Bayern-Coach Heynckes: Ein Routinier - mehr nicht

Von und Tim Röhn

Der Motor des FC Bayern stottert, die Gegner haben sich auf die Spielweise des Teams eingestellt. Das größte Problem der Münchner: Trainer Jupp Heynckes fällt wenig ein, um mit dieser Situation umzugehen. Der Coach stößt an seine Grenzen.

FC Bayern: Der Kater nach dem Rausch Fotos
REUTERS

Berlin/München - Der FC Bayern München im Februar 2012: Was hat sich beim Club verbessert seit der vergangenen Saison, die von allen Verantwortlichen als eine verlorene Spielzeit angesehen wurde? Die Stimmung zwischen Trainer und Präsident. Die Punkteausbeute. Im Vorjahr stand das Team bei 39, jetzt bei 45 Zählern. Der Rückstand auf Borussia Dortmund. Im Vorjahr 13 Punkte, jetzt vier.

Was hingegen hat sich nicht verbessert beim FC Bayern? Alles andere.

Zum Beispiel der Tabellenstand. Damals rangierte das Team auf Platz drei. Ein Jahr später ist die Mannschaft nach dem enttäuschenden 0:0 beim Liga-Schlusslicht in Freiburg wieder dort angelangt.

Das lässt sich noch verschmerzen, der Rückstand zur Spitze ist ja wie angemerkt gering. Was aber weit mehr ins Gewicht fällt: Der FC Bayern im Februar 2012 spielt ausrechenbar, schematisch, immer gleich. Dem letztjährigen Trainer Louis van Gaal wurde dies massiv zum Vorwurf gemacht. Unter seinem Nachfolger Jupp Heynckes ist es nicht besser geworden.

Langsam, ganz langsam rückt die Person des Bayern-Trainers in die Kritik.

Heynckes hatte ein sehr ruhiges erstes halbes Jahr in München. Der 66-Jährige hatte nach der chaotischen Vorsaison den großen Bonus, ein Beruhiger des Binnenklimas im Verein zu sein. Heynckes ist ein alter Spezi von Präsident Uli Hoeneß. Und wer mit Hoeneß gut steht, hat erst einmal nichts zu befürchten. Es wurde ruhig an der Säbener Straße - das erste Mal seit Jahren, nach dem fehlgeschlagenen Experiment Jürgen Klinsmann, nach all den Hahnenkämpfen der Ära van Gaal.

Trister Februar nach dem goldenen Oktober

Auch die Mannschaft wirkte in den Anfangsmonaten der Saison wie befreit. Endlich wieder ein Trainer, der die Spieler mal in den Arm nimmt, der überhaupt mit ihnen redet. Einer, der sich nicht wie van Gaal für den Gottkaiser persönlich hält. Einer, der die Spieler einfach machen lässt. Sie dankten es ihrem neuen Coach mit leichten Siegen. Es war ein goldener Oktober für Heynckes, für den FC Bayern.

Danach hat das Team von den zehn vergangenen Bundesligaspielen nur noch die Hälfte gewonnen, gegen die direkten Titelrivalen aus Dortmund und Mönchengladbach verloren und gegen die Kellerkinder Freiburg und Augsburg nur mühsam gepunktet.

All das reicht immer noch aus, um im Titelkampf mitzuhalten. Aber der Glanz der Hinrunde ist verschwunden. Er ist deswegen verschwunden, weil die Ligakonkurrenz sich auf die Spielweise des Rekordmeisters eingestellt hat. Weil jeder Gegner der Bundesliga mittlerweile exakt weiß, wie er gegen den FC Bayern anzutreten hat. So wie auch der FC Basel, bei dem die Münchner am Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League antreten müssen.

Der FC Bayern staunt, wie leicht er zu schlagen ist

Die Bayern sind auf dem Weg, ihre Ziele zu verfehlen. Sportdirektor Christian Nerlinger erklärte Dortmund schon zum Meisterschaftsfavoriten, was viel aussagt über die Stimmung der Münchner, die sich seit dem Trainingslager in Katar rapide verschlechtert hat. Damals hatten sich die Bayern noch im typischen "Mia-san-mia"-Gehabe geübt. Das ist erst sechs Wochen her.

Heynckes lässt im Grunde genauso spielen wie in der erfolgreichen Hinrunde. Aber die Gegner spielen anders als noch im Herbst: konzentriert in der Deckung, überfallartig konternd. Der FC Bayern stellt erstaunt fest, wie leicht er zu schlagen ist - und hat keinen Plan B in der Tasche.

Der Trainer-Routinier stößt an seine Grenze, wenn er sich taktisch flexiblen Teams gegenübersieht. Heynckes ist ein angenehm ruhiger und im Ton zurückhaltender Trainer. Einer, der anders als van Gaal keine destruktiven Kräfte in die Manschaft lenkt. Aber er ist kein Innovator, das ist er nie gewesen. Heynckes ist ein Verwalter eines Status Quo. Letztlich ist er beim Rekordmeister daher nur ein Zwischentrainer.

Die Visionäre, die Coaches, die aus Spielern mehr herausholen können, als das, was diese sich selbst zugetraut haben, sitzen woanders. In Dortmund, wo Jürgen Klopp ein Team nach seinem Bilde geschaffen hat. In Mönchengladbach, wo Lucien Favre im Rekordtempo einen Fast-Absteiger zur Spitzenmannschaft umgebildet hat.

