Kießling-Gala gegen Mönchengladbach Das letzte Abklatschen

Stefan Kießling wird in Leverkusen geliebt und verehrt, zuletzt saß er aber häufig nur auf der Bank. Gegen Mönchengladbach war der Stürmer der Held des Abends. Dennoch deutet vieles auf einen zeitnahen Abschied hin.

Aus Leverkusen berichtet

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Als der Ball nach 65 Minuten von Stefan Kießlings Stirn zum 3:0 in den Winkel des Tores von Borussia Mönchengladbach flog, wehte ein Zauber durch die Leverkusener Fußballarena, den es hier schon lange nicht mehr zu genießen gab. In den Augenblicken nach dem Treffer wurde nicht nur klar, dass Bayer Leverkusen dieses Spiel gewinnen würde; mit diesem Tor wurde Kießling endgültig zum Helden des Abends, an dessen Ende der Werksklub einen erstaunlichen 5:0-Sieg feierte.

Kießling war fast zehn Jahre lang der Liebling der Fans, er ist eine Bayer-Legende. Ein Mann, der zutiefst verehrt, bewundert und geschätzt wird, der aber zuletzt meist nur auf der Bank saß. Und wenn er mal spielte, blieb er meist blass und wirkungslos. Da mit dem Serientorschützen Javier Hernández, den alle Chicharito nennen, ein Erbe gefunden zu sein scheint, hat längst ein Trennungsprozess begonnen. Bei den Fans und bei Kießling, der sich ganz offen mit der Frage nach einem Vereinswechsel beschäftigt.

An diesem besonderen Abend fühlte sich aber noch einmal alles an wie früher: Kießling hatte das 1:0 und das 3:0 erzielt, zum 2:0 hatte er eine sehenswerte Vorarbeit beigesteuert. Und: Kießling war der omnipräsente Anführer dieser Mannschaft. Kämpfer und Balleroberer auch in der eigenen Hälfte, Empfänger für hohe, halbhohe und flache Anspiele und Stütze für die jungen Mitspieler, die in den vergangenen Wochen viel Kritik zu ertragen hatten. Seine Anwesenheit machte Bayer reifer.

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Wirklich froh war Kießling trotzdem nicht, als dann alles vorbei war. "Meine Gefühle sind total schwer zu beschreiben", sagte er, ohne genauer erläutern zu wollen, warum er im Moment des persönlichen Triumphs so nachdenklich wirkte. Aber es gehört nicht viel Fantasie dazu, um zu erahnen, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen: Vielleicht war dies sein letztes Spiel in Leverkusen. Vielleicht war die gemeinsame Party, die er noch lange nach dem Abpfiff mit rund 200 Fans auf der Tribüne feierte, eine Art Abschiedsfest.

Als Kießling später nach seiner Zukunftsplanung gefragt wurde, antwortete er offen: "Natürlich habe ich mir meine Gedanken gemacht und werde mir auch weiterhin meine Gedanken machen." Dass dieses großartige Spiel seine Situation grundlegend ändert, glaubt er jedenfalls nicht. "Die Zeit ist immer noch hart", sagte der 31-Jährige: "Jeder weiß, dass ich Bayer über alles liebe. Aber die Lage ist so, dass ich natürlich spielen möchte." Spätestens nach dem Ende der Hinrunde werde er "mit den Verantwortlichen reden, dann wird man sehen, was die beste Lösung ist". Vieles deutet darauf hin, dass Kießling um eine Freigabe für einen Vereinswechsel bittet.

Trainer Schmidt mag kein Zwei-Stürmer-System

Denn bisher fand Roger Schmidt keinen Gefallen an einem Zwei-Stürmer-System mit Kießling und Hernandez, der an diesem Abend sogar drei Treffer erzielte. Meist spielte der Dauertorschütze aus Mexiko. Ob der Trainer seine Haltung gegenüber einer Doppelspitze nun ändert, ist unklar, immerhin sagte Schmidt: "Was funktioniert, sollte man öfter auf den Platz bringen."

Kießlings Anwesenheit verschafft der Mannschaft andere Möglichkeiten. Der siebenmalige Nationalspieler kann lange Bälle verarbeiten, ist auch wertvoll bei gegnerischen Ecken und Freistößen, die in dieser Hinrunde so häufig zu Gegentreffern führten. Und er ist ein Typ, der den Charakter des Teams prägen kann. "Wir hatten im Sommer einen Aderlass von erfahrenen Spielern, auch da ist der Stefan wichtig", sagte Sportdirektor Rudi Völler, der wohl das entscheidende Gespräch mit dem ewigen Publikumsliebling führen wird.

