Wettpate aus Singapur "800.000 Euro auf ein Junioren-Bundesliga-Spiel"

Millionenwetten auf Spiele deutscher A-Jugend-Teams? Kein Problem in Singapur. Der Stadtstaat ist eines der Weltzentren für Sportmanipulation. Für sein Buch "Der gekaufte Fußball" hat Benjamin Best dort einen Wettpaten zum Interview getroffen.

Fußball-Wettbüros in China: Asien ist eines der Zentren für Sportwetten
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Fußball-Wettbüros in China: Asien ist eines der Zentren für Sportwetten


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Flug SQ 327, München-Singapur. Abflug: 13:25 Uhr, Ankunft: 7:10 Uhr Ortszeit. Eine mittlerweile übliche Dienstreise, Recherchen für die große ARD-Dokumentation über Wettbetrug. Das Ziel Singapur ist eines der Weltzentren für Spielmanipulationen, tropisches Rückzugsgebiet der Wettmafia.

Ich habe einen Termin in Chinatown. Südlich des Singapore Rivers liegt das historische Viertel der Chinesen, die über 78 Prozent der Gesamtbevölkerung des Stadtstaates (5,3 Millionen Einwohner) stellen.

Tempel zwischen Hochhäusern, kleine Geschäfte und Restaurants zwischen Big-Business-Komplexen. Aus den Garküchen weht der Duft von chinesischem Essen. Doch da liegt noch etwas anderes in der Luft. Ein seltsames Fieber, das offenbar alle ergriffen hat. Überall auf der Straße wird gespielt und gewettet. 24 Stunden am Tag. In dieser Stadt, in der fast alles verboten ist und das Ausspucken eines Kaugummis auf die Straße mit 1000 Singapur-Dollar geahndet wird, ist das Glücksspiel eine so verbreitete Leidenschaft wie sonst nirgendwo auf der Welt.

Ich bin verabredet mit einem Match-Fixer. Sivakumar Madasamy, genannt Siva. Ein Bulle von einem Mann mit indischen Wurzeln. Er kommt mit dem Taxi, denn er möchte nicht unbedingt mit seinem luxuriösen Privatwagen erkannt werden. Siva arbeitet für den bekanntesten Wettbetrüger Asiens, das Vorbild aller Match-Fixer, Rajendran "Pal" Kurusamy. Nun ist Siva mein Gesprächspartner in Chinatown.

Frage: Wie kamen Sie zum Wettbetrug?

Madasamy: Bereits als Jugendlicher habe ich auf Fußballspiele gewettet, allerdings meistens verloren. Das hat mich irgendwann wahnsinnig genervt. Also kam ich auf die Idee, mich an Fußballprofis ranzumachen, ihr Vertrauen zu gewinnen und für sie Wetten zu platzieren oder Insiderinformationen von ihnen zu bekommen. Damals war ich 17 Jahre alt. Ich habe von einem reichen Freund mein Startkapital bekommen und damit dann erste Spiele manipuliert.

Frage: Manipulieren Sie immer noch?

Madasamy: Ja, aber nicht in Singapur. In Europa, Südamerika, Mittelamerika, Asien. Überall auf der Welt. Ich bin sehr gut vernetzt. Mich kontaktieren Spielerberater, Fußballprofis - sie wollen mit uns illegale Geschäfte machen. Weil sie wissen, dass Singapur die weltweite Zentrale für Wettbetrug ist. Sie wissen, dass sie durch uns viel Geld machen können.

Frage: Wie manipulieren Sie Spiele von Singapur aus?

Madasamy: Wenn ich von Spielern oder Spielerberatern kontaktiert werde, dann mache ich mich erst mal auf den Weg in das jeweilige Land. Das ist das Wichtigste. Ich muss persönlichen Kontakt haben, muss mit ihnen Zeit verbringen, lade sie zum Essen ein. Wenn Sie jemandem nur eine Diamantenkette versprechen, dann ist das nicht gut genug. Sie müssen ihm die Diamantenkette tatsächlich auch um den Hals legen, damit er Ihnen vertraut.

