Bayer Leverkusens Nachwuchsstar Brandt, gefährlich

Seit Peter Bosz in Leverkusen trainiert, brilliert Julian Brandt. Das Spielsystem bringt seine Stärken zum Vorschein. Bundestrainer Joachim Löw sollte genau hinschauen.

Julian Brandt von Bayer Leverkusen
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Julian Brandt von Bayer Leverkusen

Von Tobias Escher


Bayer Leverkusens wahrer Gegner am vergangenen Sonntag hieß nicht Hannover 96. Er hieß Eberhard. Das Sturmtief tobte über Niedersachsen und verwandelte den Rasen in der Arena in eine Winterlandschaft. Nicht nur eine hundertprozentige Torchance von Genki Haraguchi endete damit, dass der Ball im Schnee plötzlich liegen blieb. Auch Leverkusens Passspiel, unter dem neuen Trainer Peter Bosz die wichtigste Waffe der Leverkusener, stockte auf dem schwierigen Untergrund.

Julian Brandt, 22 Jahre, konnte das Wetter indes nicht aufhalten. Er machte dort weiter, wo er zuletzt aufgehört hatte: Leverkusens ersten Treffer musste Kevin Volland nach einem Schuss von Brandt nur abstauben. Vor dem zweiten zog Brandt drei Hannoveraner auf sich, nur um im entscheidenden Moment den Pass hinter die Abwehr zu spielen. Das Siegtor zum 3:2 köpfte Kai Havertz nach einer Flanke von Brandt.

Drei Leverkusener Tore, drei Vorlagen: Brandt gelang der Assist-Hattrick. Dank ihm darf Bayer, aktuell Sechster, weiter auf die Champions-League-Teilnahme hoffen. Dafür soll dann auch heute gegen Werder Bremen (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ein Sieg her.

Wie kein zweiter Leverkusener Spieler profitiert der Nationalspieler in Boszs Spielsystem. Er hat unter dem neuen Trainer allerdings eigentlich keinen Sprung in seiner Entwicklung gemacht. Das neue System erlaubt ihm schlicht, sein Talent besser zu nutzen.

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Brandt zeichnet sich durch seine hohe technische Klasse aus: Er führt den Ball eng am Fuß, kann sowohl präzise Pässe spielen als auch gefährliche Weitschüsse abgeben. In Leverkusen tritt Brandt Ecken und Freistöße und variiert dabei zwischen Kunstschüssen und gefährlichen Hereingaben.

Vor allem überzeugt Brandt aber als Ballhalter. Seine Dribblings sind selten spektakulär, er ist kein Leroy Sané, der mehrere Gegenspieler aussteigen lässt. Mit kurzen, explosiven Aktionen kann er kleine Raumgewinne erzielen. Das zwingt die Defensive zum Verschieben. Oft öffnen sich dabei Löcher.

Aus diesem Grund war Brandt bei der aus deutscher Sicht blamablen Weltmeisterschaft 2018 ein belebendes Element gegen Gegner, die sich am eigenen Strafraum verbarrikadierten. Zur Erinnerung: Brandt wurde in allen Gruppenspielen spät eingewechselt. In jeder Partie sorgte er sofort für Tempo im trägen Spiel der DFB-Elf.

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Brandts relativ ungewöhnliches Talent bedingt aber, dass er nicht in jeder taktischen Umgebung funktioniert. Man kann ihn nicht in eine Schublade stecken. Weder ist er ein klassischer Spielgestalter, der sich Bälle notfalls in der eigenen Hälfte abholt, noch ein Außenstürmer oder ein Zehner. Brandt überzeugt dann, wenn er im letzten Drittel mit seinen Teamkollegen kombinieren und in Richtung Tor ziehen kann.

Dass Brandt in der Hinrunde selten herausragte, lag nicht ausschließlich an ihm, sondern auch am Leverkusener Spielsystem. Trainer Heiko Herrlich wechselte häufig die taktische Formation, fand keine feste Rolle für Brandt. Das Offensivspiel blieb das große Manko der Leverkusener Mannschaft. Brandt bekam zu wenige Zuspiele, die er hätte weiterverarbeiten können.

Das hat sich unter Boszs geändert. Der Niederländer setzt Brandt im zentralen Mittelfeld ein, als Achter in einem 4-3-3-System. Er übernimmt hier allerdings keine klassischen Spielgestalter-Aufgaben. Vielmehr sollen die Achter in Boszs Spielsystem ständig vorrücken und Überzahl-Situationen auf den Flügeln sowie vor der gegnerischen Abwehr herstellen. Eine ideale Aufgabe für Brandt und seinen Nebenmann Kai Havertz: Beide verbinden Technik mit Dynamik.

