Außenseiter Schottland Die nettesten besoffensten Fans der Welt

Schaffen die Schotten die Sensation? Noch zwei Siege in der EM-Qualifikation, und die schottische Nationalelf hätte einen der Top-Favoriten Frankreich oder Italien rausgekickt. Christoph Biermann erklärt, warum uns das alle freuen sollte.


Selbstverständlich ist es Ausdruck eines ziemlich platten Populismus, Forderungen im Stil von "Heute sind wir alle …" zu stellen, aber manchmal muss es einfach sein. Also: Heute sind wir alle Schotten! Um Jogi und seine Jungs muss sich derzeit niemand Gedanken machen, sie sind nun in ein laues Freundschaftsspieluniversum übergewechselt. Bei der schottischen Nationalmannschaft jedoch geht es um ganz viel. Heute in Georgien kann sie die vorletzte Etappe auf dem Weg zu einen Fußballwunder absolvieren, von dem auch wir etwas hätten. Denn die Europameisterschaft würde im kommenden Jahr viel schöner, sollten die Schotten daran teilnehmen - und ihre Fans.

Die Tartan Army, wie sich die Anhänger nennen, hat in den letzten Monaten wieder einmal daran erinnert, dass es auf dem Planeten Fußball kaum bessere Unterstützer gibt. Vor dem sensationellen 1:0-Sieg ihrer Mannschaft bei Vize-Weltmeister Frankreich im September organisierten sie einen Marsch vom Eiffelturm zum Stade Parc des Princes, und nicht weniger als zwanzigtausend Schotten gingen mit. Mit ihren Gesängen sorgen die schottischen Fans ohnehin bei jedem für eine Gänsehaut, der kein Herz aus Stein hat. Und zu den sorgfältig gepflegten kulturellen Errungenschaften der Tartan Army gehört das heitere Saufen.

Die schottischen Fans trinken zwar unmäßig, aber es gilt die streng eingehaltene Vereinbarung, selbst im derbsten Rausch noch nett zu sein. Während man betrunkenen Fußballfans sonst wegen des hohen Aggressionsfaktors bekanntlich besser aus dem Weg geht, kann man mit schottischen Fans sogar dann noch lustige Abende verbringen, wenn sie ein paar Liter Bier Vorsprung haben. Als die zwanzigtausend Schotten wieder weg waren, vermeldete die französische Polizei, dass es nicht eine Festnahme gegeben hätte.

Der Atmosphäre bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz würden die Schotten zweifellos gut tun. Sollte ihnen die Qualifikation gelingen, wäre das in einer Gruppe, in der Weltmeister Italien und dessen Finalgegner Frankreich fest für die EM gebucht waren, auch sportlich über die Maßen verdient. Selbst wenn die Schotten heute gegen Klaus Toppmöllers Georgier oder beim letzten Spiel daheim in Glasgow gegen Italien noch stolpern sollten (glücklicherweise haben sie noch nie ein Heimspiel gegen Italien verloren), eine bemerkenswerte Wiederauferstehung haben sie längst gefeiert. Die Mannschaft von Alex McLeish spielt ansehnlichen Power-Fußball, und sechs Siege in Folge gab es zuletzt vor 58 Jahren.

Die Grundlage dafür wurde vor mehr als einem Jahrzehnt vom ehemaligen Nationaltrainer Andy Roxburgh geschaffen, der mit einem schottlandweiten Programm die Trainerausbildung an der Basis verbesserte. Die seither von diesen Trainern früher entdeckten und geförderten Talente profitierten in den letzten Jahren von der wirtschaftlichen Malaise der schottischen Liga. Nachdem die Fernsehgelder einbrachen, verzichteten die Clubs auf teure Legionäre und besannen sich auf den eigenen Nachwuchs. Über Berti Vogts und dessen Zeit als Nationaltrainer in Schottland von 2002 bis 2004 wird übrigens aus Gründen des Anstands der Mantel des Schweigens gehüllt.

Die positive Entwicklung wurde vielmehr von der schottischen Liga noch dadurch unterstützt, dass bei jeder Partie mindestens drei Spieler im Kader stehen müssen, die jünger als 21 Jahre sind. So sind selbst die großen und vergleichsweise finanzstarken Clubs, Rangers und Celtic, wieder weitgehend schottisch geworden. In ihren Teams, die am letzten Spieltag der Champions League beim französischen Serienmeister Olympique Lyon und gegen den Titelverteidiger AC Mailand siegten, spielten insgesamt 13 Schotten. Die vier englischen Klubs setzten hingegen nur elf Engländer ein.

Schottland wird heute in Tiflis wieder von gut dreitausend mitreisenden Fans unterstützt. Niemand muss sich sorgen, dass sie sich nicht an die Empfehlung der britischen Botschaft in Georgien halten, aus Rücksicht auf örtliche Gepflogenheiten den Kilt nicht zu lüften. Wir Teilzeit-Schotten hoffen, dass sie sich solche Freizügigkeit für die Straßen von Zürich und Wien aufheben können.

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