Schwache Bayer-Saison "Ich mache diesen Mist nicht mehr mit"

Als Titelanwärter gestartet, als Fast-Absteiger geendet: Für Bayer Leverkusen war es eine fürchterliche Saison. Es war eine Spielzeit, die die Defizite in dem Verein brutal offengelegt hat.

Bayer-Kapitän Stefan Kießling
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Bayer-Kapitän Stefan Kießling

Aus Leverkusen berichtet


Ein Gefühl von Erleichterung lag am Samstag um halb sechs auf den Gesichtern der Menschen in den Gängen der BayArena. Die Kölner freuten sich nach dem 2:2 in Leverkusen auf ein "echtes Endspiel" um die Europapokalteilnahme gegen Mainz, wie Trainer Peter Stöger erklärte, und der Werksklub von der anderen Rheinseite hat den Worst Case verhindert.

Die mit Champions League-Ambitionen, ja sogar zarten Meisterträumen in die Saison gestartete Mannschaft bleibt in der Bundesliga, aber sie lieferte unfreiwillig noch ein weiteres schönes Kapitel für die durch und durch verkorkste Saisongeschichte.

Hinten in der Ecke stand Rudi Völler vor den TV-Kameras und verkündete auf die Frage nach der Zukunft von Trainer Tayfun Korkut: "Da gibt es keine Antwort, da wird es sicher Gespräche geben." Ein paar Meter weiter bei den Journalisten ohne Exklusivrechte verkündete Geschäftsführer Michael Schade ziemlich genau zeitgleich: "Es ist doch klar, dass es zum Saisonende zu einer Beendigung der Zusammenarbeit kommen wird." Weder die Spieler wussten davon, noch der Betroffene selbst.

Korkut vom Hin und Her ebenfalls verwirrt

Für sich genommen, war diese Meldung natürlich keine Überraschung, Korkut hat in zehn Partien nur gegen Darmstadt gewonnen und magere acht Punkte erspielt. Statt das Team in den Europapokal zu führen, hat er den Klub in den Abstiegskampf manövriert. Nun bestätigte sich noch einmal in prachtvoller Deutlichkeit, dass schwere Defizite in der internen Kommunikation zu den Ursachen für das Desaster dieses Spieljahres zählen.

Der arme Korkut saß etwas später ziemlich verwirrt auf der Pressekonferenz; als er gefragt wurde, wie er vom Ende seiner Zeit in Leverkusen erfahren habe, erwiderte er kryptisch: "Ich habe Informationen, aber ich habe sie noch nicht gesehen." Diese kleine Anekdote aus dem Innenleben des abgestürzten Großklubs wirft ein Schlaglicht auf den schadhaften Zustand von Bayer Leverkusen.

Stefan Kießling, der nicht nur als Torschütze, sondern auch als Anführer viel dazu beigetragen hatte, den zwischenzeitlichen 0:2-Rückstand gegen die Kölner aufzuholen, erklärte, man müsse nun dringend darüber reden, "was die letzten eineinhalb Jahre passiert ist". Diese Aussage war interessant, denn vor einem Jahr schien ja für Außenstehende noch alles in Ordnung zu sein. "Ich werde mir überlegen, ob ich überhaupt weitermache", sagte Kießling, der im Gegensatz zu vielen Talenten, die Leverkusen nur als Zwischenstation betrachten, wirklich an diesem Klub hängt. "Ich mache diesen Mist nicht mehr mit, das kann ich vom Kopf her nicht", sagte der 33-Jährige, der damit indirekt einen Trainer forderte, der ihm vertraut.

Bayer hat seine Qualitäten eingebüßt

Es ist sehr viel kaputtgegangen in Leverkusen während der vergangenen Monate, intern, aber auch was die Außenwirkung betrifft. Denn die Fußball-Tochter der Bayer AG ist einer dieser Standorte, der hoch attraktiv für Talente mit Weltklasseambition ist, solange das Team in der Champions League spielt. Ohne diese Möglichkeit fehlt das vielleicht wichtigste Argument in einem Segment des Spielermarktes, in dem viele Berater mittlerweile eher auf die Perspektiven als auf das schnelle Geld schauen.

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Borussia Dortmund bewegt sich schon länger in dieser Nische, nun sind Konkurrenten wie Hoffenheim oder Leipzig mit ähnlichen strategischen Ansätzen unterwegs. Für Leverkusen wird es eng. Auch vor dem Hintergrund dieser veränderten Verhältnisse wäre es nicht verwunderlich, wenn Leute wie Julian Brandt, Jonathan Tah, Bernd Leno, Chicharito oder Karim Bellarabi mit dem Gedanken spielen, trotz laufender Verträge irgendwie anderswo unterzukommen.

