Von Rafael Buschmann, Leverkusen
Sidney Sam sprintete fast 40 Meter kreuz und quer über das Spielfeld. Geschickt wich er seinen Mitspielern aus, die ihn greifen und fangen wollten, und steuerte sein Ziel an: Robin Dutt. Der Flügelstürmer sprang auf seinen Trainer, und der Großteil des restlichen Teams sprang hinterher. Sams Torjubel nach dem zweiten Bayer-Treffer zum 2:1-Erfolg über den FC Valencia in der Champions League hatte Symbolcharakter.
Zum einen wischte die nahezu geschlossene Freude an der Seitenlinie alle Anzeichen einer Spaltung zwischen Mannschaft und Trainer kurzerhand beiseite. Zum anderen war Sams Jubel der Schlusspunkt einer starken Drangphase direkt nach der Halbzeit, in der die Gastgeber einen Rückstand in eine Führung drehen konnten.
Die zehn Minuten nach dem Seitenwechsel darf man zu den stärkeren Leistungen von Bayer in der Champions-League-Gruppe E zählen, wo der Club mit nun sechs Punkten auf Platz zwei hinter dem FC Chelsea liegt und sich berechtigte Hoffnungen auf das Achtelfinale machen kann. Beides, die Spieler-Trainer-Freude gepaart mit den drei Punkten, schien auszureichen, damit Bayers Spieler und Funktionäre den Sieg wie einen Mantel des Schweigens über die vorherige Kritik ausbreiten konnten.
Lücken zwischen Offensive und Defensive
Dutt selbst arbeitete die erste Halbzeit sachlicher auf: "Es war nicht geplant, dass wir so abwartend spielen. Wenn ich das meiner Mannschaft im Vorfeld so mit auf den Weg gegeben hätte, hätte ich meinen Job verfehlt. Vielmehr wollten wir eigentlich zehn Meter in der gegnerischen Hälfte Valencia angreifen und unter Druck setzen." Das Ergebnis dieses Plans war, dass Stefan Kießling, André Schürrle und Ballack die Spanier frühzeitig attackierten, der Rest der Mannschaft sich jedoch in die eigene Spielhälfte zurückzog. Dadurch entstand zwischen dem Offensiv- und Defensivbereich eine große Lücke.
"In dieser Phase waren wir richtig schlecht", sagte Simon Rolfes. Bewertet man das gesamte Spiel gegen den Dritten der vergangenen Saison in Spanien, muss man sagen: Diese Partie war ein Spiegelbild der aktuellen Bayer-Spielzeit. Die seit August bestehende Inkonstanz, zusammengerafft auf 90 Minuten. Zwar schafft es Leverkusen, auf beeindruckende Art gegen Teams wie Augsburg (4:1) oder Wolfsburg (3:1) zu gewinnen, ansprechende Leistungen in der bisherigen Königsklasse gegen Chelsea (0:2) und Genk (2:0) zu zeigen, aber eben auch sang und klanglos gegen Köln (1:4) und Mainz (0:2) unterzugehen. Oder, noch schlimmer, sich beim Ausscheiden aus dem DFB-Pokal gegen Dynamo Dresden (3:4) bis auf die Knochen zu blamieren.
"Es ist unbestritten, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Aber wir können eben auch auf viele gute Dinge aus diesem Spiel aufbauen", sagte Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser. Mit den "guten Dingen" ist insbesondere der Doppelschlag von Schürrle (53.) und Sam (56.) gemeint, die innerhalb von 180 Sekunden das Spiel gedreht hatten. Aber auch Ballack, der beide Tore mit vorbereitet hat, der insbesondere beim Sam-Treffer mit einem schönen 30-Meter-Pass glänzte, stand endlich mal wieder im Rampenlicht - und zwar positiv. Zudem wurde deutlich, dass Dutts seit Monaten geäußerte Forderung nach einem extremen Offensiv-Pressing funktionieren kann, wenn alle im Team sich daran halten.
Vor allem aber gibt der Sieg erstmal eines: Ruhe. "Wir haben nun drei Siege und ein Unentschieden aus den vergangenen vier Spielen geholt. Das zeigt eine gewisse Konstanz, die wir beibehalten müssen", sagte Dutt und hofft, nun zumindest ein paar Tage störungsfrei arbeiten zu können. Dass Bayer das Spiel gegen Mönchengladbach (2:2) vergangenen Samstag genauso wie die Partie gegen Valencia aufgrund der desolaten Defensive auch hätte hoch verlieren können, scheint dabei wegen der erfolgreichen Ergebnisse erst einmal unwichtig zu sein. Genauso wie die Suche nach dem Spieler-Maulwurf, der derzeit alle Bayer-Interna ungefiltert der Presse zukommen lässt oder die Tatsache, dass es weiterhin Reibereien zwischen Dutt und einem Teil des Kaders gibt.
"Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir diesen Sieg richtig einordnen und die Probleme, die wir haben, nicht ausblenden", sagte Kapitän Rolfes. Der 29-Jährige war der einzige Bayer-Akteur, der eine solche Mahnung formulierte. Und er merkte an: "Wir arbeiten am Verhältnis zwischen den einzelnen Spielern, dem Trainer und den Spielern, zwischen uns allen. Es ist eben weiterhin ein Prozess, den wir gemeinsam angehen müssen. Das heute war ein wichtiger Schritt dafür." Vielleicht war dieser Pragmatismus auch der Grund, warum Rolfes, als einer von drei Feldspielern, nicht euphorisch an Sams und Dutts Hals gesprungen war.
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