Schweinsteiger-Rückkehr ins DFB-Team Eingefangen und eingenordet

101 Tage war er weg, nun kehrt Bastian Schweinsteiger in Top-Form zurück in die Nationalmannschaft. Dort soll er dem DFB-Team mit alter Führungsstärke neue Impulse und größeren Halt geben. Doch Bundestrainer Löw und Manager Bierhoff hindern ihn daran.

Aus Frankfurt berichtet


Es sind die Szenen, die ihn noch Jahre begleiten werden: Kurzer Anlauf, flacher Schuss, Innenpfosten, Champions-League-Titel futsch. Viele haben bezweifelt, dass Bastian Schweinsteiger sein "Trauma" vom "Finale dahoam" jemals verarbeiten kann. Zumal sich der 28-Jährige äußerst mühevoll durch die vergangene Europameisterschaft gequält hatte.

Alles passé. Schweinsteiger ist zurück - und das mit einer Präsenz, die vielleicht derzeit sogar noch größer ist als zu seiner Top-Zeit im Jahr 2010. Der Mittelfeldstratege erzielte bereits drei Tore in der Bundesliga, ein weiteres in der Champions League. Dazu gab es etliche weitere starke Auftritte im Dress des FC Bayern München. Jupp Heynckes sagte zuletzt: "Er hat wieder Spaß am Fußball. Er ist körperlich fit. Er hilft unserem Spiel ungemein weiter."

Auch Bundestrainer Joachim Löw hofft auf einen Schweinsteiger in Bestform. Nachdem er den Münchner zuletzt beim EM-Aus gegen Italien im Kader hatte und ihn danach bei den Spielen gegen Argentinien, die Färöer-Inseln und Österreich nicht nominierte und stattdessen lieber schonte, wird Schweinsteiger nun erstmals in die WM-Quali eingreifen.

Er soll es sein, der die unruhige, vakante Defensivposition neben Sami Khedira schließen soll. "Wir erwarten, dass er uns wieder mehr Kompaktheit gibt", sagte Löw, der Schweinsteiger seit Monaten als einen "meiner wichtigsten Führungsspieler" bezeichnet.

Fotostrecke

7  Bilder
Nationalspieler Schweinsteiger: Fokus aufs Sportliche
In der Funktion des Meinungsmachers zeigte sich der Münchner auch schon vor einigen Tagen. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sagte Schweinsteiger: "Wir haben gerade wirklich einen guten Geist in der Mannschaft (bei Bayern München, Anm. der Red.), das spürst du ja zum Beispiel, wenn ein Tor fällt: Springt da die komplette Bank auf? Bei uns springt sie auf, das ist vielleicht ein kleiner Unterschied zur Nationalmannschaft bei der EM. Da sind nicht immer alle gesprungen."

Die Sätze, die als klarer Affront gegen den brüchigen Zusammenhalt während des vergangenen Turniers zu verstehen waren, handelten Schweinsteiger einen Rüffel von Teammanager Oliver Bierhoff und Löw ein. Beide suchten die Aussprache mit dem Vize-Kapitän. "In dieser Sache gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen. Das ist jetzt aber alles geklärt", sagte Bierhoff.

Dass die Thematik tatsächlich ausgeräumt ist, darf jedoch bezweifelt werden. Denn Schweinsteiger legte erstmals den Finger in die Wunde, die beim DFB scheinbar niemand wirklich sehen möchte. Seit Monaten mosern Nationalspieler immer mal wieder - durchweg hinter vorgehaltener Hand - über die "schlechte Stimmung" in der Mannschaft, über vermeintliche BVB- und Bayern-Blöcke. Und auch darüber, dass es kaum Spieler gibt, die sich auf Kritik einlassen. Dass sich in einem solchen Umfeld eine füreinander kämpfende, sich vollkommen akzeptierende und respektierende Mannschaft herausbildet, darf mittlerweile angezweifelt werden. Umso trotziger wirkt es, wenn Bierhoff sagt: "Wir haben einen intakten Teamgeist."

Was erwartet Löw von seinen Führungsspielern?

Die DFB-Verantwortlichen haben es in der Causa Schweinsteiger schlichtweg versäumt, ihrem Führungsspieler den Rücken zu stärken und die mannschaftsinternen Schwierigkeiten endlich einmal ernst zu nehmen. Zumal Schweinsteiger selbst betont: "Ich will ja nichts Schlechtes. Ich will, dass wir das letzte Rad auch noch umdrehen können, damit das gut läuft und wir auch gegen große Mannschaften bei Turnieren gewinnen."