Denn im Moment deutet vieles darauf hin, dass den Leverkusenern die Innovationskraft verloren gegangen ist. Lange galt der Klub als besonders gut auf dem internationalen Spielermarkt vernetzt, doch längst haben andere aufgeholt. Dann galt der im März entlassene Trainer Roger Schmidt als großer Innovator, der mit einer sehr besonderen Spielweise zu großen Erfolgen kommen könnte. Davon ist nichts mehr übrig.

Auch Schade und Völler auf dem Prüfstand

Die Entscheidung für den freundlichen, aber mit der komplexen Leverkusener Situation offenkundig überforderten Tayfun Korkut als Trainerlösung bis Saisonende wirkt rückblickend erschreckend einfallslos. Es war ein fataler Trugschluss, zu glauben, dass ein Trainer, der ein bisschen gute Laune verbreitet, ausreicht, um die Potenziale der Mannschaft aufblühen zu lassen. "Mit viel Liebe, Leidenschaft und taktischer Finesse" habe Korkut in den vergangenen Wochen gearbeitet, sagte Völler, nur leider ohne Erfolg.

Der Sportchef hat nun eine große "Analyse" angekündigt, "wir haben alle Fehler gemacht", sagte er. Korkut war einer, das lange Festhalten an Roger Schmidt war ein anderer, aber auch die Zusammensetzung des Kaders, der erst in diesem letzten Spiel, getrieben von leidenschaftlichen Fans und Anführer Kießling zu einer echten Einheit wurde, ist renovierungsbedürftig. Denn die Mentalität ist nicht gut.

Und natürlich kann man die Frage stellen, ob der in sportlichen Fragen sehr blasse Geschäftsführer Schade und der alternde Rudi Völler tatsächlich Figuren sind, die den von schlauen Entwicklern geführten Konkurrenten an der Tabellenspitze gewachsen sind. Es wird spannend, ob die Analysen tatsächlich so weit gehen.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
JKStiller 14.05.2017
1. Alternder Rudi Völler wohl kaum der Grund
für Leverkusens Fast-Abstieg. Rangnick vom Brauseverein Leipzig ist ein Jahr älter. Dem Verein fehlt vielmehr ein langfristiges Konzept für die Zukunft. Hinzu kommt, wie im Artikel richtig angeführt, ein schleichender Attraktivitätsverlust des Clubs für junge, aufstrebende Talente. Das Stadion halte ich auch für zu klein. Viele Baustellen für die nächsten Jahre.
spmc-135322777912941 14.05.2017
2. Ich glaube doch dass Tante Käthe mit dem desoluten Auftreten des
Zitat von JKStillerfür Leverkusens Fast-Abstieg. Rangnick vom Brauseverein Leipzig ist ein Jahr älter. Dem Verein fehlt vielmehr ein langfristiges Konzept für die Zukunft. Hinzu kommt, wie im Artikel richtig angeführt, ein schleichender Attraktivitätsverlust des Clubs für junge, aufstrebende Talente. Das Stadion halte ich auch für zu klein. Viele Baustellen für die nächsten Jahre.
Pillenclubs etwas zu tun hat. Schon allein aus Imagegründen hätte ich diesen zu Ausfällen neigenden Menschen vor die Tür gesetzt. Der Fisch fängt schliesslich vom Kopf her an zu stinken. Er kann sich da nicht rausreden. Ich glaube er wurde gestern angezählt.
road_warrior 14.05.2017
3. Lieber Stefan Kießling,
Lieber Stefan Kiessling, wie wäre es denn, die Karriere in Nürnberg zu beenden? Da ist es viel schöner, als in Leverkusen. Die Fans stehen hinter Ihnen, das Theater ist aktuell bei weitem kleiner, als bei Vizekusen, das Management ist stabil - und die Mannschaft wird stetig verjüngt :-) Wir würden Sie gerne wieder Willkommen heißen :-)
helro56 14.05.2017
4. wäre es nicht sinnvoller wie in diesem Fall und das gilt auch für andere Vereine.....
den sogenannten ''Sportchef''zu entlassen ?? diese Personalie hat eben mehr Verantwortung und sollte vor dem Trainer zur Verantwortung gezogen werden, dem er ja Weisungsbefugt ist!! Verantwortung übernehmen als Sportchef?? ich glaube nicht, dass dies Rudis stärke ist !!
langenscheidt 14.05.2017
5. Leverkusen hatte falsche Ziele
Realistische und konkrete Ziele hätten Leverkusen gut getan. Stattdessen unerreichbare Ziele wie CL-Teilnahme.
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