Frage: Wie einfach ist es für Sie, Fußballprofis zu überzeugen?

Madasamy: Ich würde mir von zehn Punkten acht geben. Ich habe sehr gute Kontakte - in Europa und weltweit. Und ich bin überzeugend. Mir reicht eine halbe Stunde aus, allerdings bei keinem Topspieler. Aber einen Mittelklassekicker habe ich in 20 Minuten überzeugt. Kein Problem.

Frage: Wo wetten Sie?

Madasamy: In Singapur ist es nicht ganz einfach für uns zu wetten, da uns die Regierung genau beobachtet. Hier kann ich vielleicht 30 Prozent meines Einsatzes wetten, den Rest zum Beispiel in Malaysia. Mein Hauptwettmarkt liegt allerdings in China. Ich spreche sehr gut Chinesisch und kenne die Bosse.

Frage: Wie hoch ist das Risiko für Sie, im Gefängnis zu landen?

Madasamy: Sehen Sie, wenn Sie hier in Singapur in der Drogenkriminalität operieren und festgenommen werden, dann erwartet Sie die Todesstrafe. Für Wettbetrug bekommen Sie in Singapur 100.000 Singapur-Dollar Strafe und fünf Jahre Gefängnis. Aber Sie bekommen nie das Maximum an Strafe - vielleicht zehn Prozent. Also 10.000 Singapur-Dollar und sechs Monate Gefängnis. Mit guter Führung kommen Sie nach vier Monaten wieder raus. Mit dem Wettbetrug haben Sie Millionen Singapur-Dollar gemacht. Zeigen Sie mir ein Business, wo ich in vier Monaten Millionen von Singapur-Dollar verdiene. Wenn das der Fall wäre, würden wir mit Wettbetrug sofort aufhören.

Frage: Gerade laufen mehrere U-19-Spiele in Deutschland, über 10.000 Kilometer von uns entfernt. Bei den großen asiatischen Online-Wettanbietern kann auf diese Spiele gewettet werden. Warum sind diese Spiele so beliebt?

Madasamy: Weil jetzt, um 17 Uhr Ortszeit, keine Spiele aus Asien gewettet werden können. Die großen Spiele der europäischen Ligen fangen um 21 Uhr erst an. Deshalb wetten alle jetzt schon mal auf die deutsche A-Jugend.

Frage: Wie viel Geld können Sie auf deutsche Spiele setzen?

Madasamy: Ich kann auf ein U-19-Bundesliga-Spiel eine Million Singapur-Dollar setzen, vielleicht sogar 1,5 Millionen. Das sind umgerechnet 700.000 oder 800.000 Euro. Das ist überhaupt kein Problem. Auf die dritte Liga oder Regionalliga in Deutschland kann ich zwei bis drei Millionen Singapur-Dollar wetten. Auch kein Problem. Das regeln wir in zehn Minuten.

Als ich die offiziellen Stellen Singapurs mit unseren Recherchen konfrontieren will, stoße ich auf eine Mauer des Schweigens. Die Singapore Police Force dankt für mein Interesse, lehnt die Bitte um ein Interview aber höflich ab. Der Fußballverband schickt ein kurzes Statement: Man pflege eine "zero tolerance policy". Diese Aussage vor laufender Kamera wird aber auch verweigert. Nur die Anti-Korruptionsbehörde Corrupt Practices Investigation Bureau (CPIB), die auch für Spielmanipulationen und Wettbetrug zuständig ist, gewährt eine Audienz. Wir könnten eine Ausstellung der CPIB-Arbeit filmen, die könne man uns präsentieren.

Anschließend dürfen wir Fragen zur Präsentation stellen. Nach Frage drei werden wir darauf hingewiesen, dass diese nichts mit der Präsentation zu tun habe, ebenso nach Frage vier und fünf. Also filmen wir brav die Ausstellung, während uns ein CPIB-Fotograf bei der Arbeit beobachtet und ablichtet. Als wir das Bürogebäude verlassen, habe ich das Gefühl, dass wir soeben nicht nur den Jägern, sondern auch den Wächtern der Korruption begegnet sind.

Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch.



