Aufsteiger Augsburg: Gekommen, um zu gehen

Von Sebastian Winter, Augsburg

Der Fußballzwerg Augsburg trainiert auf einem unebenem Platz, das schmucklose Clubhaus könnte einem Drittligisten gehören. Nun trifft der Verein zum ersten Mal in der Bundesliga auf den FC Bayern. Selbst die Fans rechnen mit einer Niederlage, dabei haben die Manager das Negativ-Image langsam satt.

FC Augsburg: Aufsteiger in Abstiegsangst Fotos
AFP

Es herrschte fast so etwas wie Rekordandrang beim Freitagstraining des FC Augsburg: Rund zwei Dutzend Schaulustige sahen sich die Übungseinheit des Aufsteigers vor dem großen Spiel gegen den FC Bayern an (Sonntag 17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Zum Vergleich: Beim Training des Rekordmeisters sind manchmal Tausende.

Doch für Augsburger Verhältnisse sind zwei Dutzend Gäste etwas Besonderes: "Normalerweise sind wir weniger: drei, vier, fünf", sagt Michael Enzler. Der Rentner ist seit 35 Jahren Anhänger des FC Augsburg, er hat die Mannschaft von der Bayernliga bis in die Bundesliga aufsteigen sehen, und er sagt: "0:2 gegen die Bayern, das wäre ein Traumergebnis. Die Mannschaft ist nicht bundesligatauglich, auch wenn die Jungs 110 Prozent geben."

Die Profis trainieren auf einem unebenem Platz, das schmucklose Clubhaus an der Donauwörther Straße könnte auch einem Zweit- oder Drittligisten gehören, genauso wie die Sportkneipe Nordkurve gleich nebenan. Eine Mutter verteilt Tütchen mit Gummibären an die Spieler, an jedes Päckchen haben ihre Kinder Namensschildchen der Profis geklebt. Es sollen Glücksbringer für Sonntag sein.

Alles wirkt provisorisch, unfertig, als wenn da ein Club viel zu schnell in die Bundesliga aufgestiegen wäre in diesem Frühjahr, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Kaum jemand zweifelt daran, dass der FC Augsburg, der vor zehn Jahren noch in der Bayernliga spielte, gleich wieder absteigt. Selbst den Vereinsverantwortlichen gilt dieses Szenario als wahrscheinlich, sonst hätte der Vorstandsvorsitzende und Club-Mäzen Walther Seinsch diesen Sommer in einem Interview mit der "Welt" nicht gesagt, dass sich Augsburgs Trainer Jos Luhukay 34 Niederlagen erlauben könne.

"Wir werden das Ding hier nicht an die Wand fahren"

33 Millionen Euro beträgt der Gesamtetat des FC Augsburg - das entspricht ziemlich genau der Summe, die die Münchner 2009 für ihre "Tormaschine" Mario Gomez bezahlten. Der Nationalstürmer trifft nach Anlaufschwierigkeiten mittlerweile fast wie er will, auch in der Champions League. In der Liga hat Gomez bislang zwölf Tore erzielt, Augsburg acht. Gegen die torhungrigen Bayern fallen nun mit Torwart Simon Jentzsch, Kapitän Uwe Möhrle und dessen Abwehrkollege Axel Bellinghausen auch noch drei defensive Stammkräfte aus.

Vor dem Stadion im Süden Augsburgs, einem im Nebel noch grauer als sonst wirkenden Beton-Ufo, pflügen Bagger den Boden um, aus dem Anfang 2012 zwei neue Trainingsplätze erwachsen sollen. Augsburgs Arena ist das einzige klimaneutrale Stadion Europas, es gibt Aufladestationen für Elektroautos, für eine Photovoltaikanlage hat das Geld allerdings nicht gereicht. Arbeiter hängen gerade Willkommensschilder an den Kassenhäuschen auf, während Augsburgs Geschäftsführer Andreas Rettig in den Ruheraum des Stadions bittet.

Rettig, seit 2006 im Amt, und zehn weitere hauptamtliche Mitarbeiter leiten den Verein, sie predigen das Credo wirtschaftlicher Vernunft: "Wir sind jetzt auf Platz 17, also da, wo man uns erwarten durfte. Aber wir geben nur das aus, was wir können und werden das Ding hier nicht an die Wand fahren", sagt Rettig.

