Team Welcome United Anpfiff für die Flüchtlinge

Die Fußballer kommen aus Syrien, Serbien und Somalia: Welcome United 03 ist das erste reine Flüchtlingsteam in Deutschland, das um Punkte kämpft. Ortsbesuch bei einer außergewöhnlichen Mannschaft.

Aus Babelsberg berichten und Nady El-Tounsy (Fotos)

Welcome-United-Spielmacher Abdihafid Ahmed: Nur vier überlebten die Flucht aus Somalia
Nady El-Tounsy

Welcome-United-Spielmacher Abdihafid Ahmed: Nur vier überlebten die Flucht aus Somalia


Es läuft die 97. Minute. Das Kreispokalspiel ist in der Verlängerung, Abdihafid Ahmed schnappt tief nach Luft, das Thermometer zeigt 31 Grad, es ist heiß in Babelsberg. Abdi, so nennen ihn seine Mitspieler, wischt sich den Schweiß von der Stirn, nimmt drei kurze Schritte Anlauf und versenkt den Ball vom Elfmeterpunkt unhaltbar in die rechte Torecke.

Es ist das 4:2 für Welcome United 03, die Vorentscheidung gegen den USV Potsdam. Auf einem kleinen Wall neben dem Kunstrasenplatz jubeln etwa 100 Zuschauer. Viele von ihnen tragen schon das dunkelblaue Fanshirt der neuen Mannschaft. Bierbecher fliegen durch die Luft. Trainer Sven George reißt die Arme hoch, die Kinder der Spieler toben vor Freude auf der Ersatzbank. Das Spiel am vergangenen Sonntag war das erste Pflichtspiel von Abdihafid und den anderen Flüchtlingen. Ein Novum in Deutschland.

Welcome United 03: So heißt die Mannschaft, die der Regionalligist SV Babelsberg 03 für den Spielbetrieb beim brandenburgischen Fußballverband angemeldet hat. Das Team ist eine reine Flüchtlingsmannschaft, die erste, die in Deutschland am offiziellen Spielbetrieb teilnimmt. Ihre Spieler kommen aus Serbien, Somalia, Syrien, Mazedonien und vielen anderen Ländern. Sie unterscheiden sich durch ihre Hautfarben, ihre religiösen Ansichten sind verschieden. Aber sie sind im Glauben vereint, dass der Fußball ihr Leben in Deutschland ein klein wenig bereichert.

Einer der Spieler ist Uzoukuw Ejike, ihn nennen alle Johnson. Er stammt aus Nigeria, seine Heimat musste er vor vier Jahren verlassen, weil er politisch verfolgt wurde. Er selbst war in Nigeria Politiker, doch durch die Unruhen im Land war das für ihn nicht länger möglich. In Deutschland arbeitet er in einem Seniorenheim, absolviert dort aktuell ein Praktikum in Hauswirtschaft. "Ich kann viel mehr. Ich fühle mich unterfordert", sagt Johnson.

Der 35-Jährige redet oft mit leiser Stimme, er wechselt fast fließend vom Englischen ins Deutsche. Seine Worte wählt er bewusst. Er organisiert in der Kabine und auf dem Platz seine Mitspieler, er wird von allen respektiert und gemocht. "Wir freuen uns, dass es endlich losgeht. Es ist schön, dass wir uns hier zeigen dürfen und nicht in einem Flüchtlingsheim versteckt werden", sagt er.

Anyanwu Obinwqnne Benjamin

Anyanwu ist 25 Jahre alt und kommt aus Nigeria. Er ist nach Deutschland geflohen, um zu studieren. Sein Vorbild ist der Franzose Thierry Henry. Er hofft, die Welt zu einem besseren Platz machen zu können.

William Munoh Mugre

William ist 27 Jahre alt und kommt aus Kamerun. Er ist gelernter Elektriker. Seine Heimat hat er nach einem Streit mit seiner Familie verlassen. William möchte ein christliches Leben führen, seine Eltern haben ihm das verboten. Er hofft auf ein freies und respektvolles Leben in Deutschland. Sein Vorbild ist Philipp Lahm. Im Spiel gegen Potsdam schoss William zwei Tore.

Ismail Nyouom Nchintouo

Ismail ist 28 Jahre alt und kommt aus Kamerun. Er arbeitet als Maurer und Masseur. Bei Welcome United spielt in der Abwehr. Er mag die Spielweise von Cristiano Ronaldo. Über seine Flucht möchte er nicht sprechen.

