Missbrauch im britischen Fußball "Sie waren der Teufel in Menschengestalt"

Weil er jahrelang Fußball-Nachwuchsspieler sexuell missbraucht hat, muss ein ehemaliger Scout von Manchester City wohl bis an sein Lebensende ins Gefängnis. Damit ist der Fall noch lange nicht abgeschlossen.

Gerichtszeichnung vom Prozess: Angeklagter Barry Bennell (im blauen Pullover)
DPA

Gerichtszeichnung vom Prozess: Angeklagter Barry Bennell (im blauen Pullover)

Aus Liverpool berichtet


Aus Sicht der Opfer wurde einer der ganz großen Kämpfe entschieden an diesem grauen Montagnachmittag im Crown Court mitten in Liverpool, zwischen Fußgängerzone und Mersey-Fluß. "Dieses Urteil ist der Beweis, dass die Liebe immer gegen das Böse gewinnt", hieß es am Ende einer kurzen Rede, die drei Männer in Anzügen vor einem Strauß von Mikrofonen verlasen.

Als diese Männer noch keine Männer waren, sondern Kinder, besessen von dem Wunsch, Fußball-Profi zu werden, wurden sie und viele ihrer Altersgenossen vielfach sexuell missbraucht, und zwar von ihrem Jugendtrainer und Talentspäher. Barry Bennell ist heute 64 Jahre alt. Er war schon dreimal im Gefängnis und wurde in Liverpool mit einer weiteren Strafe belegt, die dazu führen dürfte, dass er bis zum Ende seines Lebens nicht mehr frei kommt. Das Gericht verurteilte ihn zu 31 Jahren Haft für Missbrauch in insgesamt 50 Fällen an zwölf Jungen im Zeitraum zwischen 1979 und 1991. Viele der Jungen waren noch nicht einmal im Teenager-Alter, als sich Bennell an ihnen verging.

Es ist ein spektakulärer, ein erschütternder Fall, der dem englischen Fußball allerhand unbequeme Fragen hinterlässt. Warum blieben Bennells Taten damals unbemerkt? Was kommt noch ans Licht? Und: Wie wird sichergestellt, dass heutzutage keine Bennells mehr als Trainer oder Scouts im Nachwuchsbereich arbeiten?

"Dieser Mann hat mir die einzige Kindheit geraubt"

Die Schilderungen, die einige seiner Opfer im Gericht in Liverpool vortrugen, machten deutlich, welchen Schaden er angerichtet hat. Bleibenden Schaden. Die ehemaligen Jugendfußballer sprachen davon, dass Bennell ihren Traum von einer Karriere als Profi zerstört habe. Dass sie immer noch Schuldgefühle hätten. Dass es ihnen schwer falle, Menschen zu vertrauen und Beziehungen einzugehen. Dass sie unter Albträumen, Angstzuständen und Depressionen leiden würden, in einigen Fällen sogar mit Selbstmordgedanken als Folge. "Dieser Mann hat mir die einzige Kindheit geraubt, die ich hatte", sagte eines der Opfer.

Opfer Micky Fallon, Chris Unsworth und Steve Walters (v.l.n.r.)
AFP

Opfer Micky Fallon, Chris Unsworth und Steve Walters (v.l.n.r.)

Bennell saß hinter einer dicken Glasscheibe, bewacht von zwei Sicherheitsleuten, und machte nicht den Eindruck, als würde er viel Notiz von dem Geschehen um sich herum nehmen. Er hatte die Arme verschränkt und schaute die meiste Zeit nach unten, die Stirn in Falten gelegt. Manchmal sah es so aus, als wäre er eingeschlafen. Er reagierte auch nicht, als eines seiner Opfer an die Scheibe trat und fragte: "Warum, Barry? Warum?" Bennells Gesundheitszustand ist schlecht, wegen zwei Krebs-Geschwüren mussten ihm in den vergangenen Jahren große Teile der Zunge entfernt werden.

Mitleid hatte er deshalb nicht zu erwarten. Richter Clement Goldstone wählte deutliche Worte, als er sein Urteil sprach. "Für diese Jungen schienen Sie Gott zu sein. In Wahrheit waren Sie der Teufel in Menschengestalt", sagte er an Bennell gerichtet. Als der ehemalige Jugendtrainer nach dem Urteil von den Sicherheitsleuten abgeführt wurde, musste Richter Goldstone Applaus im Saal unterbinden. "Wir haben nicht vergessen. Wir sind hartnäckig geblieben. Jetzt gehst du unsretwegen ins Gefängnis", sagte eines der Opfer.