Es klingt so, als würde Augsburg mal kurz in der Liga vorbeischauen, um gleich wieder zu gehen. Doch Rettig sagt zugleich auch, fast schwärmerisch: "Wir sind alle total von den Socken. Es ist phantastisch, wie sich die Fans hier präsentieren." Rettig will gegensteuern, in letzter Zeit schlug die Berichterstattung über schwache Leistungen und fehlende Euphorie in der Stadt den Verantwortlichen auf den Magen.

Trainer Luhukay wehrt sich gegen die Kritik an seinen Spielern

Sie halten sie für einseitig, bei all den Zahlen: 17.500 Dauerkarten hat der Club verkauft, vergangenes Jahr waren es noch 7500; die Mitgliederzahl stieg von 3500 auf mittlerweile knapp 10.000; und der als Café getarnte Fanshop in der Bahnhofstraße wurde wegen der großen Nachfrage gerade von 60 auf 100 Quadratmeter erweitert. Gartenzwerge und Badeenten sind der größte Kassenschlager, neben den Trikots.

Auch der Trainer wehrt sich gegen Zweifel an der Ligatauglichkeit seines Teams. Bei der Pressekonferenz am Freitag war Luhukay immer lauter geworden, der sonst bedächtige Holländer redete sich richtig in Rage. "Das tut mir dann weh, das kann ich nicht nachvollziehen. Man muss auch nüchtern und realistisch bleiben", sagte er zur Kritik an der Mannschaft.

Nüchtern bleiben, das schadet auch nicht vor dem ersten Bundesliga-Derby gegen die Bayern. Luhukay weiß, dass es vermessen ist, ausgerechnet jetzt den ersten Heimsieg im Oberhaus zu erwarten: "Wir wollen der Schrecken der Bayern werden, aber die komplette Elf muss dazu über sich hinauswachsen."

Vor dem Spiel wird es eine Gedenkminute für den vor einer Woche bei einem Einsatz getöteten Polizisten geben, am Montag findet ein Trauergottesdienst statt. Die Tat war das beherrschende Stadtgespräch der letzten Tage, wo doch eigentlich das Derby die Schlagzeilen hätte bestimmen sollen. "Wir sind gerade nicht so vom Glück begünstigt", sagt Rettig. Augsburgs Geschäftsführer bezog diesen Satz auf die Verletztenmisere. Er passt aber auch zur allgemeinen Lage des Clubs.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. klein und GROß
tipp-ex 06.11.2011
Man sollte den Kleinen nicht vorwerfen, dass sie eben klein sind. Das wird es hoffentlich auch in Zukunft immer wieder geben, dass sich ein "Kleiner" plötzlich in der ersten Liga wiederfindet. Im Idealfall hält er sich da 2-3 Jahre. I.d.R. geht's danach wieder runter. Ist aber auch nicht wirklich schlimm, solange vernünftig gewirtschaftet wird und der Kleine nicht zum Gernegroß wird. Erste Liga ist im Endeffekt nur etwas für Blue Chips. Also für Klubs, die von Natur aus groß sind, oder zumindest für die, die mit Geldspritzen aufgepumpt wurden. Kleine Klubs dürfen da gelegentlich mal etwas necken und ärgern, nachhaltig behaupten können sie sich aber nicht.
2. Stimmt so ja nicht unbedingt,
mikune 06.11.2011
Zitat von tipp-exMan sollte den Kleinen nicht vorwerfen, dass sie eben klein sind. Das wird es hoffentlich auch in Zukunft immer wieder geben, dass sich ein "Kleiner" plötzlich in der ersten Liga wiederfindet. Im Idealfall hält er sich da 2-3 Jahre. I.d.R. geht's danach wieder runter. Ist aber auch nicht wirklich schlimm, solange vernünftig gewirtschaftet wird und der Kleine nicht zum Gernegroß wird. Erste Liga ist im Endeffekt nur etwas für Blue Chips. Also für Klubs, die von Natur aus groß sind, oder zumindest für die, die mit Geldspritzen aufgepumpt wurden. Kleine Klubs dürfen da gelegentlich mal etwas necken und ärgern, nachhaltig behaupten können sie sich aber nicht.
denn ab und zu kommt ja einer, um zu bleiben, zumindestens länger als ein jahr. Und der kleine SC Freiburg ist halt irgendwann ein großer geworden, ebenso Mainz. Und das ist gar nicht so lange her. Aber erst mal schaun, ob der FCA heute nicht die Bayern besiegt und ganz schnell groß wird.
3.
shokaku 06.11.2011
Eine Viertelstunde hat die Puppenkiste dichtgehalten, dann kam Goalmez.
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