Ausländische Profis in der Bundesliga In der Parallelwelt

Sie kommen, kicken, verdienen prächtig in der Bundesliga - aber wie gut sind ausländische Fußballprofis tatsächlich in ihrer deutschen Wahlheimat integriert? Die Clubs geben sich Mühe: Sie buchen Sprachkurse, mieten ihren Spielern sogar einheimische Kumpel. Das Konzept geht nicht immer auf.

Von Sebastian Winter

Bayern-Profi Usami: Freund für die Playstation
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Bayern-Profi Usami: Freund für die Playstation


Es dringt wenig Licht ins Dunkel des Falls Breno. Der 21-jährige Fußballprofi des FC Bayern München sitzt wegen des Verdachts auf schwere Brandstiftung noch immer in Untersuchungshaft. Seine Mietvilla im Nobelvorort Grünwald war vor knapp zwei Wochen durch ein Feuer zerstört worden. Danach wurde viel spekuliert über angebliche Geldsorgen, Eheprobleme und Depressionen des brasilianischen Abwehrspielers, der 2008 nach München kam, aber auch aufgrund von Verletzungen nie den Durchbruch schaffte.

Das Medienspektakel um Breno überlagert eine Frage, die mit der Vernetzung der internationalen Fußballmärkte immer wichtiger wird im Profigeschäft: Welche Hilfen und Unterstützungen brauchen ausländische Fußballer, zumal wenn sie jung und unerfahren in die Bundesliga wechseln, in ein Land, das ihnen fremd ist? Leisten die Vereine genug Integrationsarbeit? Und braucht es diese überhaupt?

In den meisten Clubs gibt es Ansprechpartner für die ausländischen Profis, doch die Eingewöhnung ist Beiwerk zum normalen Profibetrieb. Bayern München hilft in Alltagsdingen wie Sprachkursen, Einkäufen, Ernährung, Übersetzungen oder bei der Medienarbeit. Moslems wie Mittelfeldspieler Franck Ribéry bekommen geschächtetes Fleisch. Ansonsten erfolgt die Integration im Trainingsbetrieb, beim Mittagessen, im Gespräch mit den Übungsleitern, dem Sportpsychologen oder dem Ernährungsberater.

"Er kennt sich mit der Playstation aus und ist einfach ein Freund"

Im Fall von Talenten wie dem im Sommer auf Leihbasis zum Deutschen Rekordmeister gewechselten 19-jährigen Takashi Usami greift der Club noch zu anderen Methoden: So haben die Bayern für den Japaner einen Landsmann engagiert, der ähnlich jung ist wie Usami, perfekt Deutsch spricht und extra von Köln nach München umgezogen ist, als eine Art hilfsbereiter Kumpel. "Er kennt sich mit der Playstation aus, holt Takashi mit dem Auto ab und ist einfach ein Freund", sagt Bayern-Sprecher Markus Hörwick, der die bayerische Integration auf folgende Formel bringt: "Learning by doing heißt bei uns das Stichwort."

Beim 1. FC Nürnberg ist Teammanager Boban Pribanovic der Kümmerer. Er zeigt ausländischen Zugängen die Stadt, führt sie durch den Supermarkt, organisiert Deutschkurse, Handy-Verträge, Führerscheinstunden und empfiehlt Restaurants. "Die Sprache ist das Wichtigste", sagt Pribanovic. "Wir sorgen schon während des Vertragsabschlusses für die Kursanmeldung und schauen auch, ob die Spieler dann teilnehmen."

Thomas Groll reichen diese Ansätze nicht. Der Kulturwirt ist Geschäftsführer eines Münchner Unternehmens, das mit der interkulturellen Integration von Fußball- und Eishockeyprofis in Deutschland und Österreich Geld verdient. Flitterwochen nennt Groll die Zeit, in der sich Profis aus einem anderen Kulturkreis an einen neuen Club gewöhnen. "Alles ist neu und anders. Doch dann kommt der Schock", sagt Groll. Das Hauptproblem sei, dass viele Vereine und Spielerberater die "kulturelle Schwelle" nicht sähen: "Sie integrieren die Profis nicht, sondern nutzen reine Betreuungsmodelle. Die Profis sitzen dann zu Hause in ihrem Palast wie in einem goldenen Käfig, weil sie kein eigenes Netzwerk haben, nur das des Vereins."

"Sie kennen Regeln und Normen wie Pünktlichkeit und Disziplin nicht"

Um das zu vermeiden, führt Groll Kulturtrainings durch, die helfen sollen, sich auf die neue Umgebung einzustellen - und die Mentalität im Land zu verstehen. Rollenspiele mit Videoanalysen gehören dazu, Stadtrallys, Kochkurse. Seine Firma erstellt im Vorfeld des Engagements ein kulturelles Persönlichkeitsprofil. Solche Dinge sind in der freien Wirtschaft längst üblich, in der Bundesliga noch nicht. Der DFB hat in der Ausbildungsordnung für Fußballlehrer "Interkulturelle Kommunikation" als einen von 18 Unterpunkten im Komplex "Psychologie und Pädagogik" versteckt.

