Schweinsteiger-Abschied Der Bastian

Tränen flossen bei Bastian Schweinsteiger, als er in Mönchengladbach vom DFB verabschiedet wurde. Es war ein stilvoller Abschied, der den Fans gehörte. Und der beim FC Bayern womöglich das schlechte Gewissen geweckt hat.

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Aus Mönchengladbach berichtet


Das Bild der blutenden Wunde im Gesicht aus dem WM-Finale von 2014 hat das Bild der Öffentlichkeit von Bastian Schweinsteiger bestimmt. Der Schmerzensmann, der selbst dann noch weiterkämpft, wenn er für alle sichtlich verletzt ist, es ist ein fast ikonisches Bild. Ab diesem Mittwoch kommt ein zweites Bild hinzu. Schweinsteiger, in Tränen aufgelöst, von Rührung übermannt. Es war das 121. und letzte Länderspiel des Jungen aus Kolbermoor, und diese Szene von seinem Abschied wird im Gedächtnis bleiben.

Das erste Testspiel nach der Europameisterschaft gegen die harmlosen Finnen hatte sonst nicht viel zu bieten, an das man sich erinnern wird. Der Schalker Max Meyer hat beim 2:0 sein erstes Länderspieltor erzielt, der Hoffenheimer Niklas Süle machte ein ordentliches Debüt als Innenverteidiger, Mario Götze ist immer noch von jeglicher Normalform entfernt, aber all das war letztlich nur Nebensache. Weil dieses Spiel Bastian Schweinsteiger gehörte. Ihm allein.

Es gibt beim DFB seit geraumer Zeit keine offiziellen Abschiedsspiele, aber diese Testpartie gegen Finnland kam dem schon sehr nahe. Schon vor dem Spiel wurde die Nummer Sieben der Nationalmannschaft mit minutenlangem Stakkato-Applaus und Basti-Sprechchören gefeiert. Der 32-Jährige, der bei Manchester United derzeit nicht besonders wertgeschätzt wird, nahm dies alles sichtlich bewegt auf, er schien es richtig aufzusaugen. Den Tränen hatte der Kämpfer Schweinsteiger denn auch nichts mehr entgegenzusetzen. Dass er sie nicht mehr zurückhalten konnte, als DFB-Präsident Reinhard Grindel zu einer kurzen Lobrede ansetzte, war allerdings wohl eher Zufall.

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Schweinsteigers Abschiedsspiel: Der Kapitän tritt ab

Der DFB hätte Fußball-Prominenz aus In- und Ausland ankarren können, er hätte Grußbotschaften der Kollegenschaft über die Videoleinwand flimmern lassen können, aber der Verband bewies an diesem Abend ein gutes Gespür. Er verzichtete auf jegliches Brimborium und überließ das Feiern allein den Fans im Stadion. Und das viel geschmähte Publikum der Nationalmannschaft schaffte es tatsächlich, so etwas wie Nestwärme zu verbreiten. Jeder Ballkontakt Schweinsteigers wurde frenetisch bejubelt, der "Fußballgott" ging natürlich mehrfach durchs Stadion, und als ein Fan im Schweinsteiger-Trikot Mitte der zweiten Hälfte aufs Spielfeld stürmte, um sich ein Selfie mit seinem Idol abzuholen, hielten sich die Ordner einfach zurück, bis sich die Szene von selbst erledigte.

"Es war mir immer eine Ehre, für die Fans zu spielen", hatte Schweinsteiger vor der Partie gesagt. Für 65 Minuten erledigte er noch einmal seine Kapitänspflichten, bevor er mit Standing Ovations vom Feld verabschiedet wurde. Es gehört zu den Fußnoten seiner Karriere, dass Schweinsteiger viel mehr DFB-Kapitän war, als noch andere offiziell das Amt ausübten. Bei der WM 2010 zum Beispiel, als er nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Michael Ballack wie selbstverständlich die Führungsrolle in der Mannschaft übernahm.

Dieses Jahr 2010, es war sportlich ohnehin ein Höhepunkt von Schweinsteigers Laufbahn. Im Verein, als Trainer Louis van Gaal ihm die Rolle im zentralen Mittelfeld zuwies, in der Nationalmannschaft, als er bei der Weltmeisterschaft in Südafrika im Kreis der damals Jungen und Wilden von Joachim Löw überragte.

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Schweinsteiger-Abschied: Servus, Basti

Diejenigen, die er damals führte - Thomas Müller und Manuel Neuer - trugen ihn jetzt nach dem Spiel auf den Schultern in Richtung Fankurve. Sie werden künftig noch mehr Verantwortung übernehmen müssen; Neuer wird wohl Schweinsteigers Nachfolger im Kapitänsamt. Sie haben dies in den vergangenen zwei Jahren allerdings schon zur Genüge üben dürfen. Als Schweinsteiger, von Verletzungen geplagt, nach der WM kaum noch die Rolle einer Führungsfigur beim DFB ausüben konnte.

Der Abgang des Kapitäns, es ist kein abrupter, er hat sich seit Monaten, seit Jahren sogar, abgezeichnet. Deshalb schwang an diesem Abend von Mönchengladbach auch keine große Melancholie mit. Es war ein fröhliches Abschiedsfest.

Schweinsteiger bekam einen emotionalen, für ihn bewegenden Abend geboten, er war die unbestrittene Hauptfigur, es war letztlich der Abschied, der ihm beim FC Bayern, seinem Verein, verwehrt wurde, als er geradezu grußlos im Vorjahr nach Manchester wechselte. Verabschiedet von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge nach 17 Jahren im Klub.

Möglicherweise wird der Bayern-Vorstand an diesem Mittwochabend vor dem Fernseher gesessen haben. Und hoffentlich haben sie wenigstens im Stillen dabei gedacht: Verdammt, so hätte eigentlich unsere Verabschiedung sein müssen.



insgesamt 75 Beiträge
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nummer50 01.09.2016
1. Peter Ahrens
Seit wann wird ein aktiver Fußballer groß geehrt, wenn er den Verein verlässt? Sowas passiert in der Regel am Karriereende und Schweinsteiger spielte ja bei einem anderen Verein weiter. Einfach ein wenig rummosern.
grand finale 01.09.2016
2. Wer weiss
Vielleicht kriegt er diesen vereinsabschied ja noch. Der unterschied ist doch dass schweinsteiger noch aktiver vereinsfussballer ist... Wie soll ihn der fcb da schon offieziell vom fussball verabschieden lol
Bergfalke63 01.09.2016
3. Danke
für eine geniale Zeit und für die wesentliche Mithilfe zu einer sehr positiven Entwicklung der Nationalmannschaft nach wirklich dürren Jahren Anfang der 2000er, Herr Schweinsteiger! Ein wirklich ganz Großer (spielerisch und menschlich) wurde gestern verabschiedet - das war sogar für mich als Nicht Bayern- oder Manufan Gänsehaut pur. Ist eben doch nicht alles nur Kohle und Show...
jbdt 01.09.2016
4. Ein schlechtes Gewissen
Bei den festlichen Bildern fragte ich mich mal wieder: Was muss damals zwischen Ballack und Löw passiert sein, dass Ballack ein solches Abschiedsspiel explizit verwehrt wurde...
dernameistprogramm 01.09.2016
5. Bei ManU nicht besonders wertgeschätzt?
Er bekommt doch - ohne dort besondere Leistungen erbracht zu haben - seine Millionen!
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