Aufsteiger Altintop WG mit Mutter und Schwestern

Vorige Saison buffte Hamit Altintop noch in der Regionalliga, mittlerweile ist er zusammen mit Dario Rodriguez Schalkes bester Torschütze und erhielt seine erste Einladung zum türkischen Nationalteam. Eines steht für ihn fest: Irgendwann will er wieder mit seinem bei Kaiserslautern aktiven Zwillingsbruder Halil zusammenspielen.

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Neu-Schalker Altintop (Mitte): "Man muss halt lernen, mit dem Druck umzugehen"
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Neu-Schalker Altintop (Mitte): "Man muss halt lernen, mit dem Druck umzugehen"

Jede Bundesliga-Saison braucht neue Helden. Hamit Altintop benötige am ersten Spieltag nur 39 Minuten für den Sprung ins Rampenlicht. Er schnappte sich den Ball im Mittelfeld, nahm aus 25 Metern Maß und traf genau ins Eck - 1:0 für Schalke gegen den Erzfeind aus Dortmund. Eine knappe halbe Stunde später ließ er erst zwei Gegenspieler aussteigen, bevor er wieder abzog und Roman Weidenfeller überwand - 2:0. Das Stadion stand Kopf, Jupp Heynckes tanzte an der Außenlinie und Rudi Assauer verschluckte fast seine Zigarre vor Glück. "Ein Debüt wie im Märchen", titelten später die Zeitungen, andere sprachen vom "tragischen Helden", denn Altintop fälschte Sekunden vor Schluss einen Schuss von Amoroso zum 2:2 ins eigene Netz ab.

Ein knappes halbes Jahr später ist bei Schalke und Altintop die Normalität eingekehrt. Der 21-jährige Türke verpasste bis auf einige Partien wegen einer Verletzung kein Bundesliga-Spiel, ist wie Dario Rodiguez mit vier Treffern erfolgreichster Torschütze der Gelsenkirchener und nahm auch den Rummel um seine Person vor dem Rückspiel in Dortmund gelassen. Die beste Antwort auf alle Fragen gab er wieder auf dem Platz. Dort machte er wieder ein starkes Spiel und bescherte mit seiner Vorlage kurz vor Schluss Teamkamerad Ebbe Sand dessen erstes Saisontor und seinem Team drei weitere Punkte.

Dabei spielte Altintop vergangenen Saison noch in der Regionalliga bei der SG Wattenscheid vor manchmal nur 1000 Zuschauern. "Man muss halt lernen, mit dem Druck umzugehen, das ist das Wichtigste bei der Umstellung", sagt er, "es gibt so viele Talente, die fußballerisch das Zeug haben, in der Bundesliga zu spielen, aber dann auf dem Platz versagen, sobald es darauf ankommt. Auf der anderen Seite laufen in der Bundesliga viele Spieler rum, die kaum vor den Ball treten können, aber mental sehr stark sind. Das ist der Unterschied."

Immerhin hatten er und sein Zwillingsbruder Halil es in Wattenscheid dank konstant starker Leistungen schon so weit gebracht, dass sich viele Vereine aus der Bundesliga um sie rissen. Für Hamit war es keine schwierige Entscheidung. Er wohnt in Gelsenkirchen bei seiner Mutter und der Verein hinterließ bei ihm auch einen guten Eindruck. Altintop: "Ich habe mir vorher zwei- oder dreimal die Arena angesehen, da wusste ich: Da kannst du nichts falsch machen. Das Risiko musste ich einfach eingehen."

Zudem machte ihm Manager Rudi Assauer schon im ersten Gespräch Mut: "Junge, ich weiß was du drauf hast." Damals hieß der Schalker Trainer noch Frank Neubarth, doch zur neuen Saison kam Jupp Heynckes, und mit ihm die Chance für Altintop. "Mein Vorteil war, dass der Trainer nach Trainingsleistungen gegangen ist und nicht darauf geguckt hat, welcher Spieler was in der Vergangenheit geleistet hat. Das habe ich gut genutzt und eine sehr gute Vorbereitung gespielt." Dabei ging er gar nicht mit so großen Erwartungen in die Saison, wie er zugibt: "Ich wollte im ersten Jahr mal schauen, wie es so läuft, und dann im zweiten Jahr angreifen."

Der Aufstieg verlief schneller als erwartet, doch abgehoben ist Altintop deshalb nicht. Er wohnt nach wie vor mit seinen Schwestern bei seiner Mutter und legt viel Wert auf Freunde und Familie. "Leider habe ich nicht mehr soviel Zeit für sie, aber im Verhältnis und im Umgang miteinander hat sich kaum etwas verändert", sagt er, "die wissen genau, wie sie mich nach Siegen oder Niederlagen zu behandeln haben."

Goalgetter Altintop: "Ich sage dem einen oder anderen auf dem Platz schon mal Bescheid"
DPA

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Live wohnt Mutter Merydem allerdings keinem Spiel ihrer Söhne bei, weil sie Angst hat, dass sie sich verletzen. Altintop: "Deshalb haben wir auch kein Premiere-Abo." Schwierig wurde es beim Rückrunden-Auftakt, als die Altintops Besuch hatten und der unbedingt das Spiel des berühmten Sohnes live im Fernsehen sehen wollten - ein Graus für Mutter Altintop.