Ein gutes Beispiel, wie sehr die Integration noch in informellen Bahnen abläuft, ist Alessandro Schöllgen. Der 21-jährige Jurastudent aus Berlin kümmert sich um eine Handvoll südamerikanischer Fußballprofis, die in Deutschland und Belgien spielen. Berater haben den Deutsch-Venezolaner angesprochen, ob er nicht helfen könne. Nun ist er neben dem Studium Freund und Ansprechpartner der Profis, besorgt ihnen Handwerker, bucht Flüge, stellt ihnen den Lieblings-Fußballsender aus der Heimat ein, zeigt ihnen Städte und Freizeitparks. "Gerade junge Perspektivspieler ohne Ehefrau oder Freundin sind anfangs sehr alleine hier. Sie sind frustriert, weil sie nicht spielen, kennen Regeln und Normen wie Pünktlichkeit und Disziplin nicht", sagt Schöllgen.

"Leverkusen ist schon recht weit in dieser Entwicklung"

Bayer Leverkusen hat dieses Problem früh erkannt, der Werksclub gilt als Vorreiter der Liga bei der Verpflichtung von brasilianischen Spielern - und deren Eingewöhnung. Bayer hatte einstige Weltklasse-Stars wie Jorginho, Lucio, Emerson, Paulo Sergio oder Zé Roberto unter Vertrag, derzeit spielt Renato Augusto für Bayer.

Leverkusens Integrationsexperte Frank Dittgens, ein Sozialpädagoge, reist schon Monate vor dem Umzug der Spieler in deren Heimat, informiert sich bei der Familie, dem Berater, dem alten Verein über das bisherige Leben des künftigen Bayer-Profis und erstellt auf dieser Basis ein Konzept, das auch die Familien einbezieht. Außerdem bekommen ausländische Spieler auf die Bedürfnisse von Profifußballern zugeschnittene Sprachkurse.

Augusto schätzt dieses Vorgehen, auch wenn er zur Zeit ein paar Probleme im Club hat. Zugleich lebt er in einer Art Parallelwelt: Wie üblich bei südamerikanischen Spielern sind oft Freunde oder seine Familie aus der Heimat zu Besuch. Eine brasilianische Putzfrau mache ihm sein Lieblingsgericht Reis mit Bohnen und geröstetem Maniokmehl. Das erzählte Augusto in diesem Frühjahr der "Welt". Er höre Sambamusik, spiele in einer Kölner Halle Footvolley. Wie in Brasilien.



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seduro34 04.10.2011
1. Sprachlos
Ich bin sprachlos über den Informationsgehalt dieses Artikels. Ist nicht irgendetwas anderes passiert in der Bundesliga? Oder hat sich Stefanie Hertel endgültig getrennt? Ach ja und was macht eigentlich Boris Becker? Ausländische Bundesligaprofis müssen also in Deutschland "eingewöhnt" werden. Mir kommen gleich die Tränen mit welchen Schwierigkeiten die Ärmsten doch zu kämpfen haben. Bevor es noch platter wird, kann doch mal über den Frauenfußball berichtet werden. Was macht Birgit Prinz? Gibt es die Frauen-Nationalmannschaft noch und wenn ja wie viele?
cirkuspapyrus 04.10.2011
2. Na so was
Ich finde das immer wieder äusserst amüsant: Wenn der Deutsche von Integration spricht, dann will er den Chinesen oder Afrikaner Kölsch sprechen oder Haxe essen sehen. Ich habe in meinen 16 Jahren in Asien und USA nicht einen Deutschen getroffen, der wirklich integriert war. Mich eingeschlossen. Alle leben sie in einer Parallelwelt. "Das ist ja wie in Brasilien hier"- LOL... In Brasilien hört man eher: Guck mal, da gibt es Schnitzel mit Kartoffelsalat" Deutschland wird nie ein Land werden wo sich Ausländer wohlfühlen, wenn man dieses Integrationsgequatsche nicht endlich einstellt! Welcher Ausländer will denn bitteschön Deutsch werden??? Oder welcher Deutsche will denn bitteschön Thai werden??? (Abgesehen davon, dass das gar nicht möglich ist)
Luckyman 04.10.2011
3. Könnte es sein....
....daß die Herren Jungmillionäre etwas überbehütet werden? Die härteste Schule ist immer noch das Leben. Und wenn die Herren diese weder sprachlich noch sozial meistern, dann sind sie eben gescheitert. Wer hat sich in meinem Beruf so rührend samt Essenkochen um mich gekümmert? Niemand. Mir kommen darob jetzt noch die Tränen. Könnte es sein, daß die Vereine mit ihrer Überbehütung ganz andere Interessen verfolgen?
Ragnarrök 04.10.2011
4. Darf ich
dran erinnern das Fußballer auch Menschen sind?! Selbst wenn sie netto über eine Million Euro im Jahr verdienen (bekommen).
odbc 04.10.2011
5. Ist schon interessant
Ziemlich frustrierte Komentatorenrunde hier, oder? Die ganze Entwicklung entspringt halt einer Erkenntnis, die schon dem ollen Krupp bekannt war und zur Errichtung der Margharetenhöhe führte. Wenn's meinen Leuten gutgeht, geht's auch meinem Laden gut! Im Managementbereich, wie im Artikel erwähnt, kennt man solche unterstützenden Vorgehensweisen schon länger.
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