Frage: Herr Khedira, was hat die Nachricht vom WM-Aus Michael Ballacks bei Ihnen ausgelöst?
Khedira: Ich war schockiert, dass es wirklich so schlimm ist. Ich lag gerade auf der Bank bei unserem DFB-Masseur Klaus Eder, als mich die Nachricht erreichte. Die Stimmung war schon gedrückt, als ich mir Gedanken gemacht habe, wie es jetzt weitergeht.
Frage: Es könnte so weitergehen: Sie ersetzen Ballack. Oder würde Sie das überraschen?
Khedira: Was heißt Überraschung? Bei diesem Turnier will ich nicht nur den Gute-Laune-Peter spielen, sondern meine Leistung auf dem Platz anbieten. Und das könnte jetzt eventuell der Fall sein.
Frage: Eventuell? Joachim Löw hat Ihnen also noch nicht mitgeteilt, dass Sie an der Seite von Bastian Schweinsteiger spielen werden?
Khedira: Nein, wir haben jetzt noch zwei Testspiele und genügend Trainingseinheiten, in denen ich versuche, mich noch besser einzufügen und eine noch wichtigere Rolle einzunehmen. Ich will dem Bundestrainer zeigen, dass ich bereit bin, die Position zu spielen.
Frage: Es ist gerade ein Jahr her, da haben Sie gesagt, Sie wollen bei der WM nicht nur auf der Bank sitzen, sondern spielen.
Khedira: Die Sache ist für Michael und für das Team bitter, und ich möchte nicht dastehen als der, der davon profitiert hat. Aber klar ist es mein Ziel, auf dieser Position zu spielen.
Frage: Bis vor kurzem waren Sie noch ein Ergänzungsspieler, plötzlich stehen Sie im Mittelpunkt. Wie gehen Sie damit um?
Khedira: Mir war immer bewusst, dass Michael Ballack und Bastian Schweinsteiger gesetzt sein werden, weil sie auch wirklich gut sind. Aber ich habe mich nie verrücktmachen lassen. Ich werde mir auch jetzt nicht den Kopf zerbrechen, ob ich spiele und welche Aufgabe auf mich zukommt. Ich bleibe konzentriert. Ich will den Beweis antreten, dass ich da bin, wenn ich gebraucht werde. Momentan spüre ich eine gewisse Vorfreude, aber keine große Nervosität. Denn das, was eintreten könnte, wollte ich doch immer. Darauf habe ich zwei Jahre hingearbeitet.
Frage: Beim VfB Stuttgart spielen Sie bereits diese dominante Rolle im zentralen Mittelfeld. Lässt sich das nicht einfach auf das Nationalteam übertragen?
Khedira: Egal wo, wenn man auf den Platz geht, versucht jeder, seine bestmögliche Leistung zu bringen. Aber natürlich ist die Qualität in der Nationalmannschaft noch einmal höher als im Verein.
Frage: Alles deutet auf ein Duo mit Ihnen und Bastian Schweinsteiger hin. Sie haben noch nie miteinander gespielt. Reichen zwei Testspiele und zwei Wochen Trainingslager aus?
Khedira: Entscheidend ist doch, dass jeder einzelne ein gutes taktisches Verständnis mitbringt. Und das wäre bei uns der Fall. Bastian hat es ja die ganze Saison gezeigt, wie hervorragend er auf dieser Position spielen kann. Und ich spiele diese Position jetzt schon zwei Jahre beim VfB. Deswegen würde es bestimmt klappen, wenn es auf diese Konstellation hinausliefe.
Frage: Was macht Sie denn zu einem guten Ersatz-Ballack?
Khedira: Soll ich darauf wirklich antworten? Also gut: Ich habe immer wieder Spaß, den Ball zu erobern, aber auch Tore zu erzielen. Ich glaube, dass ich mich voll reinhängen kann und mich da zur Verfügung stelle, wo das Team mich am ehesten braucht, in der Offensive oder in der Defensive.
Frage: Fühlen Sie sich in Ihrer Spielweise Michael Ballack verwandt?
Khedira: Was Ballack erreicht, was er für den deutschen Fußball getan hat - es wäre unverfroren, mich mit ihm zu vergleichen. Ich habe meine eigene Spielweise, aber natürlich schaue ich mir die Stärken von Weltklassespielern ab, und dazu gehört auch Michael Ballack.
Frage: Sie interpretieren die Rolle im zentralen Mittelfeld eher offensiv. Wer müsste sich denn nach wem richten: Sie nach Schweinsteiger oder umgekehrt?
Khedira: Wenn man ein gutes Gefühl hat und ein eingespieltes Team ist, dann achtet doch der eine auf den anderen. Das macht doch ein gutes Duo aus. Da geht jeder mal in die Spitze. Und wie ich den Basti jetzt bei den Bayern gesehen habe, ist er torgefährlich geblieben, kann aber auch sehr strategisch spielen. Bei mir ist es ganz ähnlich. Am Ende liegt es immer am Willen, sich in ein System einzufügen. Wenn der da ist, ist es Wurst, wer neben einem spielt.
Das Interview entstand im DFB-Camp in Sciacca, Sizilien, in einer Runde mit mehreren Journalisten. Aufgezeichnet von Christian Gödecke
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