Weltfußballer-Wahl Die seltsame Abwesenheit der Deutschen

Die Wahl zum Weltfußballer wurde zum Triumph der spanischen Primera Division. Der deutsche Fußball spielte allenfalls eine Nebenrolle - die meisten Spieler und Trainer blieben der Veranstaltung fern.

Fifa-Weltelf: Torwart Neuer fehlt
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Fifa-Weltelf: Torwart Neuer fehlt

Aus Zürich berichtet


Man sollte glauben, dass seine inzwischen fünfte Wahl zum Weltfußballer des Jahres einen Mann wie Lionel Messi nicht mehr allzu sehr bewegt. Der beste Spieler der Welt gewinnt Titel am laufenden Band, aber am Montagabend schien er geradezu euphorisiert, als er mit seinem goldenen Ball in der Hand durch das Kongresshaus Zürich lief.

Immer wieder streichelte Messi sanft über die Trophäe, während er wie ein Floh von einer Journalistentraube zur nächsten sprang, zu sagen hatte er aber kaum etwas. "Es ist schön, nach zwei Jahren, in denen ein anderer gewonnen hat, noch mal hier zu stehen", erklärte der Argentinier und hüpfte weiter.

"Ein anderer", das war Cristiano Ronaldo. Selbst Messis ultraehrgeiziger Rivale von Real Madrid hatte lächelnd applaudiert, er war nach zwei Jahren als Weltfußballer diesmal Zweiter geworden. Und Barcelonas Neymar hatte gemeinsam mit seinem Trainer Luis Enrique, der den Preis für den besten Fußball-Lehrer gewann, den totalen Triumph der spanischen Primera División komplettiert. Dem deutschen Fußball war hingegen allenfalls eine Nebenrolle zugefallen.

Guardiola war gar nicht erst angereist

Anders als in den vergangenen Jahren, als die Nominierungslisten voll mit Akteuren aus den Bundesligen waren und Joachim Löw sowie Jupp Heynckes sogar gewannen, während Franck Ribéry (2013) und Manuel Neuer (2014) jeweils Dritte wurden, gehörte diesmal bei den Männern alleine Bayern Münchens Trainer Josep Guardiola zu den Kandidaten. Er wurde Zweiter hinter Enrique, war aber gar nicht erst angereist. Zeigte sich hier schon eine erste düstere Folge der finanziellen Lücke, die nach Ansicht vieler Experten zwischen der Bundesliga und anderen großen Ligen aufreißt?

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Weltfußballer: Lothar, George und Lionel
Célia Sasic, die einzige für einen Preis nominierte Deutsche, die hinter der US-Amerikanerin Carli Lloyd zur zweitbesten Spielerin gekürt wurde, glaubt das nicht. "Das ist kein Spiegelbild von dem, was in Deutschland passiert", sagte sie nach der Gala. "Wenn man die Entwicklung sieht, was Vereine, wie der FC Bayern leisten, was für Spiele sie abliefern auch international, wie präsent sie da sind." Aber die Absenz der Deutschen zeigt beispielhaft, wie sehr die Wahl zum Weltfußballer von Titeln abhängt. Zumindest jenseits von Messi und Ronaldo.

Auf Rang vier hinter Messi (41,3 Prozent), Ronaldo (27,7) und Neymar (7,86) wählten die Experten, Trainer und Kapitäne der Nationalteams dieser Welt übrigens Bayern-Stürmer Robert Lewandowski (4,17), sechster wurde Thomas Müller, siebter Manuel Neuer (1,97), der immerhin in die ebenfalls von in Spanien spielenden Profis dominierte Weltelf gewählt worden war. Aber Neuer ließ sich ebenso von Paul Breitner vertreten wie Guardiola, sie wollten das derzeit in Katar laufende Trainingslager nicht unterbrechen.

Asamoah als einziger Deutscher geehrt

Die Vertreter der Klubs aus den anderen Ländern waren aber gekommen, und irgendwie wirkte die Abwesenheit des deutschen Fußballs seltsam. Vielleicht sind sie beim FC Bayern ein bisschen genervt, dass weder der Münchner Champions-League-Gewinn 2013 noch der deutsche WM-Titel 2014 die Messi-Ronaldo-Phalanx durchbrechen konnte. Und einige Journalisten fragten sich sogar, ob die chaotischen Zustände beim Weltverband nach einem Jahr der Skandale zu den Gründen für das Fernbleiben der Deutschen zählen.

Der einzige Deutsche, der am Ende tatsächlich ausgezeichnet wurde, war der ehemalige Nationalspieler Gerald Asamoah, der einen Fairplay-Preis entgegen nahm. Nicht nur für sein eigenes Engagement, sondern stellvertretend für alle Leute im Fußball, die sich "gegen Diskriminierung, Rassismus und für Flüchtlinge" einsetzen. Für einen Moment war der deutsche Fußball präsent. Mit den vielen Solidaritäts- und Willkommensaktionen, die Fans und Vereine im vergangenen Jahr organisiert hatten.

Asamoah wirkte extrem nervös, als er auf die Bühne kam, auch seine Familie sei einst aus Ghana geflohen und habe in Deutschland eine neue Heimat gefunden, erzählte er und rief, man müsse, "alles dafür tun, damit die Leute sich wohl fühlen, wenn sie hier Zuflucht suchen".

Wenige Meter vor ihm saß der Fifa-Ehrengast Victor Orbán, der umstrittene Ministerpräsident Ungarns, der am liebsten alle Flüchtlinge vor den europäischen Grenzen abweisen würde. Es war eine bizarre Konstellation, die die Fifa hier geschaffen hatte, aber so gab es immerhin einen Reibungspunkt an einem ziemlich vorhersehbaren Abend.

Im Video: Messi gewinnt, Ronaldo verschwindet



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insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
ackergold 12.01.2016
1.
Ich denke nicht, dass das mit "den Deutschen" zu tun hat, aber eines dürfte klar sein: solange die korrupte FIFA irgendwelche Helden ehrt, ist die Auszeichnung ziemlich irrelevant und sagt rein gar nichts aus. Es ist an der Zeit, solche Titel unabhängig von der FIFA zu vergeben, dann wird es vielleicht auch wieder spannend und der Sponsor des Preisträgers spielt keine Rolle mehr.
vox veritas 12.01.2016
2.
Die anderen Teams mögen viele gute Einzelspieler haben, aber Fußball wird von einer Mannschaft gewonnen. Nur die Zusammenarbeit aller Spieler verspricht Erfolg.
axelmueller1976 12.01.2016
3. Weltfußballer kein Kommentar
Laßt die Spanier unter sich bleiben.
lupenreinerdemokrat 12.01.2016
4.
Wüsste im Moment auch keinen deutschen Fußballer - außer Manuel Neuer - dem der Titel angemessen wäre. Fakt ist numal, dass an Messi zur Zeit auch keiner rankommt. Am nächsten vielleicht noch Suarez, Neymar oder Ronaldo.
lofi 12.01.2016
5.
Die Wahl Messis zum Weltfußballer, ok. Ein endgültiger Witz ist jedoch die sog. Elf des Jahres, ohne jegliche Feldspieler aus der Bundesliga oder Premier League. Was sollen Leute wie Thiago Silva,Marcelo oder Alvez dort? Nur im Frauenfussball konnte man nun beim besten Willen niemanden aus Spanien nehmen. Wie gesagt, man kann das ganze insgesamt nicht ernst nehmen.
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