Seit Saisonbeginn muss Hamit allerdings ohne seinen Bruder Halil auskommen. Seit frühester Jugend spielten die beiden stets in derselben Mannschaft, im Sommer trennten sich erstmals die Wege, Halil zog es zum Lauterer Betzenberg. "Auf der einen Seite fehlt er mir schon", erzählt Hamit, "wir telefonieren auch jeden Abend miteinander und sehen uns so oft wie möglich. Auf der anderen Seite ist die sportliche Trennung vielleicht gar nicht so schlecht, weil ich mich dann auf dem Platz nur auf mich konzentrieren kann. Sonst habe ich auch immer mit meinem Bruder mitgefühlt und darauf geachtet, was er gemacht hat."

Das soll nicht heißen, dass er nun kein Auge mehr auf seine Mitspieler hat. Altintop: "Ich sage dem einen oder anderen auf dem Platz schon mal Bescheid." Eigentlich galt sein stürmender Bruder Halil als der technisch bessere und vor allem als der torgefährlichere von beiden. In 81 Regionalligaspielen für Wattenscheid erzielte er 35 Tore, in Kaiserslautern hat er bislang noch nicht getroffen. Hamit leidet mit, wehrt sich aber dagegen, dass sein Bruder noch auf den Durchbruch wartet: "Er ist aus der Regionalliga gekommen und hat in 19 Spielen 17 Einsätze gehabt. Bei Lautern lief es halt nicht, das ist der kleine Unterschied. In Bremen kommt der Valdez kurz vor Schluss rein und macht seine Tore, aber Halil hatte halt nicht das Glück."

Schalke-Coach Heynckes: "Erst nach und nach realisiert, dass vielleicht mehr drin ist"
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Wovon seine eigene Torgefährlichkeit herrührt, weiß Hamit selbst nicht so genau. Eigentlich war er bis zur B-Jugend Libero, bis ihn Trainer und Ex-Profi Frank Kontny mal beiseite nahm und klarstellte: "Du läufst viel und bist auch mit dem Ball nicht so schlecht, deshalb gehörst du ins Mittelfeld." Auch später erwies sich Wattenscheid als ideale Station auf dem Weg nach oben. Die beiden Altintops wurden vorzeitig zu Senioren erklärt, genossen auf dem Feld viele Freiheiten und dankten es Trainer Hannes Bongartz mit Leistung und Toren. "Er ging sehr familiär mit den Spielern um. Von ihm haben wir viel gelernt, das hat uns auf jeden Fall geholfen."

Lange Zeit hatten die beiden gar nicht daran gedacht, dass sie mal Profi-Fußballer werden könnten. "Bis 17 oder 18 haben wir einfach nur für den Spaß gespielt", meint Hamit, "erst nach und nach haben wir realisiert, dass vielleicht mehr für uns drin ist. Wir wurden auch schon richtig verwöhnt in Wattenscheid." Vorsichtshalber legte das Duo aber erstmal sein Abitur ab, bevor es den Sprung in die bezahlte Fußball-Welt wagte. Nach zwei Jahren Regionalliga folgte dann der Sprung in die Bundesliga, mit negativen Folgen für den ehemaligen Klub.

Seit die Zwillinge nicht mehr im Lohrheide-Stadion auflaufen, geht es mit der SG 09 abwärts, der Verein kämpft derzeit gegen den Abstieg. Auf Schalke streben Mannschaft und auch Altintop nach höheren Zielen. Manager Rudi Assauer hat groß eingekauft, in der nächsten Saison kommen Ailton, Krstajic und auch Bordon. Neue Spieler, aber auch neue Konkurrenz. "Das kann nur gut für den Verein sein", findet Altintop, "aber man kann natürlich nur hoffen, dass die neu formierte Mannschaft auch gut harmoniert. Wenn der Erfolg da ist, dann hat der Verein alles richtig gemacht. Wie es aber aussieht, wenn es sportlich nicht läuft, kann man ja im Augenblick an Dortmund sehen."

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Altintop selbst will mit dafür sorgen, dass aus Schalke nicht der zweite "Fall Dortmund" wird: "Ich will hier Erfolg und Schalke helfen, was Schöneres gibt es für mich nicht." Er widerspricht auch den Gerüchten, die ihn schon demnächst bei irgendeinem der türkischen Top-Klubs wie Galatasaray oder Besiktas sehen. "Ich bin hier sehr gut aufgehoben und besitze noch einen Vertrag bis 2007."

Sowohl er als auch Schalke seien noch lange nicht am Ende der sportlichen Entwicklung angekommen, aber die ersten Früchte durfte Altintop schon ernten. Nachdem er schon lange eine Führungsrolle in der türkischen U 21 inne hatte, erhielt er nun zum ersten Mal eine Einladung zur A-Nationalmannschaft. Trainer Günes holte ihn für das Freundschaftsspiel gegen Dänemark am 18. Februar in den Kader, bei dem er auf seine Vereinskollegen Ebbe Sand und Christian Poulsen traf. Altintop freut sich: "Das sehe ich als kleine Belohnung an."

Die Hoffnung, vielleicht sogar mit der Türkei noch mit zur Europameisterschaft zu fahren, musste er sich nach dem überraschenden Qualifikations-Aus seines Landes gegen Lettland allerdings erstmal abschminken, auch die U 21 schied mit ihm gegen Deutschland aus. "Das war natürlich eine Enttäuschung, aber jetzt werde ich mich erstmal auf Schalke konzentrieren. Wir wollen auf jeden Fall wieder ins internationale Geschäft." Die WM 2006 mit der Türkei bleibt ein Fernziel, doch Altintop schaut noch weiter voraus: "Eins steht fest: Im letzten Profi-Jahr werden Halil und ich auf jeden Fall zusammen in einer Mannschaft spielen."



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