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Verletzter Schweinsteiger: Der Knie-Fall

Von , Berlin

DPA

Bastian Schweinsteiger ist wieder verletzt. Die EM-Teilnahme wird für den Kapitän der Nationalmannschaft zur Zitterpartie. Wer ihn jetzt abschreibt, handelt allerdings voreilig.

Es gibt in diesen Zeiten, in denen im Fußball alles in Zahlen und Statistiken gegossen wird, das unschöne Wort der Verletzungshistorie. Wie früher in der Schule zählt sie die Fehltage auf, in der ein Profi seinen Beruf gezwungenermaßen nicht ausüben kann.

Bei Bastian Schweinsteiger weist sie seit der WM 2014 den Wert 179 auf. 179 Tage, das sind gut 25 Wochen. Nach seinem Teilriss des Innenbandes im Knie werden beim Kapitän der Nationalmannschaft jetzt wieder mindestens sechs, vielleicht acht Wochen hinzukommen, so genau konnte oder wollte das an diesem Tag noch niemand sagen. Vielleicht dauert es auch noch länger.

Die EM in Frankreich beginnt in etwas mehr als zehn Wochen. Die Zeit für Schweinsteiger wird knapp.

"Ich muss die Situation annehmen, wie sie ist. Und das werde ich auch", hat der Spieler die für ihn missliche Lage kommentiert. Der Bundestrainer hat erklärt: "Das Turnier findet noch nicht morgen statt, es ist noch Zeit, wir müssen heute noch keine Entscheidung fällen. Ich weiß, dass er alles tun wird, um bis zum Turnier wieder fit zu sein." Es ist das, was man in diesen Augenblick zu sagen hat.

Sportliche Nachrufe gibt es schon viele

Bastian Schweinsteiger, der ewige Bayernspieler, der seit dieser Saison bei Manchester United mitbekommt, wie es einem Verein auch mal richtig dreckig ergehen kann, wird im Sommer 32 Jahre alt. Er hat in seiner Laufbahn ungefähr von jedem Fußballjournalisten bereits einen sportlichen Nachruf geschrieben bekommen. Doch Schweinsteiger ist immer ein Meister darin gewesen, zurückzukommen. Zuletzt wurden die Phasen, in denen er spielen konnte, allerdings immer kürzer, die Verletzungsfristen dafür länger. In der Vorsaison hat er bei den Bayern 22 Spiele verpasst, bei United jetzt schon wieder 13.

Im Grunde kann man sich seit dem WM-Finale von Rio nur an ein wirklich großes Spiel von Schweinsteiger erinnern - und das war das WM-Finale von Rio. Wo er als Schmerzensmann ein ikonisches Bild des Fußballers kreierte. Aber eben auch ein Bild, wie es zwar jahrzehntelang für den deutschen Fußball stand, aber eben nicht mehr für den heutigen gilt. Schweinsteiger hatte in diesem Endspiel gekämpft bis zum Anschlag. Er war über die Schmerzgrenze hinausgegangen, er war am Ende sichtlich gezeichnet, als wäre dies kein Fußballspiel gewesen, sondern ein Boxkampf.

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Schweinsteigers Karriere: Vom Weltmeister zu Sir Schweini
Bis zum Fußball des Joachim Löw wäre das Beispiel und Vorbild gewesen für das, was im Fußball als deutsche Tugenden manchmal bewundert, manchmal denunziert worden ist. Aber heute sind die deutschen Tugenden andere. Heute stehen Ilkay Gündogan, Marco Reus oder der blutjunge Joshua Kimmich für das, was den deutschen Fußball heraushebt. Schnell muss man sein, am besten auch noch jung, in jedem Fall jünger als 32.

Erste Vergleiche mit Michael Ballack

Dass Schweinsteiger auch in guter Verfassung nicht mehr die Schnelligkeit seiner Teamkollegen erreicht, ist allen bekannt. Dass viele ihn bei dieser EM für einen Risikofaktor halten, wenn das Spiel um ihn herum turbulent wird und Hochgeschwindigkeit annimmt, ist auch fast schon Allgemeingut. Dass es Leute gibt, die raunen, die Verletzung käme dem Bundestrainer sogar zupass, und sie mit dem Ausfall Michael Ballacks vor der WM 2010, damals auch DFB-Kapitän, vergleichen, ist ebenfalls unbestritten. Aber es könnte sehr gut sein, dass diese Leute sich irren.

