Kölns Bundesliga-Rückkehr: Die neue Demut

Aus Köln berichtet

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Der 1. FC Köln ist zurück in der Bundesliga - mal wieder. Zwar feierte der Club den Erfolg ausgelassen, doch im Vergleich zu früheren Aufstiegen bleibt der Club bescheiden. Freiburg und Augsburg sind die neuen Vorbilder.

Im ersten Moment erschien der Überfall von Maurice Exslager und Dominic Maroh auf die Pressekonferenz wie ein Teil der üblichen Bierduschen-Orgie. Draußen wurden kölsche Lieder geschmettert, der Rasen war trotz inständiger Bitten, auf den Tribünen zu bleiben, längst von feiernden Fans bevölkert, das Kölsch floss in Strömen und überall schossen Bierfontänen durch die Luft. In solchen Momenten der ungezügelten Euphorie ist es ja nicht ganz unüblich, dass die größten Spaßvögel eine Bierattacke auf den Trainer initiieren.

Doch nach Exslager und Maroh tauchte plötzlich die gesamte singende Mannschaft des 1. FC Köln im Presseraum auf. Den Fußballern ging es nach der Rückkehr in die Bundesliga nicht darum, Peter Stöger zu ärgern - sie hatten ihren Trainer einfach vermisst bei ihrem fröhlichen Aufstiegsfest.

Der Österreicher habe schließlich "den größten Anteil" an dieser Rückkehr, sagte Marcel Risse, dessen Einwechslung in der Halbzeit viel dazu beigetragen hatte, das 0:1 gegen den VfL in ein 3:1 zu verwandeln. Stöger jedenfalls verstand seine Spieler, verließ die Presserunde und ging singen, tanzen und feiern. Später in der Kabine ging es sogar so heftig zur Sache, dass die Feuerwehr anrücken musste, weil ein Alarm ausgelöst worden war, während in der Altstadt und auf den Ringen die ganze Nacht gegrölt, gehupt und geböllert wurde.

Köln ist (mal) wieder eine Erstliga-Stadt. Allerdings ist der Club, der sich im kommenden Jahr mit Bayern, Schalke und Dortmund messen darf, nicht mehr mit jenem skurrilen Gebilde vergleichbar, das vor zwei Jahren abgestiegen war. Beim FC haben sie Demut und Bescheidenheit gelernt. Chaotisch waren in dieser Saison allenfalls einige Fans. Das 3:1 gegen Bochum war ein hübsches Abbild dieses runderneuerten FC.

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Rückkehr in die Bundesliga: Karneval in Köln
Der Aufstieg zuvor war noch geprägt von der Dekadenz des für Zweitligaverhältnisse überqualifizierten Stürmerduos Milivoje Novakovic/Patrick Helmes, das seinerzeit zusammen 37 Tore geschossen hatte. In dieser Saison, die geprägt war von Beharrlichkeit, Geduld und Willenskraft, hat die ganze Mannschaft erst 48-mal getroffen. Noch ist der 1. FC Köln keine Erstligamannschaft, dennoch verfügt der Club über Qualitäten, die Zuversicht nähren.

Der Zusammenhalt ist groß, die Spieler sind im Gegensatz zu früheren Jahren vom Trainer, vom Management und der Vereinsführung überzeugt, es herrscht eine Atmosphäre der Kooperation. Genau solche Faktoren verhelfen Clubs wie dem FC Augsburg oder dem SC Freiburg seit Jahren zu ihren erstaunlichen Erfolgen in der ersten Liga. Und an solchen Vereinen orientieren die Kölner sich jetzt.

Natürlich lässt sich einwerfen, dass der Traditionsclub vom Rhein über ein erheblich größeres Potential verfügt, aber dieser Gedanke ist mittlerweile ein verbotener beim FC. Die Vorstellung vom Großclub, der sehr bald wieder zu den Spitzenteams der Bundesliga gehören werde, gehörte zu den Grundideen der Ära des vor zwei Jahren zurückgetretenen Präsidenten Wolfgang Overath, der eine Schuldenlast von 30 Millionen Euro hinterlassen hatte. Nach dem Aufstieg antwortete Kölns Geschäftsführer Alexander Wehrle auf die Frage nach den Perspektiven: "Wir werden in der Bundesliga gegen den Abstieg spielen, das ist klar."

