Australien vor WM-Aus Der Sündenbock ist längst gefunden

Australien steht bei der WM vor dem Aus. Und für viele Fans ist der Schuldige schon gefunden: Robbie Kruse wird in sozialen Medien heftig beleidigt. Er ist damit kein Einzelfall bei dieser Endrunde.

Robbie Kruse (während des Dänemark-Spiels)
REUTERS

Robbie Kruse (während des Dänemark-Spiels)

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Mit großen Hoffnungen ist Australien zur WM gefahren. Trotz einer durchwachsenen Qualifikation, trotz der starken Gruppe mit Frankreich, Dänemark und Peru. Aber die Australier sind sportverrückt und nachdem die guten Leistungen bei der Endrunde 2014 in Brasilien nicht mit der K.-o.-Phase belohnt wurden, sollte es nun in Russland mit dem Achtelfinale klappen.

Das Problem: Dieses Ziel ist für die "Socceroos" vor dem letzten Gruppenspiel am Dienstag gegen Peru (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nur noch mit Schützenhilfe zu erreichen.

Wenn es nach vielen australischen Fans geht, ist schon klar, woran - oder vielmehr an wem - es gelegen haben wird, wenn zum wiederholten Mal in der Vorrunde Schluss ist. An Robbie Kruse.

Der 29-Jährige, der in der 2. Bundesliga beim VfL Bochum unter Vertrag steht, ist schon seit Jahren ein Sündenbock für die australischen Fans. Nach den ersten beiden WM-Spielen haben die Beleidigungen und Drohungen gegen Kruse in sozialen Medien aber extrem zugenommen. Auch engste Familienmitglieder sind betroffen, seine Eltern haben ihre Facebook-Profile vorübergehend abgeschaltet. Auch Morddrohungen soll es laut australischen Medien gegeben haben.

"Es ist traurig. Er tut alles, um sich, seine Familie und das Land würdig zu vertreten. Dass seine Landsleute so über ihn herziehen, ist nicht in Ordnung, und wir alle sind darüber verärgert", sagte sein Teamkollege und guter Freund Matthew Leckie nach dem 1:1 gegen Dänemark. Kruse sei schockiert, so der Stürmer, der die Fans bat, mit den Beschimpfungen aufzuhören. "Er tut so viele Dinge auf dem Feld, die die Leute nicht sehen."

Das Team steht hinter Kruse

Warum ausgerechnet Kruse zum Prügelknaben wurde, ist unklar. Er ist einer der erfolgreichsten australischen Spieler. Ihm gelang der Sprung von der heimischen A-League nach Europa, er stieg mit Fortuna Düsseldorf in die Bundesliga auf, spielte mit Bayer Leverkusen in der Champions League. Auf 66 Länderspiele kommt Kruse bislang.

Nach etlichen Verletzungen ist er nicht mehr so schnell wie früher, und derzeit misslingen ihm viele Ballannahmen und Pässe. Große Fehler hat er bei der WM aber nicht begangen.

Trainer Bert van Marwijk schätzt Kruses taktisches Verständnis und seine Defensivarbeit. Verteidiger Aziz Behich, der mit Kruse auf der linken Seite spielt, sagt zu den Beschimpfungen: "Es ist enttäuschend. Das sind Leute, die hinter einem Computer sitzen und noch nie gegen einen Ball getreten haben." Kruse sei ein Champion und das Team stehe hinter ihm, so Behich.

In Australien wird nun darüber diskutiert, wann die Grenze zwischen banter, Frotzleien, und abuse, Beleidigungen, überschritten wird. Der öffentlich-rechtliche Sender SBS, der die WM überträgt, fragt auf seiner Webseite rhetorisch: "Geht die Kritik an Robbie Kruse zu weit?"

Dass Kritik an Spielern eskaliert und in persönliche Beschimpfungen oder sogar Drohungen ausartet, ist bei dieser WM kein Einzelfall.