Schweinsteiger hat sechs große Turniere gespielt, er hat dabei alle denkbaren Situationen erlebt. Erfahrung ist eine Qualität, die er in dieser Mannschaft nicht exklusiv hat. Dennoch hält ein Turnier, das über vier Wochen geht, Momente bereit, die auch ein Thomas Müller oder Sami Khedira möglicherweise noch nicht durchgestanden hat. Schweinsteiger hat von Löw nach der WM in Brasilien nicht ohne Grund die Kapitänsrolle zugewiesen bekommen. Er hat sie bisher nur wenig ausfüllen können, ist eher ein Phantom von einem DFB-Kapitän gewesen. Aber wo sonst als bei einem großen Turnier wird es Augenblicke geben, wo es einen routinierten Kapitän braucht?

Schweinsteiger gehört zu diesen Spielertypen, deren Wert merkwürdigerweise erst dann so richtig zur Geltung kommt, wenn er fehlt. Wenn einem Spiel eine gewisse Ordnung abhandengekommen ist, wenn ein Team gegen aufkommende Panik zu kämpfen hat, wenn Unruhe herrscht. Dann wünscht man sich einen Schweinsteiger.

Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat mal in seiner typischen Ordre-du-Mufti-Haltung verkündet, ab jetzt gelte "eine Politik der ruhigen Hand". Er hat das zwar anschließend selbst selten genug praktiziert, dennoch ist das Wort in Erinnerung geblieben. Und manchmal, gerade bei einem langen anstrengenden Turnier, braucht auch eine Fußballmannschaft eine Politik der ruhigen Hand. Dann benötigt sie Bastian Schweinsteiger.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Seltene Zustimmung
spon_2937981 24.03.2016
Es kommt selten vor, dass ich Herrn Ahrens in irgendetwas zustimmen kann, aber dieser Artikel hat volle Zustimmung verdient. Alles Gute, Bastian Schweinsteiger!
2.
twisted_truth 24.03.2016
Seine besten Jahre Bayern geopfert und dafür belohnt worden. Bei ManU auf der Bank ist es so etwas wie Persönlichkeitsbildung damit er auch mal was anderes sieht. ManU ist der Club nur wie der Basti da dazu passen soll weis ich nicht.
3. Keine Frage
nummer50 24.03.2016
Schweinsteiger würde der N11 in Frankreich sehr gut tun, nur muss er dazu auch fit sein, sonst bringt es nichts. Die Hoffnung habe ich immer noch, aber dran glauben kann ich nicht so recht.
4. Seien wir ehrlich...
majorfabs 24.03.2016
Ich wünsche ihm alles Gute. Aber in der aktuellen Form würde er bei der kommenden EM nicht fehlen. Das schmälert nicht seine Leistung bei der vergangenen WM.
5.
Draco Silvano 24.03.2016
Abschreiben sollte man ihn nicht. Aber es ist bei weitem kein Weltuntergang wenn er nicht wieder rechtzeitig zur EM fit wird. Das defensive deutsche Mittelfeld ist mit Khedira, Kroos und Gündogan immer noch ausreichend gut besetzt. Dahinter tummeln sich sogar schon Nachwuchskräfte wie z.B. Weigl usw. Also, sollte er fit sein, dann gehört er in den Kader zur EM. Ob nun Startelf oder eher Bank wird sich dann zeigen.
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Lothar Matthäus 1980-2000 150
Miroslav Klose 2001-2014 137
Lukas Podolski seit 2004 126
Philipp Lahm 2004-2014 113
Bastian Schweinsteiger seit 2004 113
Jürgen Klinsmann 1987-1998 108
Jürgen Kohler 1986-1998 105
Hans-Jürgen Dörner 1969-1985 105
Joachim Streich 1969-1984 105
Per Mertesacker 2004-2014 104
Franz Beckenbauer 1965-1977 103
Jürgen Croy 1967-1981 102
Thomas Häßler 1988-2000 101
Ulf Kirsten 1985-2000 100
Quelle: DFB

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