Vermant oder auch ich wieder ins Spiel. In der Rückrunde kehren noch andere Spieler mit solchen Fähigkeiten zurück. Jörg Böhme zum Beispiel. Und ab dem Sommer können wir mit Ailton zumindest manchmal auch wieder so spielen wie früher.

SPIEGEL ONLINE: Erstaunlich ist, dass der Trainer trotz teilweise extremer und durchaus berechtigter Kritik an der Mannschaft kaum in die Schusslinie geraten ist. Ist er wirklich so ein Weltmann, immun gegen das Brausen der Öffentlichkeit?

Asamoah: Der Trainer ist vollkommen anders als alle anderen zuvor. Jupp Heynckes ist einfach eine echte Respektsperson. Allerdings hatten in der Krise auch viele erkannt: Der hatte keinen Urlaub, kannte die Mannschaft nicht, und ein paar Spieler fielen verletzt aus. Daraus musste er irgendwas machen. Vom Trainer konnte man kaum mehr verlangen.

SPIEGEL ONLINE: Unter seiner Regie hat sich eine fußballerische Revolution auf Schalke vollzogen. Er hat einen grundlegend neuen Spielansatz gefordert, ist auch das ein Grund für die zähen Wochen zu Saisonbeginn?

Asamoah: Ja. Erst gegen Ende der Hinrunde haben wir überhaupt verstanden, was der Trainer von uns wollte. Heynckes fordert einfach mehr, er kommt aus der spanischen Liga, und da wird mehr Fußball gespielt. Früher war das bei uns so: Da haut einer den langen Ball, und der Ebbe Sand oder der Emile Mpenza sind abgegangen und haben Tore gemacht. Jetzt fordert der Trainer etwas anderes, wir müssen ein Kombinationsspiel hinbekommen. Am Anfang, als das nicht lief, habe ich auch gedacht: Oh je, jetzt steigen wir ab.

Das Interview führte Daniel Theweleit



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