Austria Salzburg "Wir sind die Gallier des 21. Jahrhunderts"

Aus Protest gegen Red Bull gründeten Fans den Traditionsverein Austria Salzburg neu und fingen in der siebten Liga an. Jetzt, nach zehn Jahren, hat der Klub etwas Beeindruckendes geschafft - die Rückkehr in den Profifußball.

Von Jan Mohnhaupt, Salzburg

Meisterfeier im Pyro-Licht: Austria Salzburg feiert Auferstehung
Jan Mohnhaupt / Meisterfeier Aus

Meisterfeier im Pyro-Licht: Austria Salzburg feiert Auferstehung


Als der Schlusspfiff ertönt, gibt es kein Halten mehr. Sie stürmen den Rasen, umarmen die Spieler und Trainer Jørn Andersen. Rund 1900 Menschen in weiß und violett ergießen sich über das Spielfeld des Stadions direkt neben dem Flughafen von Salzburg, das den Charme einer deutschen Bezirkssportanlage versprüht.

Hier ist gerade ein Spiel der drittklassigen Regionalliga West Österreichs zu Ende gegangen. Das Heimteam hat 4:1 gewonnen.

Doch dieser Heimverein ist kein normaler österreichischer Drittligist. Es ist Austria Salzburg, und die Fans feiern nun eine Rückkehr, wie es sie im europäischen Fußball bislang nicht gegeben hat. Austria Salzburg ist zurück im Profifußball, als einer der wenigen von Fans neu gegründeten Fanvereine. Den Aufstieg haben sie zwar schon vor einer Woche mit einem 1:0-Sieg beim FC Kitzbühel geschafft, doch hier entlädt sich nun noch einmal der ganze Druck von zehn Jahren harter Arbeit.

Vor zehn Jahren übernahm Red Bull das Kommando

Damals vor zehn Jahren stand die Austria, damals dreimaliger österreichischer Meister, mal wieder vor dem Aus. Als die Rettung kam, jubelten fast alle. Denn ein regionaler Sponsor hatte sich bereit erklärt, die Salzburger zu retten - der Brausekonzern Red Bull übernahm den Klub. Nie mehr Lizenzprobleme, dachten damals fast alle, manche träumten schon von der Champions League.

Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz jedoch wollte einen völlig neuen Verein erschaffen. Ohne Altlasten, ohne Tradition. Die Vereinsfarben wurden ans Emblem seines Konzerns angepasst; in weißen Trikots und roten Hemden liefen die Spieler nun auf. Nur zu einem Kompromiss war Red Bull bereit: Die Stutzen des Torwarts, das Logo des Trikotherstellers auf der Brust und die Kapitänsbinde sollten violett bleiben.

Vereinsfarben verändert: Red Bull machte in Salzburg aus violett rot-weiß
DPA

Vereinsfarben verändert: Red Bull machte in Salzburg aus violett rot-weiß

Heute ist man tatsächlich relativ nah dran an der Champions League, der Verein heißt allerdings mittlerweile Red Bull Salzburg und hat mit dem früheren Klub nichts mehr gemeinsam.

Den alten Austria-Fans war schnell klar, dass sie nicht verstanden wurden, dass hier zwei Welten aufeinanderprallten. Also gründeten sie 2005 ihren Verein neu und starteten ein Jahr später in der siebten Liga Österreichs. Ganz unten.

Neuanfang ohne Bälle, ohne Trikots

Im Sommer 2006 standen 26 Spieler etwas verloren auf einer besseren Salzburger Wiese. "Wir hatten keine Bälle, keine Trikots, gar nichts", sagt Sportdirektor Gerhard Stöger. Die Fans mussten alles selbst machen. Mit viel Herzblut und Engagement gelang es. In vier Jahren schafften sie den Durchmarsch von der siebten in die dritte Spielklasse, die sie nun nach fünf Jahren endlich verlassen können.

Das letzte Spiel an diesem Samstag ist nur noch nebensächlich. Die Fans feiern 90 Minuten lang die lang ersehnte Rückkehr in den Profifußball, der in Österreich in der zweiten Liga beginnt. Schon zu Spielbeginn werden auf der einzigen Tribüne Bengalische Fackeln und Rauchtöpfe in weiß und violett entzündet, die den Rasen vernebeln. Das Spiel ist ein besserer Sommerkick, der Gegner FC Hard versucht mitzuhalten, unterliegt aber am Ende deutlich.

Nach dem Abpfiff steht Walter Windischbauer im Spielertunnel und trieft vor Bier. Die Spieler haben ihren Vereinspräsidenten nicht verschont. Vor einem Jahr und einem Tag hatte sich Windischbauer so gefühlt, wie er heute aussieht. Wie ein begossener Pudel. Damals war die Austria zwar ebenfalls Meister geworden, musste aber in zwei Entscheidungsspielen gegen den Floridsdorfer AC aus Wien antreten - und scheiterte nach einem 2:2 in Wien und 0:3 zu Hause. Während mehrere Fans ihn stützten, stand Windischbauer auf dem Rasen und weinte.

