Aufstieg von Eintracht Braunschweig: Comeback der Enkel

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Eintracht Braunschweig: Rückkehr eines Kultclubs Fotos
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1985 stieg Eintracht Braunschweig aus der Bundesliga ab und kam lange nicht wieder. Nun ist der Club überraschend zurückgekehrt - bald werden die Superstars von Bayern und Dortmund anreisen. Der Aufstieg des einst abgewirtschafteten Vereins dürfte auch sie beeindrucken.

Eintracht Braunschweig ist ein solider, erfolgreicher und unaufgeregt geführter Fußballclub. Vor nicht allzu langer Zeit hätte niemand das behaupten können, ohne dreist zu lügen.

Es schien, als sei der Verein aus der Zeit und aus dieser Welt gefallen. 1985 stieg er letztmals aus der Bundesliga ab. Damals, als Helmut Kohl noch Jungkanzler war, Joschka Fischer in Turnschuhen hessischer Umweltminister und Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU wurde, als Modern Talking die Hitparade stürmte, im Fernsehen "Schwarzwaldklinik" und "Lindenstraße" anliefen und Microsoft seine erste Windows-Version auf den Markt brachte. Im Fußball gewann der BFC Dynamo die DDR-Meisterschaft und der FC Bayern seinen achten nationalen Titel (inzwischen sind es 23). Und während sich der Fußball und die ganze Welt rasant veränderten, blieb Eintracht stehen.

Das Stadion an der Hamburger Straße verwitterte wie eine Badeanstalt, in der man Kindheitserinnerungen nachfühlt, während der große Spaß längst in Erlebnisbädern zu haben ist.

Eintracht, das war die Meisterschaft von 1967, von der die Väter mit seligem Lächeln erzählten, die alten Jägermeister-Trikots, die Riesennummer mit Paul Breitner, die als Riesenirrtum endete, und die letzte Glanzzeit unter Trainer Branko Zebec.

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, den Niederungen der Regionalliga zu entkommen. Aber ein, zwei Jahre in der zweiten Liga, mehr war nie drin. Es kamen: Spieler, die viel kosteten, aber ihr Geld nicht wert waren; Trainer, die schneller rausgeschmissen als engagiert waren; Präsidenten, die mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart lebten. Hannover 96 und der VfL Wolfsburg zogen auf und davon, Eintracht drohte mehrmals die Pleite.

Ein Meer aus Blau und Gelb

Dann kam der 31. Mai 2008: Es gibt viele bedeutende Tage in der Vereinshistorie, unterschätzt wird jener, an dem das Wunder von Braunschweig seinen Anfang nahm. Eintracht war ein Jahr zuvor aus der Zweiten Bundesliga abgestiegen. Nun ging es darum, sich für die neugeschaffene dritte Liga zu qualifizieren - eine schwere Mission. Jugendtrainer Torsten Lieberknecht hatte das Team kurz vorher übernommen, das Stadion war rappelvoll, die Sonne schien, es hätte das schönste Begräbnis der Stadtgeschichte werden können.

Doch dann schlug Lieberknechts Elf die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund. Und als bekannt wurde, dass Rot-Weiß Essen gegen den krassen Außenseiter VfB Lübeck verloren hatte und Eintracht auf den letzten Qualifikationsplatz gesprungen war, ging ein Aufschrei durch das Stadion. Über den Rasen schwappte ein Meer aus Blau und Gelb, Spieler und Fans knieten nieder, feierten miteinander, rannten durcheinander, schrien in ihre Handys. Lieberknechts erstickende Stimme tönte aus den Lautsprechern. Wäre der Verein abgestiegen, er wäre vermutlich an seinen Schulden zugrunde gegangen.

So aber bekam Eintracht eine Chance.

Die Kosten wurden drastisch reduziert, Spieler ohne Perspektive weggeschickt, dafür Talente geholt, in der Geschäftsstelle sogar Telefonanbieter miteinander verglichen, um hundert Euro zu sparen. Die Clubspitze war mittlerweile kompetent besetzt: mit dem uneitlen Wirtschaftsmann Sebastian Ebel als Präsidenten, dem sachlichen Soeren Oliver Voigt als Geschäftsführer der Kapitalgesellschaft, dem listigen Marc Arnold als Sportdirektor. Der temperamentvolle Lieberknecht, wie Arnold ein ehemaliger Eintracht-Spieler, formte eine Mannschaft, die sich steigert und steigert. Und ohne große Namen auskommt.

