Fangewalt in Baden-Württemberg Flügelwechsel der SPD

Personalisierte Tickets, Schnellgerichte, Stadionverbote: In Baden-Württemberg will sich die SPD-Opposition mit einem Law-and-Order-Vorstoß zur Sicherheit rund um Fußballstadien profilieren. Das kommt unerwartet.

VfB Stuttgart - Karlsruher SC, 09.04.2017
imago/ Sportfoto Rudel

VfB Stuttgart - Karlsruher SC, 09.04.2017


Jürgen Walther kann nur mit dem Kopf schütteln, wenn er sich die Gesetzesvorlage der Stuttgarter SPD-Fraktion zum Thema Fußball und Sicherheit durchliest. "Ich weiß nicht, was die Kollegen da geritten hat", sagt der Landtagsabgeordnete der Grünen. "Da wird so getan, als seien Fußballspiele mordsgefährlich. Dabei bin ich mir sicher, dass man auf dem Cannstatter Wasen gefährlicher lebt als beim Fußball."

Tatsächlich will die Stuttgarter SPD, die größte Oppositionsfraktion im schwarz-grün regierten Ländle, einen Gesetzentwurf einbringen, der es in sich hat. Verfasst hat ihn Landtagsmitglied Sascha Binder, der wie Walther Fan des VfB Stuttgart ist und darauf verweist, dass die Zahl der Straftaten rund um Fußballspiele in der Saison 2016/2017 im Vergleich zur Vorsaison von 512 auf 679 gestiegen sei. Auch sei die Anzahl der von der Polizei geleisteten Stunden mit 78.000 viel zu hoch.

Personalisierte Tickets, Schnellgerichte vor Ort, mehr Stadionverbote

"Aber der Innenminister ist weit davon entfernt, mit voller Konsequenz für mehr Sicherheit im Stadion zu sorgen", sagt Binder. Er fordert bei Hochrisikospielen personalisierte Auswärtstickets ("wer sich ordentlich benimmt, hat damit auch kein Problem") und Schnellgerichte vor Ort, sowie häufigere und längere Stadionverbote. "Sollten sich die Vereine nicht in der Lage sehen, Stadionverbote zu verhängen, müssen das DFL und DFB übernehmen."

Der Hardliner-Kurs der baden-württembergischen SPD ist auch wahltaktisch interessant. Normalerweise sind es Politiker der Unionsfraktionen, die solche Forderungen erheben, während Fanprojekte, Kriminologen und Sozialwissenschaftler die Sicherheitsdebatte im Fußball in der Regel für maßlos übertrieben halten - und dabei vor Ort meist von Politikern der Grünen, der Linken, der Piraten und der SPD unterstützt werden.

Traditionell sind SPD-geführte Landesregierungen zudem immer schneller bereit gewesen, Sozialarbeit zu fördern. Umso überraschender, dass in Baden-Württemberg der führende SPD-Innenpolitiker dem CDU-Innenminister Thomas Strobl vorwirft, er setze zu sehr auf Dialog und zu wenig auf Repression. "Natürlich polarisieren unsere Vorschläge, aber darüber kann man wenigstens diskutieren."

Parteifreund Pistorius "hat sich vergaloppiert"

Strobl hingegen setze auf Scheinlösungen, sagt Binder, der betont, dass seine Vorschläge auch bei den Polizeigewerkschaften gut ankämen. Auch mit Parteifreund Boris Pistorius, der jüngst über die Möglichkeit nachgedacht hat, in Teilbereichen einer Kurve Pyrotechnik zu dulden, liegt Binder über Kreuz: "Da hat er sich vergaloppiert. Wie er darauf kommt, dass man in einem Stadion rechtsfreie Räume schaffen kann, muss Pistorius mir mal erklären."

Ein weiterer Punkt, der für Diskussionen sorgen dürfte: Binder will, dass die Vereine bei Risikospielen an den Kosten beteiligt werden. Dass das Verwaltungsgericht in Bremen den Gebührenbescheid des Stadtstaates an die DFL im Mai für rechtswidrig erklärte, ist für Binder kein Hinderungsgrund. "Da ging es nur um den fehlerhaften Gebührenbescheid. Und verfassungsrechtlich gibt es keine Expertise, die da Bedenken hätte."

"Das wäre das Ende von Fanprojektarbeit"

"Unfassbar", findet dagegen Volker Goll von der "Koordinierungsstelle der Fanprojekte" die SPD-Vorschläge. Wenn Binder wolle, dass auch die vom Verein unabhängig arbeitenden Fanprojektmitarbeiter an der Strafverfolgung mitwirken sollen, sei die Konsequenz klar: "Das wäre das Ende von Fanprojektarbeit, denn die beruht auf einem Vertrauensverhältnis zur Szene."