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insgesamt 7 Beiträge
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raber 30.10.2013
1. Zocker-Mentalität macht Fussballergebnisse unglaubwürdig
In vielen Ländern sind solche Fussballmanipulationen aufgeflogen. Bei Lektüre dieses Berichts hört es sich sogar noch schlimmer an. Wer ist in Deutschland denn da alles mit dabei? Diese Zocker-Mentalität macht viele reich, zerstört aber auch eine Sportart.
DeutscherimAusland 30.10.2013
2. Die Spesen fuer......
den Flug und die Unterkunft haettet ihr Euch sparen koennen! Besser waere es ueber den steigenden Wasserspiegel auf / um Grenada oder die Malediven zu berichten! Es gibt eben Dinge, die muessen NICHT restlos aufgeklaert werden,.....Und nach dem Verlassen des europaeischen Luftraum, gelten,.....eben andere Gesetze!
chr.reinhard 30.10.2013
3. optional
mag sein dass der kerl da in irgendwelchen regionalligen auch mitmischt, aber der eigtl betrug geht direkt vom buchmacher aus. die spiele aller europ. (und mehr) 1. ligen sind fast alle gescripted.
karsten rohde 30.10.2013
4.
Na schoen, einen Maerchenerzaehler in Singapur getroffen. Wer EINEN Spieler von irgendeiner Mannschaft besticht, kann ueberhaupt nichts manipulieren. Man lese mal bei Heinz Hoeher ("Spieltage") ueber den Bundesligaskandal nach. Die Infrastruktur, die zur erfolgreichen Manipulation noetig ist, macht das ganze praktisch oeffentlich, schon damals und um so mehr heute. Dann die Konkurrenz unter den Spielerberatern, wenn da ein einziger "seinen" Spielern solch eine "Dienstleistung" anboete, begaenne doch ziemlich bald sein Stern zu steigen und man fragt sich dann natuerlich, warum das so ist, paar Tage spaeter hats die Zeitung mit den grossen Buchstaben auf Seite eins. Eine naive Verschwoerungstheorie, dieser Krake in Singapur.
hdudeck 30.10.2013
5. Sehen Sie, Sie haben das System von Bestechungen nicht versstanden.
Zitat von karsten rohdeNa schoen, einen Maerchenerzaehler in Singapur getroffen. Wer EINEN Spieler von irgendeiner Mannschaft besticht, kann ueberhaupt nichts manipulieren. Man lese mal bei Heinz Hoeher ("Spieltage") ueber den Bundesligaskandal nach. Die Infrastruktur, die zur erfolgreichen Manipulation noetig ist, macht das ganze praktisch oeffentlich, schon damals und um so mehr heute. Dann die Konkurrenz unter den Spielerberatern, wenn da ein einziger "seinen" Spielern solch eine "Dienstleistung" anboete, begaenne doch ziemlich bald sein Stern zu steigen und man fragt sich dann natuerlich, warum das so ist, paar Tage spaeter hats die Zeitung mit den grossen Buchstaben auf Seite eins. Eine naive Verschwoerungstheorie, dieser Krake in Singapur.
Wenn Sie bestechen und Spiele manipulieren wollen, bestechen Sie bestimmt nicht jemand 08/15. Sie wenden sich immer an den staerksten Spieler (erfolgreicher Torschuetze), einen Spieler in einer Schluesselposition (Torwart/Stuermer) oder den Schiedsrichter. Sie werden auch nur Teams waehlen, die ihrem Wettziel dienlich sind. Ein erfolgreicher Torschuetze, der ein mal einen Tag ohne Treffer hat, ein Torwart, der einen Ball unterlaeuft oder aus der Hand gleiten laesst, ein Schiedsrichter, der die eine Mannschaft kleinlich pfeift, weil die andere alles tun kann was moeglich ist. Mehr braucht es nicht. Natuerlich besteht auch fuer den Wettenden ein Restrisiko, aber das Ziel ist, dieses zu minimieren. Sie bestechen ja auch nicht den kleinen Beamten, wenn Sie etwas als Lobbist durchbringen wollen.
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