Aus Köln berichtet Rafael Buschmann
Die Kölner Domplatte war eineinhalb Stunden vor dem Spiel zwischen dem 1. FC Köln und dem VfL Wolfsburg fest in rot-weißen Händen. Wie es sich für die Karnevalshochburg gehört, feierten die Fans sich, den Tag und ihren FC. Und sie stimmten immer wieder ein Lied an: "Deutscher Meister wird nur der FC Köln, nur der FC Köln." Nach dem Spiel rief niemand mehr. Der FC ist mit einem ernüchternden 0:3 gegen Wolfsburg in die Saison gestartet.
Dass die Erwartungshaltung bei den Rheinländern traditionell wenig mit dem tatsächlichen Leistungsstand ihrer Mannschaft zu tun hat, ist in Köln mittlerweile so etwas wie Kulturgut geworden. Laut einer Legende geht das so weit, dass sobald die Kölner Mannschaft nach den ersten zwanzig Minuten eines Spieles in Führung liegt, die FC-Geschäftsstelle die ersten Anfragen nach dem Start des Ticketvorverkaufs für die Champions League erreichen.
Am Samstag gab es solche Anrufe nicht, Köln lag bereits nach 17 Minuten 0:1 hinten. Ausgerechnet der frühere Kölner Angreifer Patrick Helmes erzielte die Wölfe-Führung und zerstörte damit die leise Hoffnung der FC-Verantwortlichen, endlich einmal einen ruhigen Saisonstart zu erleben. Als der Tabellenzehnte der vergangenen Saison am Ende sogar mit einem 3:0-Sieg in den Bus Richtung Wolfsburg stieg, spiegelte sich in den Gesichtern der FC-Macher nicht nur die Angst vor einem verkorksten Auftakt wieder, sondern vor allem davor, erneut einen Trainer-Fehlgriff getätigt zu haben.
Solbakken nahm die Verantwortung auf sich
Denn Stale Solbakken, der norwegische Coach, der mit dem FC Kopenhagen fünf Meistertitel einfuhr, der sogar als Nachfolger von Jupp Heynckes bei Bayer Leverkusen gehandelt wurde und den der FC für etwa eine halbe Million Euro aus einem Vertrag mit dem norwegischen Verband herauskaufte, wirkte bei seiner Bundesliga-Premiere völlig hilflos. Der von Sportdirektor Volker Finke mit viel Vorschusslob ausgestattete Coach, dem Detailverliebtheit, Präzision und eine gute Mannschaftsführung attestiert werden, schaffte es nicht, dem FC-Team zum Saisonstart eine Handschrift zu verleihen.
"Die Mannschaft wirkte heute sehr verunsichert. Wir haben viele individuelle Fehler gemacht. Die ganze Mannschaft war nicht gut genug, aber dafür ist auch der Trainer...", sagte Solbakken auf der anschließenden Pressekonferenz und verschluckte das fällige "verantwortlich" dabei gänzlich. Immerhin gestand er ein, der Verantwortung, der Mannschaft die nötige Sicherheit gegeben zu haben, nicht gerecht geworden zu sein.
Die Mannschaft kennt das ja schon. In guter Regelmäßigkeit wird ihr ein neuer Übungsleiter hingestellt, dem eigentlich nur ein weißer Laborkittel fehlt. Denn so wie Zvonimir Soldo und Frank Schaefer, Solbakkens Vorgänger, ist auch der Norweger ein Bundesliga-Newcomer. Die Mannschaft ist sein Versuchskaninchen, die Bundesliga das Labor.
Wirkung bisher nur außerhalb des Platzes
Solbakken hat eine völlig andere Ansprache als der Fan-Liebling Frank Schaefer, mit dessen Führungsstil die Spieler ihre Probleme hatten. Solbakken ist nüchtern, analytisch, kritisch. Er hat seinen eigenen Kopf, setzt auch gegen den öffentlichen Widerstand Lukas Podolski als Kapitän ab und eckt gerne mal beim gefürchteten Kölner Boulevard an. Außerhalb des Spielfeldes ist seine Durchsetzungskraft erkennbar. Auf dem Rasen noch nicht.
Dies mag auch sehr stark damit zusammenhängen, dass es sich beim aktuellen FC-Team nicht um Solbakkens Mannschaft handelt, sondern um eine, die großteils noch vom ehemaligen Manager Michael Meier zusammengestellt wurde. Es ist ein technisch schwaches Team, das mit den hohen taktischen Ansprüchen Solbakkens offenbar nicht kompatibel ist.
Am meisten war der Systemzusammenbruch beim Spiel gegen die Wolfsburger bei Neu-Kapitän Pedro Geromel sowie seinen beiden Defensiv-Kollegen Miso Brecko und Kevin Pezzoni zu erkennen. Wolfsburg spielte alles andere als Tempo-Fußball, schaffte es aber immer wieder, mit einfachsten Kreuzungen die sogenannte FC-Abwehr auszuhebeln. Alleine Helmes hätte statt seiner zwei auch gut fünf Tore machen müssen.
Solbakkens so häufig gelobtes Spiel gegen den Ball fand statt, allerdings dauerhaft im umgekehrten Sinne: Köln lief den Pässen der Wolfsburger hinterher. Ein eigenes Pressing, ein Aufbäumen zeigte der FC nicht. Lediglich Podolski sprintete immer mal wieder dahin, wo eigentlich zwei oder drei seiner Kollegen hätten stehen müssen. Und da sich der Nationalspieler dadurch zusehends im Mittelfeld tummelte, fehlte er vorne im Sturm, wenn es denn mal zu einem der wenigen Umschaltversuche der Kölner kam. Die zwei Torgelegenheiten, die der FC durch den später vom Feld verwiesenen Milivoje Novakovic bekam, waren dadurch auch mehr dem Zufall denn einer Konzeption geschuldet.
Es bleibt noch sehr viel Arbeit für Solbakken. Und wenig Zeit. Denn so schnell wie die Fans in Köln in Euphorie verfallen, so schnell gibt es auch die große Depression. Einen ersten Eindruck bekam Solbakken gegen Wolfsburg: Nach acht Minuten hielten die FC-Ultras "Wilde Horde" ein Banner mit der Aufschrift: "Stale, höre nicht auf die Experten. Nur Ergebnisse zählen" hoch. Zehn Minuten später ertönte das erste Pfeifkonzert gegen die eigene Mannschaft.
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