Bosz setzt zudem auf ein radikales Ballbesitzspiel, seine Mannschaft soll jede Situation mit flachen Pässen lösen. Das ist die ideale Spielweise für Brandt, mit seinen Stärken in der Ballmitnahme und im Passspiel.

Die simple Rechnung: Brandt erhält mehr flache Zuspiele im letzten Drittel, also kann er den Ball häufiger gefährlich vor das Tor passen. In bisher acht Rückrunden-Einsätzen bereitete Brandt sechs Treffer vor und erzielte drei selbst.

Die Ausbootung von Thomas Müller bietet für Brandt indes die Chance, auch in der Nationalmannschaft mehr Einsatzzeit zu erhalten. Hier spielte er meist als Außenstürmer. Löw täte jedoch gut daran, ihn ähnlich wie in Leverkusen in einer zentralen Mittelfeld-Rolle einzusetzen.

Er könnte vor allem das große Problem der Löw-Mannschaft lösen: Gegen defensive Gegner tat sich Deutschland zuletzt schwer damit, Chancen zu kreieren. Brandt kann diese Dynamik erzeugen, zumal das Zusammenspiel mit Havertz auch in der Nationalelf funktionieren dürfte. Die Chance für Brandt ist also da. Jetzt muss der Bundestrainer nur genau hinschauen, wieso Brandt in Leverkusen so gut spielt.

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
amasan 17.03.2019
1. Brandt ein Schnäppchen
Guter Artikel! Brandt ist ein Spieler, den ich nächste Saison gerne beim FC Bayern sehen will. Mit einer Ausstiegsklausel von 35 Mio€ ist er ein wahres Schnäppchen und Bayern hat Außen akuten Bedarf. Er passt auch ins Beutescheuma: jung mit Potenzial, deutscher Nationalspieler und nicht "verrückt" teuer. Da ich davon überzeugt bin, dass Bayern nächste Saison eine veränderte Spielweise an den Tag legen wird, wäre dies eine richtig gute Investition für mehr Tempo und Konterfußball.
redvapor 17.03.2019
2.
Löw hat doch schon während der WM das potential von Brandt nicht erkannt und auch anschließend nicht auf ihn gesetzt. Glaube nicht dass sich das ändern wird. Naja, jetzt werfen wir auch noch das nächste Turinier weg mit dem Trainer. Meine Hoffnung bleibt dass dann nach 2 weggeworfenen EM Turnieren und einer blamblen WM, dem Abstieg aus der Nationsleague der DFB irgendwann auf den Trichter kommt dass es am Trainer liegt.
macfan 17.03.2019
3. Bvb
Zitat von amasanGuter Artikel! Brandt ist ein Spieler, den ich nächste Saison gerne beim FC Bayern sehen will. Mit einer Ausstiegsklausel von 35 Mio€ ist er ein wahres Schnäppchen und Bayern hat Außen akuten Bedarf. Er passt auch ins Beutescheuma: jung mit Potenzial, deutscher Nationalspieler und nicht "verrückt" teuer. Da ich davon überzeugt bin, dass Bayern nächste Saison eine veränderte Spielweise an den Tag legen wird, wäre dies eine richtig gute Investition für mehr Tempo und Konterfußball.
Und ich beim BVB ;-). Dort ist er im Moment auch intensiv im Gespräch. Und ich denke, dass er mit seiner Spielweise beim BVB viel besser klar kommen würde als bei den Bayern.
candido 17.03.2019
4. Brandt
weder Bayern noch Dortmund: er steht bereits auf der Wunschliste von Real, und die legen bekanntlich mehr Geld auf den Tisch.
lubrikation 17.03.2019
5. 439 km von Freiburg bis Leverkusen...
... zu weit für Herrn Löw. Nach München reisen ist schon ein Herausforderung im gemütlichen DFB Trainer-Alltag. Vielleicht wird Rudi Völler mal wach und legt noch zwei Schippchen Euro drauf und verhindert damit, dass die super Jungs die zweite Karrierehälfte zwischen alternden Weltstars und arroganten Präsidenten verbringen müssen. Nur ein Traum. Ein altmodischer Trainer in der NM reicht.
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