Die Opfer schwiegen aus Angst um ihre Karriere

Bennell galt als hervorragender Trainer und Talentspäher. Nach den Worten von Richter Goldstone richtete er sein Haus ein wie ein Paradies für Kinder, mit Billardtisch, Spiele-Konsole und exotischen Tieren. Er lud die jungen Fußballer zu sich ein, auch über Nacht, und missbrauchte sie dann, wie im Gericht mit vielen Details geschildert wurde. Die Opfer schwiegen lange, aus Angst um ihre Karriere oder aus Scham. Erst im November 2016 kamen die Vorfälle ans Licht, als einer von Bennells Ex-Spielern dem "Guardian" davon berichtete.

Bennell arbeitete mit verschiedenen Vereinen zusammen, mit einigen lockerer, mit anderen enger. Im Gericht wurde er vor allem in Verbindung mit Crewe Alexandra genannt, einem Klub aus der Grafschaft Cheshire, der aktuell in der dritten Liga spielt - und mit Manchester City, dem Tabellenführer der Premier League. Angeblich missbrauchte Bennell einen Jugendspieler sogar auf dem Rasen des früheren City-Stadions Maine Road.

Klubs kündigten Aufarbeitung an

Der Klub hatte in der vergangenen Woche auf den Prozess gegen den ehemaligen Jugendtrainer und Scout reagiert und eine Mitteilung veröffentlicht, in der er seine Solidarität mit den Opfern bekundet. Außerdem hat der Verein nach eigener Aussage im November 2016, nach Bekanntwerden der Vorwürfe, eine interne Untersuchung gestartet. Auch Crewe Alexandra arbeitet den Fall auf.

Er ist mit dem Urteil von Liverpool noch lange nicht abgeschlossen. Der Prozess gegen Bennell hat weitere Opfer ermutigt, ihr Schweigen zu beenden. Die Rede ist von bis zu 100 weiteren Ex-Spielern, die Vorwürfe gegen ihn erheben. Wie es aussieht, ist das ganze Ausmaß von Bennells Taten noch gar nicht bekannt.

