Leverkusens Aufholjagd im DFB-Pokal Schluss mit launig

Niemand wunderte sich, als Leverkusen früh mit 0:2 gegen Werder zurücklag. Typisch Bayer eben. Doch irgendetwas ist anders in diesem Jahr. Das liegt auch an denen, die weg sind.

Leverkusens Spieler haben Grund zu feiern
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Leverkusens Spieler haben Grund zu feiern

Aus Leverkusen berichtet


Das Flutlicht war längst heruntergedimmt, Mitternacht nahte bereits, vielleicht war das der Grund für die Eile, mit der Julian Brandt direkt auf den Kern dieses kleinen rheinischen Pokalmärchens zusteuerte. Der Flügelspieler, der zwei Treffer zum phasenweise hochklassigen 4:2-Sieg der Werkself gegen Werder Bremen beigetragen hatte, wurde grundsätzlich. "Was wir heute gezeigt haben, zeugt von sehr viel Mentalität", sagte er ungefragt. "Dieses Spiel hat gespiegelt, wie diese Mannschaft sich in dieser Saison entwickelt."

Dabei schien sich dieses Spiel zunächst zu einem Fall von "typisch Leverkusen" zu entwickeln: Mit 0:2 hatte Bayer nach acht Minuten zurückgelegen, Werder eine Halbzeit brillant kombiniert, gedribbelt, verschoben und vollstreckt. Analog zu den vergangenen Jahren, als Leverkusen sehr oft zu Hause im Viertelfinale des Pokals ausschied oder noch früher bei einem unterklassigen Klub, würde dieser Wettbewerb auch diesmal mit einer Enttäuschung enden.

Niemand wunderte sich also, dass vor diesem Hintergrund viele Plätze im Stadion leer geblieben waren. Doch irgendwie ist Bayer anders in diesem Jahr. Das Team von Trainer Heiko Herrlich ist kein launisches Künstlerensemble mehr, sondern ein zäher Widersacher mit ausgeprägtem Überlebenstrieb.

Herrlich lobte später in der Nacht die "super Mentalität" seiner Mannschaft und die "super Charaktere" im Kader. Wenn seine Vorgänger Roger Schmidt oder Tayfun Korkut solche Behauptungen aufstellten, wurden die Zuschauer regelmäßig misstrauisch. Nun zweifelt niemand. Die Leverkusener sind jetzt anders.

Sicher spielt dabei eine Rolle, dass mit Sven Bender und Dominik Kohr zwei sehr willensstarke Spieler hinzukamen. Mindestens ebenso wichtig ist aber, wer alles weg ist: Hakan Calhanoglu, Kevin Kampl, Ömer Toprak, Chicharito. Sie spielen sämtlich wieder in Teams, denen im Saisonverlauf bereits Probleme mit der richtigen Einstellung nachgesagt wurden.

Mentalität schlägt Qualität - jetzt auch in Leverkusen

In den vergangenen Jahren haben die Leverkusener ebenfalls oft die Chance zu besonderen Erfolgen in den K.-o.-Wettbewerben gehabt, in den Europapokalen, im DFB-Pokal. Um im entscheidenden Moment leichtfertig, überheblich oder unseriös zu werden.

Nun vermittelt diese Gruppe erstmals in diesem Jahrzehnt nicht nur den Eindruck, über viel Talent zu verfügen, sondern entwickelt auch eine zusätzliche Kraft als konstruktive Gemeinschaft. Und eine gewisse Unerbittlichkeit. "Wir haben im Sommer viel daran geschraubt, dass diese Mentalität nicht nur von vier, fünf Spielern gelebt wird, sondern auf die ganze Gruppe übergreift", sagte Brandt.

Sven Bender, der neu aus Dortmund dazu kam und zu den Motoren dieser Entwicklung zählt, kramte in den vergangenen Wochen immer wieder die alte Fußballerwahrheit "Mentalität schlägt Qualität" hervor. Und Herrlich ist nicht nur ein kluger Taktiker, vor allem ist dieser trockene Fußballlehrer ein perfekt passender Betreuer für diesen neuen Leverkusener Fußballgeist.

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Dieses Viertelfinale coachte er wie einen unendlich langen Ringkampf: Zunächst stellte er nach den beiden schnellen Gegentreffern auf Dreierkette um, wodurch die Werkself den Sturmlauf der in der ersten Hälfte überlegenen Bremer besser in den Griff bekam. Die Tore von Julian Brandt zum 2:2-Ausgleich waren aber der verdiente Lohn für intensive Arbeit.

"Je länger die Partie dauerte, desto besser wurden wir", sagte Leon Bailey, der nicht so glanzvoll spielte wie in den Wochen zuvor. Aber auch das ist derzeit kein Problem. In so einem Fall kommen eben Typen wie Lucas Alario oder Karim Bellarabi in die Partie. Nach den beiden Treffern des gebürtigen Bremers Brandt traf der in Bremen aufgewachsene Bellarabi in der Verlängerung zum 3:2, bevor er dann auch noch Kai Harvertz' 4:2 vorbereitete. "Ich habe Karim gesagt: Du hattest zuletzt so viel Pech, das ist jetzt gebündelt, heute machst du das entscheidende Tor", sagte Herrlich.

Dass solche Ansagen greifen, ist ein weiteres Indiz für die gesunde Gemeinschaft. Und wenn Harvertz nun sagt, der nächste Gegner sei ihm egal, "die anderen müssen hoffen, dass sie nicht gegen uns kommen", dann klingt das plötzlich nicht mehr übermütig, sondern tatsächlich Respekt einflößend.



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