Mohamed Asad Jama

Jama ist 22 Jahre und der Toptorjäger von Welcome United. Er schoss gegen Potsdam fünf Tore. Sein Heimatland ist Somalia. Über seine Flucht nach Deutschland möchte er nicht sprechen.

Ibrahimi

Ibrahimi kommt aus Serbien und ist 25 Jahre alt. Er spielt im linken Sturm und arbeitet als Bauhelfer. Er hofft in Deutschland auf ein freies Leben mit viel Fußball.

Uzoukuw "Johnson" Ejike

Johnson ist 35 Jahre alt und kommt aus Nigeria. In seinem Heimatland hat er als Politiker gearbeitet, musste das Land aber wegen politischer Verfolgung verlassen. In Deutschland lebt er seit vier Jahren und arbeitet mittlerweile im Seniorenheim. Seine Aufenthaltsgenehmigung endet im September 2017. Der Lieblingsspieler vom Defensivallrounder ist Arjen Robben.

Abdihafid Ahmed

Abdihafid ist 20 Jahre alt und IT-Student. Seine große Leidenschaft ist der Fußball. "Abdi" spielte für eine Jugendauswahl von Somalia. In Somalia litt er unter politischer Verfolgung. Er kam mit einem Schlepper nach Europa. Seine Flucht war tragisch. Der Schlepper ging unter. Der 20-Jährige ist einer von vier Menschen, die die Überfahrt nach Europa überlebten.

Kemal Bero

Kemal ist mit 18 Jahren der jüngste Spieler von Welcome United. Er ist aus dem Irak vor dem Krieg nach Deutschland geflüchtet.

Hassan

Hassan ist der Co-Trainer der Mannschaft. Er lebt seit fünf Jahren in Deutschland und kommt aus Mazedonien. Während des Testjahrs von Welcome United war er der Chefcoach des Teams. Seine Aufenthaltsgenehmigung endet im Oktober. Er möchte in Deutschland bleiben.

Sven George

George ist seit Kurzem der Trainer der Mannschaft. "Ich habe schnell gemerkt, dass ich mit den Spielern zusammenpasse. Da war für mich klar: Ich will das machen", sagt er.

Vallery Witang

Vallery erhielt als erster Spieler von Welcome United die Spielgenehmigung. Er ist der Torwart der Mannschaft und kommt aus Kamerun. Über seine Flucht möchte er nicht sprechen.

Georges Michel Deutou

Der Kameruner spielt in der Defensive. Deswegen ist sein Vorbild Jerome Boateng. Über seine Flucht möchte er nicht sprechen.

Issa Mohamud Kulmiye

Issa kommt aus Somalia und hofft in Deutschland in einer Gesellschaft ohne Rassismus leben zu können. Aus seiner Heimat floh er, weil er politisch verfolgt wurde.

Moses Nwandu

Moses ist 31 Jahre alt und kommt aus Nigeria. Er sagt, er sei Fußballer. Sein Vorbild ist Thomas Müller. Er möchte nicht über seine Flucht sprechen.

Dass die Flüchtlinge jetzt am regulären Spielbetrieb teilnehmen dürfen, machte der SV Babelsberg möglich. Der Verein hat eine lange Tradition als politisch engagierter Klub. Seine Anhänger kämpfen seit Jahren gegen Rassismus und Homophobie. "Keine Zukunft für Nazis", steht auf einem Aufkleber am Eingangstor zum Fußballplatz, "Antiracist-Fan", auf einem Banner an der Seitenlinie.

"Wir wollen, dass die Spieler eine Heimat finden. Hier können sie Druck ablassen, sich austoben", sagt Thoralf Höntze, Marketingbeauftragter vom SV Babelsberg und einer der Betreuer der Flüchtlingstruppe: "Wir tragen das Thema Integration nach außen. Flüchtlingen wird hier eine Stimme gegeben." Die Babelsberger Szene wird von manchen als "St. Pauli des Ostens" bezeichnet. 2009 gründete das Fanprojekt eine Integrationsmannschaft, um gemeinsam mit Flüchtlingen Fußball zu spielen. Im vergangenen Jahr sollte daraus eine "echte" Mannschaft werden.

Manja Thieme, eine ehrenamtliche Helferin bei der Ausländerseelsorge, hatte die Idee. "Wir wollen, dass Sportvereine sich deutschlandweit klar gegen Rassismus, Alltagsdiskriminierung und Fremdenhass positionieren und zeigen, dass es für alle Seiten bereichernd ist, Flüchtlinge zu integrieren", sagt Thieme über ihr Projekt. Die Mannschaftsbetreuerin von Welcome United ist fast immer dabei, organisiert Grillfeste, kümmert sich um ihre Spieler.