Bei der Pressekonferenz am Dienstag aber machte Schweinsteiger keinen souveränen Eindruck: Bei Nachfragen zu seinem Interview blieb er ohne klare Meinung und einigen Fragen begegnete er teilweise respektlos. Dennoch muss man festhalten, dass seine inhaltliche Kritik vollkommen angebracht war. Er hätte damit eine Diskussion anregen können, die klärend, vielleicht sogar aufklärend wäre. Zumindest aber hätte sie eine Auseinandersetzung der Mannschaft mit diesem prekären Thema nach sich gezogen.

Stattdessen wurde Schweinsteiger nun von Löw und Bierhoff eingefangen und eingenordet. Dass Bierhoff bei der Pressekonferenz in fast väterlicher Manier einige der an Schweinsteiger gerichteten Fragen beantwortete, sprach dabei Bände.

Und die Frage, die nach dem DFB-Umgang mit Schweinsteigers Meinungen übrigbleibt, ist: Was genau erwartet Löw eigentlich von Führungsspielern?



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
horstma 09.10.2012
1. Meine unmaßgebliche Meinung
Bei der letzten EM hat Schweinsteiger seine Fitness überschätzt und mit seiner mittelmässigen Leistung das Team mehrmals in Schwierigkeiten gebracht. Jetzt kritisiert er das Team und die Leitung öffentlich. Ich halte das für unangebracht. Schweinsteiger ist in der Nationalmannschaft durchaus in einer Position, wo er Kritik üben kann - nur sollte er sie intern anbringen, bevor er sie öffentlich äussert und dann in Pressekonferenzen zu tollpatschigen Äusserungen gezwungen ist. So jedenfalls wirkt das ganze nicht professionell.
gerhard-bossmann 09.10.2012
2. Führungsspieler
In Deutschland brauchen sie immer Führer, Führungsspieler; und all die, die sich für Führungsspieler halten, müssen immer wieder betonen, dass sie doch Führer sind. Was immer weniger zu erleben ist: selbstkritische, selbstreflektierende (Führungs-)spieler, die nicht nur gucken, was andere machen, sondern sich mal an die eigene Nase fassen: was erlauben Schweinsteiger, ist man geneigt zu sagen, spielt eine grottenschlechte EM, hat keinen Mumm dieses zuzugeben, sondern poltert erst mal los, dass die "Bank" nicht mitjubelt. Solche Leute braucht keine Mannschaft als Führungsspieler; dieses muss man sich erarbeiten, nicht erquatschen. Aber da gibt es noch einige im Süden der Republik, die sich für fähig halten, den Rest der Republik zu sagen, wie es richtig sein muss!!
BettyB. 09.10.2012
3. Keine freie Meinungsäußerung für Fußballer
Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder Fußballer, ob Ersatzmann oder Führungsspieler, sagen könnte, was er will. Dafür haben ´wir´ doch solche Koryphäen wir den popelnden Trainer und den strahlenden Manager, oder? Verrückte Welt, erwachsenen Menschen nicht nur zu empfehlen, ggf. ihre sexuelle Neigung zu verbergen, sondern auch generell die Klappe nur zum Lobgesang zu öffnen...
Stelzi 09.10.2012
4. Nanu?
Hat man nicht seit dem Turnier, ja seit Jahren darüber lamentiert und es moniert, dass bei der NM alles viel zu fluffig sei? Jetzt soll es plötzlich gären und stinken? Was denn nun? Und: wieso soll es helfen wenn einer das in der Presse anspricht? Können, ja sollen erwachsene Männer (die Spieler) derlei Probleme nicht unter sich lösen, ohne den Segen von Papa Löw? Ver- und ausgediente ex-Spieler erzählen uns ja ständig wie das damals war und auch heute sein sollte: die Mannschaft regelt Probleme in der Mannschaft. Ist ja bald schizophren, was die deutschen Medien hier veranstalten...
Jabba56 09.10.2012
5. Chance vertan
Tja, da haben Bierhoff und Löw eine Chance vertan, mal eine fruchtbare Diskussion zu führen. In Putinscher Manier wird jede Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit als gegnerisch unterdrückt. Das ist ja seit längerem bekannt, daß Kritik an Löw & Co. als sehr unpassend empfunden wird. Das war so bei Frings und Ballack, jetzt Schweini. Und das Problem Führungsspieler sehe ich als sehr gravierend an. Wenn ich an Spieler wie Effenberg, Kahn, Toni Schumacher, Ballack, auch Beckenbauer denke, DAS waren noch Führungspersönlichkeiten. Die haben auf dem Platz auch mal die andern zur Sau gemacht und verbal in den A... getreten. Die weichgespülten Bubis heute, naja, nur die Torwarte sieht man noch manhmal rumbrüllen, wenn's nicht läuft. So wird dat nix, da musset auch mal Stunk geben, wenn die Kacke am dampfen ist!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.