BVB-Spielgestalter Axel Witsel Die Kraft des Holzboots

Axel Witsel kickte jahrelang in bedeutungslosen Ligen. Die Zweifel am neuen BVB-Spieler waren entsprechend groß. Doch die Wahrheit ist: In Russland und China ist er ein besserer Fußballer geworden.

Borussia Dortmunds Axel Witsel
SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Borussia Dortmunds Axel Witsel

Von Tobias Escher


Der Fußball hat schon immer kuriose Spitznamen hervorgebracht. In einer Welt der martialischen Kampfnamen ("Tiger" oder "Bomber") ragt der Spitzname von Axel Witsel heraus: "Chaloupe" tauften ihn seine Mitspieler in Lüttich einst. Es ist der französische Begriff für die kleinen Holz-Ruderboote, die überall an den Atlantikküsten West-Europas ankern. Sie strahlen eine aus der Zeit gefallene Ruhe und Gelassenheit aus, als könnten weder der Fortschritt noch Naturgewalten ihnen etwas anhaben.

Kein alltäglicher Spitzname, aber dafür ein umso passender. Wenn Witsel sich am Ball befindet, scheint die Zeit stillzustehen. Abgeklärt, technisch versiert, passsicher: Witsel hat sich in Dortmund als Spielgestalter in der Zentrale etabliert. Und das, obwohl er eigentlich gar kein ausgewiesener Fußball-Stratege ist.

Die besten defensiven Mittelfeldspieler 2018/19

Seine Karriere begann Witsel in seiner Heimatstadt Lüttich. Der örtliche Klub Standard bildete ihn als offensiven Mittelfeldspieler und als Flügelstürmer aus. Witsel bewegte sich im Raum vor der gegnerischen Abwehr, der im modernen Fußball am besten bewachten Zone des Spielfelds. Er lernte sich mit Finten und Tricks zu behaupten gegen robuste Sechser und ihm physisch überlegene Innenverteidiger. Wer Bilder dieser Zeit sieht, mag kaum glauben, dass Witsel heute im zentralen Mittelfeld zu Hause ist: ein schmächtiger Junge, wendig und zugleich trickreich, aber körperlich seinen Gegenspielern unterlegen.

Die körperliche Facette des Fußballs lernte der Belgier erst fernab der Heimat. Bei Benfica erkannte Trainer Jorge Jesus seine Laufstärke und seine mannschaftsdienliche Spielweise. Er stellte ihn im zentralen Mittelfeld auf, meist als Achter, der die gesamte Länge des Feldes beackerte. Zwischen den Spielen trainierte Witsel im Kraftraum, arbeitete an seiner Physis. Er entwickelte sich in Lissabon zum körperlich robusten Mittelfeldspieler.

China statt Italien

Seine Leistungen weckten das Interesse der Top-Klubs. Überraschend wechselte er nicht nach England oder Italien, sondern 2012 nach St. Petersburg. 2017 soll der Transfer mit Juventus Turin bereits ausgehandelt gewesen sein, ehe der chinesische Tianjin Quanjian ihm ein Gehalt von fast 20 Millionen Euro bot. Witsel sagte später ganz offen, er sei in erster Linie des Geldes wegen ins Reich der Mitte umgezogen.

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Dass Witsel fernab der großen Aufmerksamkeit kickte, schadete seinem Spiel nicht. Im Gegenteil. Da weder in Russland noch in China allzu viele Teams aggressiv im Mittelfeld stören, konnte er weiter als vorgezogener Mittelfeldspieler agieren, zugleich aber immer mehr Einfluss auf das Spiel seiner Mannschaft nehmen. Von Jahr zu Jahr übernahm er mehr Verantwortung, etablierte sich als Knotenpunkt im zentralen Mittelfeld.

Eine große Frage schwebte dennoch stets über der Karriere von Witsel: Kann er auch in einer der großen Ligen der Welt mithalten? Seine Leistungen in Dortmund lassen keine Zweifel: Ja! Binnen kürzester Zeit etablierte er sich hier als zentraler Spielgestalter.

Beim BVB spielt er in etwas zurückgezogener Rolle, meist als klassischer Sechser. In den Räumen, die Klubs in Russland oder China offenließen, stehen deutsche Klubs wesentlich kompakter. Witsel weicht den Gegenspielern aus, indem er tiefer spielt.

Witsel gerät aber keineswegs in die Bredouille, sobald ihn ein Gegner doch einmal stört. Auch in der Bundesliga macht er seinem Spitznamen alle Ehre: Wenn ihn ein oder mehrere Gegenspieler attackieren, legt er sich den Ball von einem auf den anderen Fuß und passt zum nächsten Mitspieler. Ballverluste? Passieren ihm nur selten. Fast 94% seiner Pässe kamen in dieser Saison beim Mitspieler an. Und davon spielt er im Schnitt 74 in 90 Minuten.