Zudem stört Goll, dass Binder von den Einsatzzahlen der Polizei auf die tatsächliche Gefahrenlage schließe. Oft würden einfach auch zu viele Beamte eingesetzt - eine Sicht, die im Übrigen auch viele baden-württembergische Polizeivertreter intern unterstützten, wie Grünen-Politiker Walther behauptet: "Wir sind da auf einem sehr guten Weg." Es sei in Absprache mit der Polizei schon damit begonnen worden, "die viel zu hohen Einsatzzahlen runterzufahren, ohne dass das auf Kosten der Sicherheit ginge."

Es gehe darum, auch im Fußball eine "Willkommenskultur" zu pflegen und "die Sprachlosigkeit zu überwinden, die seit langem zwischen Fans, Vereinen und Polizei herrscht". Auch deshalb soll es künftig so genannte "Stadionallianzen" geben, bei denen Vertreter von Polizei, Vereinen, Fanprojekten, Justiz und Kommunen sich vor Ort um die Sicherheit kümmern. Zumindest in dieser Saison dürfte es in Baden-Württemberg weniger Hochrisikospiele geben als die sechs in der vergangenen Saison. Aufgrund des Karlsruher Abstiegs stehen weder die Partien KSC gegen Dresden noch die Derbys zwischen dem VfB Stuttgart und dem KSC auf der Agenda.



insgesamt 8 Beiträge
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woiza 24.09.2017
1. Lachnummer
Bis Mai 2016 hieß der Innenminister Reinhold Gall (SPD). Wenn sie Verschärfungen hätten haben wollen, hätten sie die durchsetzen können. Typisch SPD. Sie fordern seit diesem Jahr ja auch, dass Junglehrer nicht mehr für die Sommerferien entlassen werden. Von 2011 bis 2016 hat die SPD den Kultusminister und den Finanzminister gestellt.
tomkey 24.09.2017
2. Denn sie wissen nicht was sie tun
Der Mann hat überhaupt keine Kenntnisse von der Fanszene will aber kräftig am Rad drehen und mit Mitteln eingreifen, die zu einer Eskalation führen. Stand dieser Mensch schon mal in einer Kurve, hat er einmal Auswärtsfahrten mitgemacht? Hat er selbst erlebt, wie junge Menschen sich in Vereinen und rundherum um Unterstützung bemühen? Mal wieder die SPD. Da man nur noch den Kopf schütteln.
genugistgenug 24.09.2017
3. Letzte Attacke im Wahlk(R)ampf - hoffentlich
Da wollen die Sozen offenbar die CDU, dann xfx und sogar die Grünen weit rechts überholen um so vielleicht noch einige Stimmen zu sammeln. Man setzt anscheinend auf den Mitleidsfaktor 'Die haben außerhalb der Vollversorgung in der Politik keine Chance auf Beachtung und bevor sie abgewählt werden und dann Omas vom Rollator schubsen gehen, kriegen sie halt meine Stimme'. Anscheinend arbeiten die BW Sozen an der Unterschreitung der 5% Hürde (letzte BW Wahl März 2016 schafften sie immerhin schon 12,7%). Wie wäre es denn mal mit Benimmkrusen für Fußballer die auf den Rasen spucken/rotzen und das live im Fernsehen? Natürlich staatlich finanziert,w ie alles was die Sozen wollen, denn der Steuerzahler hat es ja. PS was für ein Glück das heute Wahltag ist - dann müssen wir nur noch 14 Tage Erklärungen ertragen wieso es doch so gekommen ist und man sich doch so "bemüht" hat - dann die Korruptionsverhandlungen in denen begründet wird, dass diese Korruption der Wählerwille war (WER konnte das überhaupt angekreuzen?') und dann noch das Postengeschaer und dann ist wieder Ruhe bis in 3 1/2 Jahren alles von vorne beginnt.
jean-baptiste-perrier 24.09.2017
4. Schnellgerichte?
Vor allem die Forderung nach (mehr und schnelleren) Schnellgerichten ist absurd. Was kann im Stadion denn noch schneller zubereitet werden als Bratwurst (abgesehen von belegten Brötchen)? Die SPD tut ja geradezu so, als gäbe es in allen Stadien nur sich in die Länge ziehende Gänge-Menüs. Das ganze beweist einmal mehr das große Teile der SPD in ihrer eigenen Parallel-Wirklichkeit leben.
Nonvaio01 24.09.2017
5. ganz einfach
Zitat von jean-baptiste-perrierVor allem die Forderung nach (mehr und schnelleren) Schnellgerichten ist absurd. Was kann im Stadion denn noch schneller zubereitet werden als Bratwurst (abgesehen von belegten Brötchen)? Die SPD tut ja geradezu so, als gäbe es in allen Stadien nur sich in die Länge ziehende Gänge-Menüs. Das ganze beweist einmal mehr das große Teile der SPD in ihrer eigenen Parallel-Wirklichkeit leben.
im stadion ist alles auf video, es wird ein container vor dem stadion aufgestellt, dort sitzt ein richter, schaut sich die videos an und dann von der gleich in den knast. Solche leute haben nichts anders verdient. in der UK hat das prima geklappt.
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