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Seite 1
toontopo 20.02.2018
1. Verjährungsfristen
Die Betroffenen sagten: "Dieses Urteil ist der Beweis, dass die Liebe immer gegen das Böse gewinnt". Hätte das in Deutschland auch so gesagt werden können? Taten dieser Art, die in Deutschland zwischen 1979 und 1991 begangen wurden, sind mit ziemlicher Sicherheit verjährt. Einmal mehr zeigt sich, dass die Verjährungsfristen von Sexualstraftaten komplett abgeschafft gehören, wie in England schon seit langem der Fall.
Peletua 20.02.2018
2. Vorbild
Das harte Urteil von Liverpool wäre ein Vorbild für die Rechtsprechung in den EU-Ländern. Es beruhigt, dass wenigstens nach britischem Gesetz (ja, ich weiß, dass das britische Rechtssystem komplett anders strukturiert ist als das deutsche) solche Taten offenbar nicht oder sehr viel später verjähren als in Deutschland, und dass die Strafen deutlich härter ausfallen können als hierzulande. 31 Jahre Gefängnis wären in D kaum vorstellbar, was fast einer Einladung an die Täter gleichkommt. Die Opfer von Kindesmissbrauch, wie auch von anderen schweren Körper- und seelischen Verletzungen, leiden lebenslang, und die verhängten Strafen müssen dies endlich abbilden.
erich.scheuch 20.02.2018
3. Bin mal gespannt wie lange es dauert,
bis wieder so widerliche Kommentare kommen wie: Warum melden sich die angeblichen Opfer erst jetzt nach so vielen Jahren? Ja warum: Weil wir Opfer uns schämen. Weil wir uns schuldig fühlen. Weil es nun mal westliche Werte sind, das man Opfer fast nie glaubt. Und uns oft als Lügner beschimpft. Für die Täter nicht selten mehr Verständnis aufbringt und den Opfern eine Mitschuld anhaftet. Oder: Jetzt ist angeblich jeder vergewaltigt worden. Oder: Jeder ist so lange unschuldig bis er von einem Gericht für schuldig befunden wurde. Was ich außerdem sehr schlimm finde. Das immer nur das Wort Missbrauch für solche Verbrechen benutzt wird. Es ist eine Vergewaltigung. Wenn man seine Macht nutzt um wehrlose Opfer (egal ob Kinder oder Erwachsene) zum Sex zu zwingen ist es eine Vergewaltigung und nicht einfach ein Missbrauch. Das Wort Missbrauch verharmlost nur dieses Verbrechen. Wie hatte Hagen Rether mal gesagt. Es gibt nichts schlimmeres als vergewaltigt zu werden. Jedes Jahr werden Kinder tausende Kinder und mehre 10.000 Frauen (von Europäern) in dem Europa mit westlichen Werten vergewaltigt. Und der größte Teil von den eigenen Verwandten und das über mehrere Jahre hinweg. Und wenn diesen Verbrechern es noch nicht reicht, fahren Sie in Ländern wo Sei weiter Kinder und Frauen vergewaltigen können. Ich selber war 8 Jahre von 1961 bis 1968 so einem Monster gnadenlos ausgeliefert. Und mit Wissen des Jugendamtes, der Heimleitung, der Vormundschaft und den anderen Verantwortlichen. Und ich musste bis 2010 warten, bis man mir endlich glaubte. Aber auch weil ich nach den ersten Jahren als ich so unverschämt war (nicht meine eigenen Worten) solche Lügen zu verbreiten, letztendlich aus Scham und Hilflosigkeit geschwiegen habe. Was genauso schlimm war oder sogar schlimmer als diese 8 Jahre Hölle. Selbst nach 2010 war diese Art der Hölle nicht vorbei. Denn es folgten Sätze, wie: So schlimm konnte es ja nicht gewesen sein. Denn aus ist dir ist ein anständiger Mensch geworden, der einen guten Beruf hat und noch lebt. Nur diese Typen wissen nicht, das man ein innerliches menschliches Frack ist, der bis an sein Lebensende nie mehr die Bilder aus seiner Hölle vergisst, oft Nachts schweiss gebadet von Alpträumen aufwacht. Panikattacken bekommt, Flashbacks bekommt usw. usw. Und es soll mir keiner kommen mit dem Satz. Man kann sich doch Hilfe holen. Wer solchen Schwachsinn ablässt, der sollte besser seine Schnauze halten. Denn richtige Hilfe bekommt man nur wirklich selten. Oder oder gar nicht. Und nicht selten machen die Menschen einen Bogen ums uns. Als hätten wir eine ansteckende Krankheit.
Humboldt 20.02.2018
4. Tod und Teufel
Zitat von toontopoDie Betroffenen sagten: "Dieses Urteil ist der Beweis, dass die Liebe immer gegen das Böse gewinnt". Hätte das in Deutschland auch so gesagt werden können? Taten dieser Art, die in Deutschland zwischen 1979 und 1991 begangen wurden, sind mit ziemlicher Sicherheit verjährt. Einmal mehr zeigt sich, dass die Verjährungsfristen von Sexualstraftaten komplett abgeschafft gehören, wie in England schon seit langem der Fall.
Sowohl Strafmaß als auch die völlige Aufhebung der Verjährung sind unangemessen und Großbritannien eher ein abstoßendes Beispiel, wohin Massenhysterie führen kann. Auch die Wortwahl "Sie waren der Teufel in Menschengestalt" ist für einen Rechtsstaat unwürdig. Wichtiger als stumpfe Rache ist angemessene Strafverfolgung, Prävention und Gelder für angemessenen Opferschutz bzw. Thearpiemöglichkeiten. Da tut Großbritanien nämlich gar nichts. Die Betroffenen können versuchen, bei den Tätern ihre Therapiekosten einzuklagen, meißt völlig vergeblich. Ich sehe in solch Art völlig überzogener Strafmaße und Wortwahl nur der Versuch einer Gesellschaft, ein breites Problem von sexuellem Kindesmissbrauch auf den "Teufel" zu schieben, weil, dann ist man ja so schön praktisch jegliche Nähe und Mitverantwortung zu den Tätern (wer hat alles weggeschaut), welche eben auch Menschen sind wie Du und ich. Das mit den Tätern und Teufeln hat schon in der Psychologie mit den KZ-Aufsehern nicht geklappt.
Remannzipation 20.02.2018
5. think of England !
Von diesem Einzelfall einmal losgelöst, erscheint mir die britische bzw. konkreter die englische Sexualmoral belastet und bis heute problematisch. Das Erbe der Prüderie von Queen Victoria, die nahezu ein 2/3 Jahrhundert insbesondere auch moralisch regierte, junge Bräute dazu aufforderte, in der Hochzeitsnacht an England zu denken, stets brave hochgeschlossene Blusen trug, ist wohl bis heute massgeblicher Einflussfaktor für das dortige Sexualklima. Zwar war Victoria fast zwei Jahrzehnte durchgehend schwanger, die englische Sexualmoral entwickelte sich jedoch während Ihrer Regentschaft äusserst verlogen und diametral zu bspw. der französischen. Den traurigen Höhepunkt und das späte Resultat symbolisiert sicherlich Rotherham in 2014, wo über 1000 überwiegend Mädchen über einen langen Zeitraum missbraucht wurden, gedeckt von Polizisten und Kommune. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Heritage? - hier eher Fluch als Segen.
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