Barcelonas Tito Vilanova: Mehr als ein Coach

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"Mehr als ein Club", dieses Motto des FC Barcelona lebt kaum jemand so leidenschaftlich wie sein Trainer, Tito Vilanova. Jetzt muss der 44-Jährige seinen Traumberuf aufgeben - er ist erneut an Ohrspeicheldrüsenkrebs erkrankt.

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Trainer Vilanova: Lebensprägende Bindung an seinen Club

Tito Vilanova ist ein leiser Mensch. Wie er spricht, arbeitet, wie er in der Öffentlichkeit auftritt: leise. Bis auf dieses eine Mal, vor wenigen Tagen, als Vilanova plötzlich die Stimme erhob, ausgerechnet gegen den großen Freund. Pep Guardiola habe ihn im Stich gelassen während seiner Krebserkrankung, sagte Vilanova, und glaubt man den Zeugen dieses Ausbruchs, schwang in seinen Worten Wut und Kränkung mit. Es klang nicht nach Vilanova, wie man ihn bislang kannte, nicht nach dem außergewöhnlich erfolgreichen, aber nach außen stets bescheidenen Trainer des FC Barcelona.

Nun ist klar, es war nicht der Tito Vilanova, der mit Barcelona die beste Saisonhälfte in der Geschichte des spanischen Fußballvereins gefeiert hatte. Es war ein schwerkranker Mann, der da sprach. Vilanova, 44, ist abermals an Ohrspeicheldrüsenkrebs erkrankt, so schlimm, dass er seinen Beruf nicht weiter ausüben kann.

Am späten Freitagabend gab der FC Barcelona bekannt, dass Vilanova sofort das Amt abgebe, weil sich die Behandlung seiner Krankheit nicht mehr mit den Aufgaben eines Trainers des Clubs vereinen ließe. "Es ist ein schwerer Schlag", sagte Barcelonas Präsident Sandro Rosell auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz, an der Vilanova nicht teilnahm.

Vilanova erlernte den Fußball von Cruyff

Es ist eine tragische Geschichte, die den Katalanen mit dem Verein verbindet. Lange musste er kämpfen, um mit dem FC Barcelona Erfolg zu haben, eigentlich schon, seit er als Junge angefangen hatte, in Barcelona Fußball zu spielen. Und nun, da Vilanova es endlich geschafft hat, in diesem Überverein mehr als nur ein mittelmäßiger Fußballer oder der Trainer hinter dem Trainer zu sein, endet diese Geschichte offenbar für ihn.

Wie Pep Guardiola, jetzt neuer Star des FC Bayern München, lernte der nördlich von Barcelona in Bellcaire d'Empordà geborene Vilanova das Fußballspiel in Barças Jugendakademie La Masia von Johan Cruyff. Der Niederländer impfte seinen Schülern das für den Club so charakteristische Kurzpassspiel, das Tiki-Taka, ein. Vilanova verinnerlichte dieses Spiel, es war wohl verantwortlich für seine große Liebe zum Fußball. Und zum FC Barcelona. Doch anders als Guardiola schaffte es der zurückhaltende Vilanova nie, sich in der ersten Mannschaft Barcelonas durchzusetzen, mehr als einige Freundschaftsspiele durfte er nicht machen.

Anfang der neunziger Jahre verließ Vilanova den FC Barcelona, er wechselte in die zweite Liga zum UE Figueres und von dort einige Zeit später zu Celta de Vigo. Er nahm das wenig lukrative Angebot des Aufsteigers an, weil der Club ihm die Möglichkeit offen ließ, nach Barcelona zurückzukehren, sollte der Verein nach ihm rufen. Vilanova wollte seinen Traum nicht aufgeben, noch einmal für diesen einen, für seinen Verein spielen zu dürfen. Er wurde ihm nicht gewährt, Vilanova blieb ein mittelmäßiger Zweit- und Drittligaspieler.

Erst als Trainer konnte man Vilanova in Barcelona wieder brauchen. Nachdem er für mehrere kleinere Vereine gearbeitet hatte, stellte ihn die Vereinsführung als Jugendtrainer ein. Zwei Jahre währte das Glück, doch nach Umstrukturierungen gab es 2003 abermals keinen Platz mehr für Vilanova, er wurde entlassen. Es war der frühere Kamerad Guardiola, der ihn vier Jahre darauf wieder in den Verein holte, gemeinsam mit ihm trainierte Vilanova die Reservemannschaft Barças. Seite an Seite stieg das ungleiche Paar - der schillernde Guardiola hatte es als Spieler längst zu einiger Berühmtheit gebracht - 2008 zum Trainerteam der ersten Mannschaft auf.

Vilanova übernahm Guardiolas Posten

Es folgten die bis dahin größten Jahre des FC Barcelona, Champions-League-Siege, Meisterschaften. Während Guardiola in der Öffentlichkeit stets als Macher dieses Erfolgs galt, hielt sich der wortkarge Co-Trainer Vilanova zurück, er werkelte im Hintergrund, analysierte die Gegner, erdachte Taktiken. Dabei musste er nicht erst lernen, wie Barcelona zu denken, er hatte die Weisheit und Schönheit des Spiels, seinen großen Traum, immer im Kopf gehabt.