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Der SPIX belegt Witsels herausragende Saison. Seine hohen Werte im Bereich Spielaufbau hängen nicht nur mit seiner Passquote zusammen. Witsel spielt viele seiner Pässe in der gegnerischen Hälfte, weist hier ebenfalls eine hohe Genauigkeit vor. Beim 2:0-Sieg über Freiburg spielte Witsel 22 Pässe in der gegnerischen Hälfte, 20 kamen beim Mitspieler an, einer sogar in die gefährliche Zone vor dem gegnerischen Tor. Das gewichtet der SPIX höher als einen gelungenen Pass in der eigenen Hälfte.

Statistische Daten können jedoch nicht messen, wie sich Pässe auf die Statik des Spiels auswirken. Beizeiten spürt man, dass Witsel kein geborener Spielgestalter ist, der drei oder vier Pässe im Voraus denkt, anders als etwa Sergio Busquets, Luka Modric oder auch Bayerns Thiago. So spielt er den Ball manches Mal in Zonen, die vom Gegner gut besetzt sind.

Es sind diese seltenen Situationen, in denen man spürt: In seinem Herzen ist Witsel noch immer der schmächtige Offensivspieler, der den direkten Weg zum Tor sucht. Doch damals wie heute agiert er nie kopflos, verliert nie die Ruhe am Ball. Ihm dürfte selbst die Derby-Stimmung auf Schalke nichts anhaben (Samstag, 15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). "Chaloupe" wird auch dort die ruhige Präsenz sein im Dortmunder Spiel. So wie die kleinen Boote an der Atlantikküste.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Papazaca 07.12.2018
1. Wenn es eine coole Socke gibt, heißt sie Witzel
Sehr ballsicher, läßt er sich nie nervös machen. Und er scheint ein netter Typ sein, der nicht böse Fouls begeht, und sehr mannschaftsdienlich ist. Neben Reuss ist Witzel DER Führungsspieler. Nicht nur jemand, auf den man sich verlassen kann, sondern der auch die wichtigen Impulse nach vorne gibt. Ein Glücksfall für den BVB.
roulaison 07.12.2018
2. Chapeau,
Chaloupe! Starker Typ.
benedetto089 07.12.2018
3.
Ein absoluter Gewinn für die Liga und den BVB. Hoffentlich wecken seine guten Leistungen keine Begehrlichkeiten. Mit fast 30 ist er nicht mehr der Jüngste, aber scheinbar ist er fit und nicht verletzungsanfällig. Vielleicht betreibt ja die chinesische Liga keinen solchen Raubbau an der Physis der Spieler wie die großen europäischen.
tomkey 07.12.2018
4. Witsels brutales Foul 2009
Zitat von PapazacaSehr ballsicher, läßt er sich nie nervös machen. Und er scheint ein netter Typ sein, der nicht böse Fouls begeht, und sehr mannschaftsdienlich ist. Neben Reuss ist Witzel DER Führungsspieler. Nicht nur jemand, auf den man sich verlassen kann, sondern der auch die wichtigen Impulse nach vorne gibt. Ein Glücksfall für den BVB.
Da muss ich Ihnen widersprechen, Witsel hat sich 2009 bei Standard Lüttich ein schlimmes Foul mit Schienen- und Wadenbeinbruch für den Spieler des RSC Anderlecht geleistet. Schauen Sie sich das brutale und vor allem absichtliche Foul mal an: https://www.youtube.com/watch?v=ANm73qFy6i8 Danach bekam Witsel eine Sperre von 8 Spieltagen und eine Geldstrafe. Danach gings bergab und er verdiente bei Benfica, Zenit und China sein Geld. Trotzdem war er Nationalspieler, konnte aber sicherlich auch seinen schweren Fehler überdenken und daraus lernen.
galagher 08.12.2018
5.
Zitat von tomkeyDa muss ich Ihnen widersprechen, Witsel hat sich 2009 bei Standard Lüttich ein schlimmes Foul mit Schienen- und Wadenbeinbruch für den Spieler des RSC Anderlecht geleistet. Schauen Sie sich das brutale und vor allem absichtliche Foul mal an: https://www.youtube.com/watch?v=ANm73qFy6i8 Danach bekam Witsel eine Sperre von 8 Spieltagen und eine Geldstrafe. Danach gings bergab und er verdiente bei Benfica, Zenit und China sein Geld. Trotzdem war er Nationalspieler, konnte aber sicherlich auch seinen schweren Fehler überdenken und daraus lernen.
Danke für den Beitrag. Ich sehe einen Spieler im Vollsprint und einen Verteidiger der volles Risiko geht. Keine Frage ein Foul. Eine halbe sekunde später und Wasilewski wäre derjenige mit der Roten Karte gewesen. Ihm Absicht zu unterstellen ist grotesk Die Meinung spiegelt die öffentliche Meinung von damals wieder, nicht das was das Video zeigt.
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