Bayer Leverkusen Am seidenen Faden

Bayer Leverkusen hat in letzter Minute einen Drei-Tore-Rückstand in Augsburg aufgeholt und die vierte Ligapleite am Stück verhindert. Für Trainer Roger Schmidt hat das die Situation allerdings nicht grundlegend verbessert.

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Bayer-Stürmer Karim Bellarabi
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Bayer-Stürmer Karim Bellarabi


Eigentlich war alles bereitet für die ersten Abgesänge. Bayer-Trainer Roger Schmidt hatte selbst die perfekte Vorlage dazu geliefert.

Statt die letzte Runde seiner Drei-Spiele-Sperre auf der Tribüne des Augsburger Stadions abzusitzen, war er in den Flieger gestiegen, um in Spanien den kommenden Europa-League-Gegner FC Villarreal zu beobachten. Ein Cheftrainer, der nicht bei seinem Team ist, der nicht einmal im Stadion ist.

Einem Team dazu, das die vergangenen drei Partien allesamt verloren hatte und in Augsburg nach einer guten Stunde 0:3 zurücklag. Der fliegende Schmidt - das schien das Bild des Tages zu werden.

Letztlich hielt es nur bis zur 90. Minute der Partie. Denn am Ende, wenn auch mit dem letzten Angriff, hatte Bayer durch den Ausgleich zum 3:3 eher eine Demonstration des trotzigen Durchhaltewillens hingelegt. Sich nicht mit dem Drei-Tore-Rückstand abgefunden, sondern einen Punkt mitgenommen. Der hilft im Kampf um die Champions-League-Plätze zwar nicht viel weiter, aber ist das, was im Fußballersprech dann gerne so heißt: ein Punkt für die Moral.

Schiedsrichter Zwayer, Trainer Schmidt (im Spiel gegen Borussia Dortmund)
REUTERS

Schiedsrichter Zwayer, Trainer Schmidt (im Spiel gegen Borussia Dortmund)

In Leverkusen haben sie bittere Wochen hinter sich, angefangen mit jenem verloren gegangenen Heimspiel gegen Borussia Dortmund, bei dem Schmidt sich durch sein unbotmäßiges Verhalten gegenüber Schiedsrichter Felix Zwayer die dreiwöchige Sperre einhandelte. Das Kalkül, auch mit seinem unglücklichen Assistenten Markus Krösche an der Seitenlinie werde die Mannschaft so spielen wie mit Schmidt in der Coaching-Zone, ging nicht auf. Rational ist so etwas eher schwer zu begründen.

Verletzungen im Kader kamen dazu: Der Torschütze vom Dienst Chicharito meldete sich angeschlagen ab, ebenfalls sein zuvor mit ihm überaus gut harmonierender Nebenmann Stefan Kießling. Erst am Mittwoch musste Bayer den Verlust von Abwehrspieler Roberto Hilbert beklagen, der sechs Wochen ausfallen wird. Es läuft nicht besonders gut bei Bayer derzeit.

Umso wichtiger dürfte für die Außendarstellung das Last-Minute-Remis bei den Augsburgern sein. Entsprechend wurde es auch direkt nach dem Spiel sofort so verkauft. "Wir haben gezeigt, dass man nie aufgeben darf", sagte Hakan Calhanoglu, der mit seinem Elfmeter in der Schlussminute das Unentschieden sicherte. Und dass Schmidt in Spanien weilte statt in Augsburg, deutete sein Stellvertreter Krösche als "Riesenvertrauensbeweis" für das Bayer-Team.

Der Cheftrainer darf gegen den HSV ohne die Hypothek einer totalen Pleiteserie seines Teams wieder auf die Bank zurückkehren. Die Europa-League-Partie gegen den spanischen Top-Klub aus Villarreal bietet zudem willkommene Abwechslung. Im Europacup hat sich Bayer in dieser Saison trotz des Ausscheidens in der Champions-League-Gruppenphase ganz ordentlich präsentiert. Zudem stottert es auch beim Gegner plötzlich: Villarreal verlor am Samstag vor den Augen Schmidts 0:1 gegen Las Palmas - die erste Pleite nach 14 Spielen ohne Niederlage.

Elfmeterschütze Hakan Calhanoglu
AP/dpa

Elfmeterschütze Hakan Calhanoglu

In Ordnung ist die Fußballwelt in Leverkusen trotzdem noch lange nicht. Bayer ist trotz des Punktgewinns mittlerweile auf Platz acht abgerutscht, jenseits aller Europapokalplätze. Wenn die vor Bayer platzierte Konkurrenz aus Berlin und Mainz am Sonntag ihre Spiele gewinnt, dann beträgt der Abstand auf die Ränge drei und vier schon neun beziehungsweise sechs Punkte. Neun Punkte hinter Hertha BSC - das ist für die Ansprüche von Bayer Leverkusen wirklich nicht das, was sich die sportliche Führung um Schmidt und Manager Rudi Völler vorstellt.