Und ganz sicher wird es nicht leicht werden, die richtigen Antworten zu finden. Einerseits sei Kießling ein verdienter Spieler, dem man keine Steine in den Weg legen möchte. "Es ist eine Frage des Respekts, dass sich die Vereinsführung mit ihm darüber unterhält und seine Wünsche anhört", sagte Schmidt.

Aber was können die Leverkusener ihm versprechen? Mehr Einsätze? Eine Umstellung auf ein System mit zwei Stürmern? Oder doch nur eine sehr vage Perspektive? Denn auch nach diesem Abend haben die Verantwortlichen natürlich nicht vergessen, dass Kießling in den vergangenen Monaten meist wirkungslos blieb, wenn er mal zum Einsatz kam.

An einem Mangel an Alternativen wird ein Wechsel kaum scheitern. "Dass er Anfragen bekommt von anderen Klubs, das ist nun mal so, wenn man Stefan Kießling heißt", sagte Völler, für dessen Klub der Stürmer aber nicht nur als Fußballer wertvoll ist. Er ist ein emotionales Verbindungsstück zu den Fans, denen es nach dem Weggang von Gonzalo Castro, Simon Rolfes und Stefan Reinartz in der Hinrunde schwer gefallen war, sich mit dem umgebauten und mitunter etwas distanziert wirkenden Team zu identifizieren. Nach der Gala gegen Gladbach war eine Nähe da, die zuletzt fehlte.



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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
bernhard29 13.12.2015
1. Dieser Beitrag kann man sich echt schenken
Er ist in meinen Augen der Unsportlichste Profispieler der Bundesliga. Seine Aktion mit dem Tor durch das Seitennetz hat niemand vergessen. Ihn heute nach 2 Toren auf ein Schild zu heben wird ihm nicht gerecht. Seine Vorbildfunktion für die Jugend ist eine Katastrophe.
Pagode 13.12.2015
2. Ein Jammer
Bloß, weil einer nicht zu den Lauten gehört – dafür aber zu den Effizientesten – wurde er nicht mit zur WM genommen. Eigentlich eine tragische Karriere, trotz der vielen Erfolge. Erfolge, die leider nicht vorzeigbar waren. Nichts, was mit einem Pokal verbunden war. Oder einem verchromten Teller. Dennoch einer der beeindruckendsten Deutschen Spieler der letzten Jahre. Schade. Echt jetzt. Ich wünsch Stefan alles Gute bei dem, was noch kommt. Kopf hoch, Alter!
hemberg 13.12.2015
3. kies komm zurück
Der Club erwartet dich mit offenen Armen.
hansfrans79 13.12.2015
4.
Zitat von PagodeBloß, weil einer nicht zu den Lauten gehört – dafür aber zu den Effizientesten – wurde er nicht mit zur WM genommen. Eigentlich eine tragische Karriere, trotz der vielen Erfolge. Erfolge, die leider nicht vorzeigbar waren. Nichts, was mit einem Pokal verbunden war. Oder einem verchromten Teller. Dennoch einer der beeindruckendsten Deutschen Spieler der letzten Jahre. Schade. Echt jetzt. Ich wünsch Stefan alles Gute bei dem, was noch kommt. Kopf hoch, Alter!
Als ob Kießling Ihr Mitleid bräuchte. Er ist einer der top Verdiener der Liga und in die DFB Elf wird er nicht berufen, weil er nicht ins System passt. Und an seinem Fairplay hätte er auch mal arbeiten können.
Plasmabruzzler 13.12.2015
5.
Bayer Leverkusen wäre dumm und ignorant, Kießling nicht zu halten. Hernandez in seiner jetzigen Form (der ja immerhin von Manchester United kam und ja kein Hans-Wurst-Stürmer ist) wird wohl für die nächste Saison kaum zu halten sein, auch wenn er einen Vertrag hat. Wenn Kießling in der Winterpause ginge und Hernandez im Sommer, stünde Leverkusen ohne erfahrenen Stürmer da. Einen Ersatz auf so hohem Niveau wird wohl kaum mit den finanziellen Möglichkeiten zu holen sein.
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