Fotostrecke

10  Bilder
Welcome United: Torfestival bei 31 Grad
Als sie im vergangenen Sommer die Idee hatte, eine Flüchtlingself zu gründen, wurden Spenden gesammelt, die Babelsberger Fans besorgten Trikots, halfen mit Stutzen und Bällen aus. Die Flüchtlinge erhielten eine kostenlose Dauerkarte für die Spiele der ersten Mannschaft. Einige von ihnen fahren mittlerweile regelmäßig als Fans mit zu Auswärtsspielen. Der Verein hatte Freundschaftsspiele organisiert, um das Spieljahr ohne Spielerpässe zu überbrücken.

Und dieses "Testjahr" sei ein voller Erfolg gewesen, sagt Höntze. Es habe keine rassistischen Zwischenfälle gegeben. "Wir hatten zwar die Befürchtung, dass so etwas passieren könnte, aber die Überzeugung im Raum Babelsberg für so ein Projekt wie Welcome United ist zu groß. Rassismus bekommt hier keinen Platz", sagt Höntze.

Vor dem Saisonstart in der Kreisklasse am 23. August haben die meisten der Flüchtlinge eine Spielgenehmigung. Die Zusammenarbeit mit dem Verband sei immer besser geworden. "Ein Pass ist in vier bis sechs Wochen bei uns", sagt Thieme.

Früher in der Jugendnationalmannschaft von Somalia

Abdihafid hat schon einen. Er jongliert lässig mit dem Ball. In Somalia spielte er für die Jugendnationalmannschaft, hier in Babelsberg gehört er zu den besten Spielern von Trainer George. Der hält die Mannschaftsansprachen auf Englisch: "Bislang war das alles Spaß, aber heute geht es ums Gewinnen." Seine Spieler klatschen.

George ist erst seit Kurzem der Trainer. Die Kicker hatten sich einen Coach gewünscht, der aus Deutschland kommt, aus dem Land des Weltmeisters. Seine Spieler sind ambitioniert, sie machen ihm das Coaching leicht, es gibt kaum Konflikte. "Wenn es mal kracht, dann sportlich, nie religiös", sagt George.

In Babelsberg hoffen die Initiatoren, dass sich künftig auch Bundesligaklubs mit Projekten für Flüchtlinge einsetzen. Privatinitiativen wie "Champions ohne Grenzen" aus Berlin und der "FC Lampedusa" aus Hamburg tun dies bereits.

Projekt aus Hamburg darf nicht am Ligabetrieb teilnehmen

Die Verantwortlichen aus Hamburg kämpfen mit ihrem Projekt für Respekt und Akzeptanz für Flüchtlinge. Sie hatten auch vor, ihre Flüchtlingsmannschaft für den regulären Punktspielbetrieb zu melden. Dies sei an den "starren" Regeln der Hamburger Fußballverbände gescheitert, sagt Hagar Groeteke, eine der Trainerinnen vom FC Lampedusa.

Der Verband forderte für einen Spielerpass zu viele Informationen: eine Krankenversicherung, eine Meldeadresse, eine Freigabeerlaubnis aus dem Heimatland, ein Konto sowie eine Einzugsermächtigung. Ein Jahr spielte der FC Lampedusa in der Hamburger Freizeit Fußball Gemeinschaft: außer Konkurrenz, ohne Punkte, ohne die Chance auf einen sportlichen Aufstieg. "Für alle Beteiligten war das unbefriedigend", sagt Groeteke. Nun spielt der FC Lampedusa nur noch Turniere und Freundschaftsspiele.

In Babelsberg gewinnen die Flüchtlinge nach einer sensationellen Verlängerung am Ende 8:2. Welcome United zieht in die zweite Kreispokalrunde ein. Hassan umarmt seinen Sohn, als das letzte Tor fällt. Er ist Co-Trainer von Welcome United und verteilt Wasserflaschen an die Spieler. Sonst arbeitet Hassan bei der Post. "Ich musste dreieinhalb Jahre auf meine Arbeitserlaubnis warten", sagt er. Der Mazedonier lebt seit fünf Jahren mit seiner Familie in Berlin. Er möchte hier bleiben, Deutschland ist seine Heimat geworden.

Am liebsten hätte Hassan selbst mitgespielt, aber nach einem Vereinswechsel ist er noch bis Oktober gesperrt. Ob er dann für Welcome United auflaufen wird, weiß er nicht. Seine Aufenthaltsgenehmigung läuft im September aus.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.