Im DFB-Pokal ist die Mannschaft an Werder Bremen gescheitert, und auf den Gewinn der Europa League sollte man in Leverkusen auch nicht zu große Summen setzen. Die sportliche Bilanz Schmidts in seinem zweiten Bayer-Jahr ist bisher unbefriedigend, fußballerisch hat er das Tempospiel, mit dem Bayer im ersten Jahr unter ihm so beeindruckte, kaum weiterentwickeln können. Der Trainer hat immerhin ab sofort wieder die Gelegenheit, an der Seitenlinie Einfluss zu nehmen: auf sein Team und auf seine eigene Zukunft.



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insgesamt 8 Beiträge
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kabayashi 05.03.2016
1. Lieber Herr Schmidt
Bitte beleiben Sie und ihr peinlicher Vorgesetzter Völler noch lange bei diesem Verein, den ich so sehr respektiere und achte. Hüstel. Dann bleibt es dabei, daß Vizekusen nie irgendetwas gewinnen wird. Danke!
aurichter 06.03.2016
2. Hallo
warum dieser Seitenhieb bzgl der Reise nach Villareal? Es ist im übrigen der nächste EL-Gegner, der besiegt werden soll. Da ist es allemal besser der Trainer sieht sich den Gegner an, als das es einem Dritten überlassen wird - zumal der gute Roger S. nicht in Augsburg gebraucht wurde. Habt ihr schon mitbekommen oder? Daran KANN man u.a. erkennen, daß die Spanier sehr ernst genommen werden. Und zum Spiel, ja B04 hat eine gute Moral bewiesen und verdient ein Remis erreicht.
K:F 06.03.2016
3. Schmidt wird am Ende der Saison weg sein
Die Ziele nicht erreicht, dämlich benommen? Keine Zukunft bei Bayer 04. Der einzige der sich wie ein Asi benehmen darf ist Völler. Schmidt darf das nicht. Die Saison 16/17 wird ohne Schmidt geplant.
tsvbayer04 06.03.2016
4. Riesiges Lazarett und (eigene) Fehler
Hakan war gestern der 5. Kapitän. Es fehlten die 3 etatmäßigen Innenverteidiger, die 3 etatmäßigen 6er (ohne Kampl haben wir ein Aufbauspiel wie beim Tischkicker) und die 2 etatmäßigen Stürmer. Dazu noch der RV. Und gerade in der Situation macht Roger den Fehler. Und Chicha holt sich dumm wie Bohnenstroh die 5. Gelbe. Und weil die eigenen Böcke noch nicht reichen, ist immer mal wieder ein irreguläres Gegentor dabei. Hätte nicht geahnt, dass ich mal mit einer Niederlage gegen Augsburg rechne und nach dem Spiel mit einem Punkt glücklich bin.
AVFC1969 06.03.2016
5. katastrophale Kaderplanung
Zitat von tsvbayer04Hakan war gestern der 5. Kapitän. Es fehlten die 3 etatmäßigen Innenverteidiger, die 3 etatmäßigen 6er (ohne Kampl haben wir ein Aufbauspiel wie beim Tischkicker) und die 2 etatmäßigen Stürmer. Dazu noch der RV. Und gerade in der Situation macht Roger den Fehler. Und Chicha holt sich dumm wie Bohnenstroh die 5. Gelbe. Und weil die eigenen Böcke noch nicht reichen, ist immer mal wieder ein irreguläres Gegentor dabei. Hätte nicht geahnt, dass ich mal mit einer Niederlage gegen Augsburg rechne und nach dem Spiel mit einem Punkt glücklich bin.
natürlich fehlten gestern drei Innenverteidiger. Nur ist es keine Neuigkeit, dass sich Verteidiger im Laufe der Saison verletzen. Dennoch hat man bei Bayer in den letzten Jahren in fast vorsätzlicher Weise Verteidiger vom Hof gejagt, ohne sie adäquat zu ersetzen. Nur mal exemplarisch: Callsen-Bracker, Manuel Friedrich, Schwaab, Kadlec, Carvajal, Spahic, zuletzt auch noch Donati, der in Hoffenheim noch gut gespielt hatte und dann fortgeschickt wurde zu einem unmittelbaren Konkurrenten um die internationalen Plätze. Dass Papadopoulos und Toprak anfällig sind, ist bekannt. Dennoch hat man ganz auf sie gesetzt und nur noch Tah als dritten Innenverteidiger mit Bundesliganiveau. Der fehlte dann gestern auch. Genauso eraschreckend ist die unzureichende Planung im defensiven Mittelfeld. Drei etablierte Sechser haben den Verein vor Beginn der Saison verlassen (Rolfes, Castro Reinartz). Ersetzt hat man die drei durch einen (Kramer). Gerade weil man weiß, dass auch Bender anfällig für Verletzungen ist, hätte man die drei Abgänge im defensiven Mittelfeld adäquat ersetzen müssen, was nicht geschehen ist. Mein Sohn ist glühender Fan der Werkself. Er leider im Moment im 3-Tages-Rhythmus. Das hätte bei den zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen Mitteln nicht sein müssen.
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