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Schweinsteigers Abschiedsspiel vom FC Bayern

Finally dahoam

Nach drei Jahren in der Fremde bekam Bastian Schweinsteiger endlich sein Abschiedsspiel von Bayern München. Ein Spiel, bei dem es formal um nichts ging - emotional aber um alles. Zumindest für Bayern-Fan Anja Rützel.

Mittwoch, 29.08.2018   07:47 Uhr

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An meinem Kühlschrank hängen zwei Dinge, festgeklemmt unter Magneten: Ein Foto meines verstorbenen Hundes und ein Ausriss aus einer Boulevardtitelseite. Darauf ist Bastian Schweinsteiger zu sehen, wie er die Treppe in den Privatjet von Manchester United erklimmt, dazu die Überschrift: "Hier holen sich die Engländer unseren Schweini".

Der Kühlschrank als Verlustschrein, ein Trend, der sich wohl erst noch durchsetzen muss. Aber während mein armer alter Hund eines Morgens einfach tot umfiel - zack, unwiederbringlich - gab es für mich drei Jahre nach der Flucht nach England nun wenigstens die Chance, mich vom anderen Abgängigen vernünftig zu verabschieden. Vor Ort, natürlich. "Basti is back", steht über dem Eingang der Münchner Fußballarena, und natürlich: muss ich direkt heulen.

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Zu viel Dramatik?

Ja, klar. Übertrieben, könnte man finden, und hätte bestimmt recht. Aber Despotenfotos, Mist-WM, Äußerungen und Nichtäußerungen haben mein Fußballverhältnis in den vergangenen Wochen und Monaten so unangenehm entleidenschaftet und debattös versachlicht, dass dringend eine Euphorie-Infusion hermuss. Dass es bei diesem Abschiedsspiel rein saisonökonomisch um nichts geht, dass Chicago Fire, Schweinsteigers aktueller Verein in den USA, nun mutmaßlich kein spielerisch interessanter Gegner für Bayern München sein würde, ist mir dabei ganz egal, eigentlich ist es umso besser: Es ging in letzter Zeit ja ständig irgendwo um irgendwas, das strengte schon beim Zuschauen an.

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Noch vor dem Anpfiff muss ich zum zweiten Mal weinen, als Doktor Müller-Wohlfahrt mit Flapphaar zu seinem Bankplatz joggt, aber wenigstens nur kurz, es ist mir dann doch selbst unangenehm. Aber schwallartig bricht sich die Rührung eben Bahn, ein Mix aus meiner großen, ein Jahrzehnt lang genährten Schweinsteiger-Zuneigung und der Furcht, dass es vielleicht, wahrscheinlich, nach ihm keinen mehr geben könnte, den ich gerne für alle Zeit an meinen Kühlschrank kleben würde.

Die Stadionbildschirme spulen vor dem Anpfiff noch schnell die ikonischen Collect-them-all-Schweinsteiger-Inkarnationen im Laufe der Jahre ab: Meine-erste-Meisterschale-Schweini, Finalpfostenschuss-Schweini, Blutkrieger-Schweini und all die anderen. Die Bilder machen noch einmal klar, was heute Abend nicht passieren wird: Abschiedsspiele können solche Make-it-or-break-it-Momente nicht produzieren. Die dramatische Handlung, der gigantische Absturz, die anschließende Himmelhochjauchzung sind längst vollzogen, wir befinden uns im großzügig mit Bonusmaterial aufgepolsterten Abspann. Der Abend ist ein lockeres Auslaufen, ein gemeinsames Planschen im Entmüdungsbecken der Emotionen. Ich glaube übrigens wirklich, dass es die Cousine war.

LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Bastian Schweinsteiger

Manches gerät, wie immer bei derlei Pompaktionen, ein bisschen ulkig. Wie eine etwas hochnäsige Erbtante, die zu Beeindruckungszwecken das teure Tafelsilber rauslegt, hat der Verein sämtliche Trophäen der Schweinsteiger-Ära auf einer Art Büfett am Spielfeldrand angerichtet, eine glitzernde Schüssel-und-Töpfe-Inflation. Zum Glück hebt dann endlich die große Rührungsorgel an, gespielt mit allen Pedalen, bombastische Gefühlstechnologie: Schweinsteiger zieht in das dunkle Stadion ein, als alle anderen schon auf dem Feld stehen, er kommt allein über die dunkle Tribüne, ein einsamer Lichtkegel, eine Mischung aus Christkind, Boxer und wahlkämpfendem Politiker mit sehr großzügigem Imagefilmbudget, dazu läuft Guns'n'Roses, "Paradise City": "Oh, won't you please take me home!" Ich habe schon ein ganzes Weilchen nicht mehr geweint, aber natürlich wird es jetzt knapp.

Der Zynismus, sonst verlässlicher Abstandhalter, macht mal Pause an diesem Abend. Das ist ungewohnt, aber auch schön. Wenn Schweinsteiger, inzwischen nach der zweiten Hälfte ein letztes Mal im Bayern-Trikot, das Wappen auf seinem Leibchen küsst, als er an der Südkurve vorbeitrabt, kaufe ich ihm diese große Geste ab. Wahrscheinlich mochte ich ihn auch darum immer so gern, weil er all das, was in den vielerlei Bayern-Hymnen (die auch an diesem Abend ständig dudeln) immer viel zu übertrieben klingt, wirklich und aufrichtig ernst zu meinen schien: Ich geb mein Herz für dich, für Bayern lebe ich, ich lass dich nie im Stich, solche Sachen traut man ihm wirklich zu.

Wem eigentlich noch? "Bastis große Liebe: FCB", singt die Südkurve irgendwann. Es fällt ja durchaus manchmal auch als Fan schwer, diesen Verein vollumfänglich zu lieben. Schweinsteiger zeigte mir in persönlichen Haderphasen immer: Schaut her, es geht. Das funktionierte auch umgekehrt: Mit keinem anderen Spieler konnte ich jemals so gut mitleiden. Das verlorene Champions-League-Finale in München 2012 beweinte ich mindestens zu einem Drittel auch für ihn mit.

Der Abschied hat dann bei aller Rührung und Andacht zum Glück auch seine Comic-relief-Momente. Wenn in der zweiten Hälfte, in der Schweinsteiger ein letztes Mal für Bayern spielt, die ganze Mannschaft seine Rückennummer "31" trägt, auf einen Schwung seine Triple-Ära-Weggefährten Müller, Robben, Ribéry, Alaba und Neuer eingewechselt werden und sie sich den Ball zuspielen wie vergnügte Seehunde.

Ein bisschen sehen sie tatsächlich aus wie Kumpels, die noch mal zusammen kicken gehen, bevor einer von ihnen zu einem sehr langen Auslandssemester aufbricht, und unbedingt wollen alle, dass er zum Abschied noch ein Tor schießt. Es klappt dann nach professioneller Gegenwehr des Fire-Torwarts doch noch, in der 83. Minute. Das unbedeutendste Tor in Schweinsteigers Karriere? Ein sehr wichtiges Tor für ihn, wird er später sagen.

Dann: Ehrenrunde, Fahnenzauber, Lichtshow, das große, magenversiegelnde Pathosdessert. Raus mit den Resttränchen. "Ich bin einer von euch, und ich werde immer einer von euch bleiben", sagt er zum Abschied, und ich glaube es ihm schon wieder.

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