Als Guardiola den FC Barcelona 2012 verließ, um sich in New York eine Auszeit zu gönnen, schien es selbstverständlich, dass der Vertraute seine Stelle einnahm. "Tito Vilanova ist die beste Wahl für diesen Posten", sagte Guardiola. Er trat damit allen Kritikern entgegen, die Vilanova nicht zutrauten, den Job alleine machen zu können. Sie wurden zügig Lügen gestraft. Ohne eine einzige Niederlage führte Vilanova die Mannschaft durch die Hinrunde der spanischen Meisterschaft. Doch dann kam die Diagnose.

Im Dezember erfuhr Vilanova, dass der Ohrspeicheldrüsenkrebs zum zweiten Mal ausgebrochen war, dabei hatten ihm die Ärzte im Jahr zuvor versichert, die Krankheit sei besiegt. Vilanova musste seine Mannschaft immer wieder alleine lassen, während er sich in New York behandeln ließ, doch Spieler und Vereinsführung hielten zu ihm. "Es wird keinen anderen Trainer geben als Tito Vilanova", sagte Rosell damals, als die Mannschaft in der Champions League und im spanischen Pokal an der Abwesenheit Vilanovas krankte.

Siege und Titel seien schön, sagte Rosell, doch das Wichtigste sei, dass Vilanova wieder ganz gesund würde. "Alles andere ist Nebensache." Eine der besten Mannschaften der Welt verzichtete auf den Trainer, nur um ihm zu zeigen, dass sie mit aller Überzeugung hinter ihm stehe. "Mes que un club", mehr als ein Verein, heißt das Motto des FC Barcelona, und selten schien es so zuzutreffen wie damals.

Es ist auch das Credo Vilanovas, für den der FC Barcelona mehr als eine gewöhnliche Mannschaft ist. Er ist seine große Liebe. Doch schon während seiner ersten Krebserkrankung hatte Vilanova erkannt, dass Leben, Gesundheit, Familie unendlich wichtiger sind. Er hatte wohl auch diese Einsicht im Kopf, als er die Stimme gegen den Freund erhob.

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Speicheldrüsenkrebs
Parotistumor
Vor dem Ohr, in der Backe, liegt die größte Speicheldrüse des Menschen, im Fachjargon Parotis genannt. Sie ist der häufigste Ort für Speicheldrüsentumoren. Sowohl gutartige als auch bösartige Wucherungen wachsen meist, ohne dass die Betroffenen zunächst Schmerzen spüren.

Das erste Symptom, das Patienten auffällt, ist häufig eine Lähmung des Gesichtsnervs (Fazialis): Die Muskeln der betroffenen Gesichtshälfte erschlaffen. Die Patienten können die Stirn nicht mehr runzeln, das Auge unter Umständen nicht mehr vollständig schließen, der Mundwinkel hängt herab.

Der Großteil (70 bis 80 Prozent) der Parotistumoren ist gutartig, höchstens ein knappes Drittel bösartig. Gutartige Wucherungen können auch zu bösartigen entarten.
Behandlung
Die Tumoren müssen immer operiert werden, weil sich auch gutartige Wucherungen zu bösartigen entwickeln können. Die Operation ist wegen des Gesichtsnervs heikel: Er läuft mitten durch die Ohrspeicheldrüse - und sollte bei der Operation nicht verletzt werden. Die Parotis selbst wird normalerweise ganz entfernt, wenn der Tumor bösartig ist. Wächst der Krebs bereits in den Fazialis hinein, muss auch der Nerv entfernt werden. Folge ist unter anderem eine Gesichtslähmung.

Bei manchen Patienten ist die Operation damit noch nicht beendet: Unter Umständen müssen die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte noch Lymphknoten am Hals entfernen. Bei dieser so genannten Neck Dissection werden auch einige Muskeln, Gefäße und Nerven am Hals und eine weitere Speicheldrüse entfernt. Zusätzlich zur Operation bekommen manche Patienten eine Chemotherapie oder werden bestrahlt.
Häufigkeit
Insgesamt gehören Speicheldrüsentumoren zu den seltenen Krebsarten. An sämtlichen Tumoren der Mundhöhle, zu denen der Parotistumor gehört, erkranken jährlich rund 13.000 Menschen in Deutschland neu. Beim Brustkrebs alleine sind es dagegen 72.000 Neuerkrankungen jährlich.
Prognose
Bei Krebs in Mundhöhle und Rachen liegt die Überlebensrate fünf Jahre nach der Diagnose bei 55 Prozent für Frauen und 47 Prozent für Männer (Zahlen von 2000 bis 2004). Die Prognose hängt unter anderem davon ab, ob der Tumor vollständig entfernt werden kann oder nicht. Speicheldrüsenkrebs hat eine vergleichsweise hohe Rezidivrate, das heißt die Tumoren neigen dazu, erneut aufzutreten.
Quellen

Tabellen