Von Peter Ahrens
An diesem letzten Märztag, der auch der letzte Arbeitstag von Leverkusens Trainer Robin Dutt gewesen sein könnte, ist es noch einmal ganz sinnvoll, an den Anfang des Monats zurückzublicken. Der SC Freiburg hatte damals gerade den letzten Tabellenrang verlassen, Bayer Leverkusen schnupperte nach dem 2:0-Erfolg über den FC Bayern an den Champions-League-Plätzen. Vier Wochen und vier Spieltage ist das her, und in der Zwischenzeit haben sich die Verhältnisse umgekehrt.
Bayer hat seitdem alles verloren, der Trainer steht vor dem Rauswurf. Freiburg hat fast alles gewonnen, der Coach wird gefeiert - von daher war der 2:0-Auswärtserfolg der Breisgauer in Leverkusen das fast logische Resultat.
Allein diese Feststellung ist an sich schon unerhört - wenn man sich die unterschiedlichen Voraussetzungen beider Clubs ansieht. Der Kader von Bayer Leverkusen ist ein Ensemble hochdekorierter und bestbezahlter Stars, ein Potpourri aus Nationalspielern: Stefan Kießling, Renato Augusto, André Schürrle, Simon Rolfes. Dagegen steht ein Freiburger Team williger und talentierter Profis, deren Bekanntheitsgrad über den Schwarzwald aber kaum hinausgeht: Jonathan Schmid, Matthias Ginter, Karim Guedé. Angriffsführer ist Sebastian Freis, bei seinem Vorgängerclub 1. FC Köln verschrien als Chancentod erster Güte.
Geschichte des Spiels ist die der beiden Trainer
Normalerweise kann ein solches Team bei Bayer nicht gewinnen. Aber Leverkusen und Freiburg sind derzeit wieder gute Beispiele dafür, wie wichtig Teamgeist, wie wichtig Motivationskunst im Fußball sind. Freiburg hat beides. Leverkusen fehlt es.
Von daher kann die Geschichte dieses Spiels auch nicht ohne die beiden Trainer erzählt werden. Robin Dutt kam vor der Saison vom SC Freiburg nach Leverkusen. Er formulierte höchste Ansprüche und ließ selbst keinen Zweifel daran, dass er der richtige Mann sein werde, diese auch zu erfüllen. Dass man beim Champions-League-Teilnehmer Leverkusen ganz anders arbeitet als im beschaulichen Freiburg, hat er dabei sträflich unterschätzt: die Erwartungen des Bayer-Konzerns, die Umgebung mit den beiden Alphatieren in der Vereinsführung, Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser, die auch im sportlichen Bereich mitzureden gewohnt sind.
Ruhe zum Arbeiten hat der 47-Jährige in dieser Saison fast nie gehabt. Er hat selbst allerdings einiges dazu beigetragen, indem er die Diskussionen um Michael Ballack nicht frühzeitig beendete, indem er in der Öffentlichkeit manch unglückliches oder missverständliches Wort sprach. Dazu kam und kommt ein erhebliches Verletzungspech - Dutt hat fast nie mit seiner Wunschelf spielen können.
Dutt lernt die Fallhöhe in Leverkusen kennen
Die Fallhöhe in Leverkusen ist hoch, und nach der fünften Pflichtspielniederlage in Serie hat Dutt sie kennengelernt. Noch am Samstagabend wurde bereits darüber spekuliert, dass sich der Verein trennt, Völler gemeinsam mit dem finnischen Ex-Profi Sami Hyypiä das Team bis zum Saisonenende betreut und dann in Ruhe nach einem Coach für die kommende Spielzeit gesucht wird.
"Für unsere Leistung gibt es einen Verantwortlichen, und der bin ich", hat der Trainer nach der Pleite gegen Freiburg gesagt. Das zumindest hat Dutt schon sehr klar erkannt.
Einen Verantwortlichen für die Leistung des Gegners gibt es auch - Dutts Nach-Nachfolger in Freiburg, Christian Streich. Streich und Dutt haben jahrelang im Breisgau zusammengearbeitet, der eine als Chefcoach, der andere als Nachwuchstrainer. Aber unterschiedlicher kann man nicht sein. Dutt, der seine Emotionen zuweilen hinter Süffisanz verbirgt, Streich, der sich wie ein Fußball-Besessener benimmt, überschäumend am Spielfeldrand. Seine Trainer-Kompetenz verschwindet zuweilen hinter diesem öffentlichen Bild des Kumpel-Typen.
In Freiburg hat Streich ganz offensichtlich die richtige Ansprache gefunden. Seit er in der Winterpause den glücklosen Marcus Sorg abgelöst hat, scheint eine ganz andere Mannschaft auf dem Platz zu stehen - was nicht nur daran liegt, dass das Team vor der Rückrunde mit drei, vier Zugängen geschickt verstärkt wurde. Die Mannschaft hat Schalke geschlagen, in Mönchengladbach und gegen Bayern München ein Unentschieden erreicht.
"Im Moment gelingt uns einfach viel", sagte Streich nach dem Sieg in Leverkusen. So einfach ist das.
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