Allerdings ist sportlich ein Fundament vorhanden, auf das sich aufbauen lässt. Jungen Spielern wie Timo Horn, Kevin Wimmer, Jonas Hector, Kazuki Nagasawa oder Yannick Gerhardt wird der Sprung eine Klasse höher zugetraut. Und Coach Stöger nennt seine Spielphilosophie zwar "altmodisch", weil er viel Wert auf defensive Stabilität legt und kein extremes Gegenpressing spielen lässt, aber er ist ein Mann, der genau beobachtet und der immer gute Lösungen findet, wenn etwas nicht funktioniert.

Das hob auch Sportdirektor Jörg Schmadtke hervor, der erstaunlich lange ohne Bierdusche durch den Abend kam, am Ende aber auch von einem penetranten Kölschgeruch umgeben war. "Wir sind ohne eine Krise mit einer sehr jungen Mannschaft durch die Saison gegangen", sagte er. "Wir haben uns immer wieder weiterentwickelt und uns eigentlich nur nach vorne bewegt."

Das war beim letzten Aufstieg noch ganz anders, wie Helmes in Erinnerung rief. "2008 war ein Kraftakt mit einer ganz schwierigen Mannschaft", sagte der Stürmer, und mit dem schwierigen Trainer Christoph Daum und dem noch schwierigeren Präsidenten Overath. Inzwischen herrscht eine stabile Vernunft in den Gängen des Geißbockheims. "Ich habe das Gefühl, wenn hier so weitergearbeitet wird, dann kann der Club sich in der ersten Liga etablieren", sagte Maroh. Und dieser Eindruck wird den Aufstiegsrausch ganz sicher überdauern.

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insgesamt 42 Beiträge
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1. Glückwunsch
mattin666 22.04.2014
Saubere Leistung. Die erste Liga freut sich auf einen großen Verein mit vielen Fans. Nur der BVB!
2. nana...
dns82 22.04.2014
Mal den Tag nicht vor dem Abend loben! Gerade beim FC. Da wird dann aus der Demut ganz schnell der "Daum-mut" und dann will man wieder in zwei Jahren Champions League spielen. P.S. Was ist nochmal eine Fahrstuhlmannschaft?
3.
likaner 22.04.2014
Hach! es könnte sich aber auch endlich Schmitt und Söhne, Schindler, Haushahn oder andere Aufzughersteller als Hauptsponsor bereitstellen. ;-)
4. Glückwunsch FC Kölle
dembinski 22.04.2014
Jetzt muss nur noch der HSV die klasse halten, dann wird's wieder ne geile Buli Saison! Gratulation FC Kölle!!!
5. In der Bundesliga bleiben
Hank Hill 22.04.2014
ist in der Tat das Minimalziel des neuen FC. Die Vorgehensweise ist absolut richtig. Mit jungen Spielern ein Team aufbauen, daß als Mannschaft funktioniert und nicht von einzelnen, teuren Superstars bestimmt wird. Und in der Bundesliga zu bleiben wird schwer genug. Der Abstand zwischen den wohlhabenden Vereinen und den Vereinen die gerade so ueber die Runden kommen wird immer groesser. Der FC sollte seinen Weg unbeirrt gehen, ein Weg den Vereine wie der HSV noch vor sich haben. Wir brauchen in der Liga mehr Vereine wie Augsburg oder Freiburg. Der Punkrock hat Mitte der siebziger Jahre dafuer gesorgt, daß der Rock'n Roll ueberleben konnte, und nicht an der eigenen Gigantomanie erstickt ist. Und das Interesse in Deutschland am Fußball wird durch junge, ambitionierte Teams belebt, auch wenn die keine Chance haben unter die ersten drei zu kommen, und Bayern die naechsten 20 Jahre jedes Jahr Meister wird.
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