1967 hatte Eintracht als Außenseiter die Meisterschaft mit Spielern gewonnen, die vorher kaum jemand kannte, die aber eine Gemeinschaft bildeten, in der jeder für jeden rackerte. Seitdem mag der Braunschweiger keine Stars leiden, Breitner hatte das zu spüren bekommen. Das Team ist deshalb so beliebt, weil es der Meistermannschaft so sehr ähnelt. Die Spieler um den stillen Kapitän Dennis Kruppke sind die Enkel der 67er Generation.

Besuch von Guardiola und den Bayern-Stars

28 Jahre nach dem letzten Abstieg, fünf Jahre nach dem Überleben kehrt Eintracht zurück in die Bundesliga. "Eltern, die am Abstiegstag ein Baby bekommen haben, können inzwischen Großeltern sein", kalkuliert die "Hannoversche Allgemeine Zeitung".

Bald werden Pep Guardiola und Jürgen Klopp mit ihren Superstars anreisen, und sie werden ein Stadion betreten, das mit knapp 25.000 Zuschauerplätzen zu den überschaubaren Arenen gehört. Die Haupttribüne wird derzeit modernisiert, es entstehen Business-Sitze und Logen, rechtzeitig zur neuen Saison wird alles fertig sein. Vor zwei Jahren hatte Braunschweigs Oberbürgermeister die Einwohner darüber abstimmen lassen, ob die Stadt tatsächlich 14,5 Millionen Euro investieren soll, um das Stadion umbauen zu lassen. Damals führte Eintracht erst die Tabelle der dritten Liga an, aber die Euphorie war bereits so groß, dass 60 Prozent für den Plan stimmten.

Derbys gegen den Erzrivalen Hannover 96 und den reichen Nachbarn VfL Wolfsburg werden das Stadion bis auf den letzten Platz füllen. Niemand von den Stammspielern wird gehen, ein paar Neue kommen sicher, aber keiner von ihnen wird Unsummen kosten. Als Vorbilder dienen der SC Freiburg und Mainz 05. Clubs, die wirkungsvolle Nachwuchsarbeit betreiben.

Der Plan könnte aufgehen, der nächste Aufstieg naht: Eintrachts A-Jugend hat gute Chancen, sich für die U19-Bundesliga zu qualifizieren.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. optional
WhereIsMyMoney 27.04.2013
Wenn man die Braunschweiger kennt, weiss man dass jedes Spiel ausverkauft sein wird. Da muss man sich keine Sorgen machen. Das beste an diesem Verein sind die Fans, so sehr mir der Trainer und die Mentalität der Mannschaft auch gefällt.
2. Herzlichen Glückwunsch ...
Meineserachtens 27.04.2013
ich hab als 8 oder 9 jähriger noch im Stadion Pullen gesammelt und nicht weit vom Stadion gewohnt. Im Herzen bin ich Franzose, aber in der Seele ein Eintracht Fan. Eintracht das war heute richtig gut.
3. So schön wie 1967
mikemoran 27.04.2013
Allein der Aufstieg lässt Erinnerungen hochkommen, als ich als 12-Jähriger auf den Schultern meines Vaters auf dem Altstadtmarkt der Meistermannschaft zugejubelt habe. Ich wünsche der neuen Eintracht viele Jahre 1.Liga, ihr müsst ja nicht gleich Meister werden, es wir schon so schwer genug.
4.
coulter2 27.04.2013
Zitat von sysop1985 stieg Eintracht Braunschweig aus der Bundesliga ab und kam lang nicht wieder. Nun ist der Club überraschend zurückgekehrt - bald werden die Superstars von Bayern und Dortmund anreisen. Der Aufstieg des einst abgewirtschafteten Vereins dürfte auch sie beeindrucken. Aufstieg von Eintracht Braunschweig: Das Comeback der Enkel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/aufstieg-von-eintracht-braunschweig-das-comeback-der-enkel-a-896880.html)
Als Hannoveraner und 96-Fan sollte ich eigentlich BS alles Schlechte wünschen, aber derartige Fan-Feindschaften gingen an mir schon immer vorbei und daher freue ich mich sogar, dass es mal wieder ein Verein ohne übertriebenen Geld-Einsatz sondern ausschließlich mit harter und guter Arbeit ins Oberhaus geschafft hat und über die Rückkehr eines Traditionsvereins (Wenn Hoffenheim dafür absteigt war das ein extrem guter Tausch...) Natürlich freue ich mich auch schon auf das einzig wahre Derby ;-) Willkommen zurück Eintracht Braunschweig!
5.
alnemsi 27.04.2013
Die Tradition ist wieder da. http://m.youtube.com/#/watch?v=Vp3ImNrpdUE
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