Lizenz erst im zweiten Durchgang gesichert

"In meiner Funktion kann man sich das Weinen eigentlich nicht erlauben", sagt er und tropft vor sich hin. "Schon am nächsten Tag musste ich wieder Zuversicht verbreiten. Das war ein unglaubliches Jahr." Erst verabschiedete sich im Winter 2014 der Cheftrainer in Richtung Tirol zum Erzrivalen Wacker Innsbruck. Mehrere Schlüsselspieler verletzten sich. Und dann gab es den nächsten Rückschlag: Der Tabellenführer Austria bekam keine Lizenz für die zweite österreichische Liga.

Austria-Trainer Andersen: "mehr Fanpotenzial als Red Bull"
DPA

Austria-Trainer Andersen: "mehr Fanpotenzial als Red Bull"

Erst mithilfe der Fans und von Spenden konnte ein Ausweichstadion in einem Nachbarort weitgehend bundesligatauglich hergerichtet werden, sodass der Austria die Zweitliga-Lizenz in zweiter Instanz zugesprochen wurde. "Wir müssen realistisch bleiben, wir wollen den Klassenerhalt schaffen", sagt er im Hinblick auf die neue Saison. Aber sie haben ganz andere Hürden genommen. "Wir sind die Gallier des 21. Jahrhunderts", sagt Windischbauer.

Während auf dem Rasen die Bühne für die Meisterfeier aufgebaut wird, sitzt Jørn Andersen im Bauch der Tribüne mit seinem Trainerteam. Die Luft ist stickig, neben ihm hockt Bernd Dreher, der ihn als Torwarttrainer unterstützt. Zwischen ihnen steht ein halbvoller Plastikbecher Bier.

Andersen kennt den Profifußball, er hat Mainz 05 trainiert, den Karlsruher SC. Als Gerhard Stöger ihn im Winter gefragt hat, ob er als Trainer einsteigen wolle, war der Norweger erst skeptisch. "Ich wusste, dass die Austria ein Traditionsverein ist. Aber ich habe mich nicht so sehr für den Klub interessiert."

Was er dann aber erlebt hat, hat ihm imponiert. "Meine Arbeit war nicht der Grund für den Aufstieg. Das war die Arbeit der ganzen Leute hier. Die Austria hat sich alles erarbeitet." Andersens Ziel mit Austria: Die Bundesliga. Er sagt: "Von den Fans her haben wir mehr Potenzial als Red Bull."

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, Austria Salzburg habe als erste europäische Neugründung die Rückkehr in den Profifußball geschafft. Das stimmt jedoch nicht, in England war der AFC Wimbledon (League 2) ebenso schneller wie der österreichische Klub FC Blau-Weiß Linz (Erste Liga). Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
princenamor 07.06.2015
1. Besser als CL
Die schönste Nachricht aus dem europäischen Fussball diese Woche! Fussball muss seine Seele nicht verkaufen um Erfolg zu haben! Danke Austria!!
kodu 07.06.2015
2. Schön ...!
Diese Salzburger haben einen Anhänger mehr: mich ! Und ich hoffe inständig, daß dem 1.FC Lok Leipzig ein ähnliches Kunsstück gelingt, und sie dem österreichischen Angreifer zeigen können, was Fußball wirklich ist ...!
mistermoe 07.06.2015
3.
Zitat von koduDiese Salzburger haben einen Anhänger mehr: mich ! Und ich hoffe inständig, daß dem 1.FC Lok Leipzig ein ähnliches Kunsstück gelingt, und sie dem österreichischen Angreifer zeigen können, was Fußball wirklich ist ...!
Aus meiner Sicht hatten sowohl Lok (VfB) als auch Chemie (Sachsen) Leipzig genug Chancen um wirklich etwas aufzubauen, von denen aber keine genutzt wurde. Ich denke nicht das Lok es schafft, den die meisten vielversprechenden Ansätze nach der Neugründung sind wie meist in den letzten 25 Jahren verpufft. Wenn ich mich nicht irre ist man derzeit wieder bei ca. 150.000 € Schulden und die "Fan"struktur ist auch nicht gerade so das man damit Werbung machen könnte, ganz im Gegenteil. Wenn diese kurzrasierten "Fans" das sein sollten was "Fussball wirklich ist" dann kann man froh sein, das es RB gibt.
inkognitobesserwisser 07.06.2015
4.
Wirklich toll. Gönne ich ihnen. Endlich mal ein verein der sich von diesen ganzen Werksklubs absetzt. So leistet man Widerstand. Toll
tomkey 07.06.2015
5. Super!
Glückwunsch an die Austria nach Salzburg! Der Fußball lebt noch trotz FIFA, UEFA und RedBull Brause!
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