  • In Deutschland wurde Ilkay Gündogan beim letzten Test-Länderspiel vor dem Turnier von den eigenen Fans ausgepfiffen. Mesut Özil wurde in sozialen Netzwerken beleidigt, nachdem die beiden Nationalspieler vor der WM gemeinsam mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für ein Foto posiert hatten.
  • Der Schwede Jimmy Durmaz wurde rassistisch beschimpft, nachdem er den Freistoß verursacht hatte, der zur Last-minute-Niederlage seines Teams gegen die Deutschen (1:2) geführt hatte. Der schwedische Verband kündigte daraufhin an, Anzeige zu erstatten. Die Nationalmannschaft demonstrierte daraufhin Geschlossenheit mit einer "Fuck Rasicm"-Botschaft.
  • Der Kolumbianer Carlos Sánchez erhielt Morddrohungen. Er hatte im ersten Gruppenspiel gegen Japan (1:2) in der dritten Minute einen Elfmeter verursacht und zudem die Rote Karte gesehen.
  • Südkoreas Hyun-Soo Jang muss sich gegen eine regelrechte Hexenjagd wehren. Auf der Seite des Präsidialamtes sind mehr als 300 Petitionen gegen den Außenverteidiger eingegangen, sie tragen Namen wie "Vertreibt Jang und seine Familie aus Korea". Jang hatte im zweiten Gruppenspiel gegen Mexiko (1:2) einen Elfmeter verursacht, der zum 0:1 führte. Laut südkoreanischen Medien sollen mehrere Spieler ihre Profile in sozialen Netzwerken abgeschaltet haben.

Auch angesichts der anderen Fälle fordert Kruses Teamkollege Mark Milligan die aggressiven Fans auf, die Perspektive zu wahren. "Ich denke, die Leute vergessen manchmal, dass es letztlich nur ein Spiel ist."

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Newspeak 26.06.2018
1. ...
"Ich denke, die Leute vergessen manchmal, dass es letztlich nur ein Spiel ist." Ist es aber nicht. Die WM wird massiv dafuer benutzt, die niedrigsten Instinkte von Nationalismus und gegenseitigem Wettbewerb anzusprechen. Es geht um sehr viel Geld, um Werbeeinnahmen und Merchandising, und auch die Spieler verdienen Millionen. Wenn ueber die Spiele berichtet wird, werden Emotionen geschuert, es wird eine Sprache wie aus dem Krieg verwendet, und man betont das Machotum. Was soll dabei Gutes herauskommen? Wer in der Fussballnationalmannschaft spielt, sollte sich halt ein dickes Fell zulegen. Und wer soziale Medien fuer seine persoenliche Werbung benutzt, muss eben auch damit leben, dass dieser Kanal in beide Richtungen funktioniert. Das ist Teil des Deals. Beleidigungen und andere strafbare Auesserungen kann man schliesslich auch anzeigen.
hileute 26.06.2018
2. Pervers
das ist doch abartig. erstens war von vornherein klar das sie vermutlich nicht weiterkommen und außerdem ist Kruse noch einer der besseren
cs01 26.06.2018
3.
Das ist doch wohl nicht ihr Ernst? Die berechtigte Kritik an Özil und Gündogan, die durch die Pfiffe zum Ausdruck gebracht wurde, mit Morddrohungen gleichzusetzen. Da ist jeder Maßstab verrutscht.
florian29 26.06.2018
4. Nicht zu vergleichen mit Gündogan und Özil
Ich glaube nicht, daß Kruse einem Diktator die Hand geschüttelt hat, der nachweislich Terroristen (IS) unterstützt hat!
Levator 26.06.2018
5. Sehr guter Beitrag!
Zitat von cs01Das ist doch wohl nicht ihr Ernst? Die berechtigte Kritik an Özil und Gündogan, die durch die Pfiffe zum Ausdruck gebracht wurde, mit Morddrohungen gleichzusetzen. Da ist jeder Maßstab verrutscht.
Man sollte die Kirche im Dorf lassen. Was hier mit Herrn Kruse - oder in anderen Ländern - mit deren Vertretern in Sachen Fußball augenblicklich passiert, haut dem Fass den Boden raus und geht überhaupt nicht. Die Herren Özil und Gündogan wurden nicht bedroht, sondern lediglich von der breiten Öffentlichkeit - und dem höchsten Vertreter der Bundesrepublik Deutschland - an ihre Pflichten als Nationalspieler erinnert. Weitere Vergleiche verbieten sich von daher schon alleine....
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