Klopp und Favre haben eine sehr klar umrissene Vorstellung davon, wie Fußball auszusehen hat, sie ist beinahe abgelöst von der individuellen Klasse der Akteure. Deshalb konnte Klopp auch den Abgang von Taktgeber Nuri Sahin verkraften, der Dortmund nach der Meisterschaft Richtung Real Madrid verließ. Daher traut man Favre zu, selbst ohne einen überragenden Marco Reus auf höchstem Niveau in Mönchengladbach weiterzuarbeiten.

Heynckes war notwendig, um dem FC Bayern nach der Ära van Gaal seinen inneren Frieden wieder zu geben. Diese Aufgabe hat er erfüllt.

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Trainer bei den Bayern
semper-idem 21.02.2012
Uli Hoeneß soll bloß nicht auf die Idee kommen, mit seiner vollen Kasse den Herrn Favre nach München zu locken. Der feinnervige Schweizer würde sich innerhalb weniger Wochen in einer Umgebung, die ihren Ansprüchen ständig hinterher hächelt, vollkommen aufreiben.
2. "Mia san mia" bzw. das grenzelose Ego der Bayern
Audere est facere 21.02.2012
Der FCB steht auf dem dritten Platz der Tabelle - Zeit für einen Artikel über die Krise! Gottlob berechtigt selbst dieser Rang 3 noch zur Teilnahme an der Champions League, ansonsten müssten die Bayern eventuell nächste Saison wieder am "Cup der Verlierer" (O-Ton des Kaisers) teilnehmen. In diesem CdV haben wir in Hannover übrigens jede Menge Spaß und Teams wie Bremen oder M'Gladbach würden sich sicherlich sehr freuen nächste Saison wieder dabei zu sein. 96 selbstredend natürlich auch. Wer schon (vermeintlich) alles hat, wie der FCB, kann sich über solch kleine Geschenke nicht mehr freuen - das ist klar. Apropos "haben": Wir in Hannover haben auch so einen Visionär als Trainer, der mehr aus den Spielern herausholt als diese selbst in sich vermutet haben. Jüngst hat dieser Trainer in der Winterpause gerade mal schnell das System geändert, denn auch auf die Blitzkonter-Taktik von 96 hatte sich die Bundesliga bereits eingestellt. Deshalb spielen wir jetzt mit Raute im Mittelfeld und zwar so erfolgreich, dass es noch keinem aufgefallen ist und deshalb fehlt Mirko Slomka aus dem kleinen Hannover auch in der Aufzählung der Trainer-Visionäre. Den Bayern hingegen wünsche ich von Herzen, dass sie noch die Kurve bekommen und erfolgreich die Saison abschließen. Schließlich brauchen wir Schweinsteiger, Müller, Lahm, Gomez, Kroos, Neuer, Boateng... in Topform für den erhofften Gewinn des Europameister-Titels. Pfiat eich!
3. Bayern wird Meister...
protoscorsair 21.02.2012
Zitat von sysopREUTERSDer Motor des FC Bayern stottert, die Gegner haben sich auf die Spielweise des Teams eingestellt. Das größte Problem der Münchner: Trainer Jupp Heynckes fällt nichts ein, um mit dieser Situation umzugehen. Der Coach stößt an seine Grenzen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,816393,00.html
Das sage ich nicht als Bayern Fan (bin Anhänger eines Clubs von der Weser, der leider gar nichts mit der Meisterschaft am Hut haben wird). Was im Moment fehlt, ist nicht die Taktik, sondern ein bisschen Fortune, eben solche Spiel in Freiburg mal schumutzig 1:0 zu gewinnen. Die Dortmunder hauen doch auch nicht jeden Gegner 3:0 weg, doch es geht irgendwie immer einer rein. Bayern hat selten in der Geschichte brillanten Fussball gespielt, sondern meist "ergebnisorientierten". Trotz nicht gerader toller Ausbeute haben die Bayern nur 4 Punkte Rückstand. Am Ende reicht es für Bayern. Mal schaun, ob ich recht behalte...
4.
stscon 21.02.2012
Zitat von sysopREUTERSDer Motor des FC Bayern stottert, die Gegner haben sich auf die Spielweise des Teams eingestellt. Das größte Problem der Münchner: Trainer Jupp Heynckes fällt nichts ein, um mit dieser Situation umzugehen. Der Coach stößt an seine Grenzen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,816393,00.html
Dem kann man nur zustimmen. Die Frage ist jetzt nur noch: Wie wird man Heynckes los, ohne dass dieser das Gesicht verliert? Und wie bekommt man Favre (Klopp wird nicht kommen). Außerdem muss der Trainer, der Heyckes folgt, auch erst einmal mit dieser Mannschaft eine andere Taktik entwickeln. Robben, Ribery, Schweinsteiger, Gomez haben eigentlich alle ihre feste Position. Lahm kann die Seite wechseln (nur was bringt das?). Kroos auf die 10? Ja, aber oftmals ist er trotzdem untergetaucht. Müller dann wo??? Das Problem ist nicht der Trainer, sondern eine Mannschaft, die zwar technisch sehr gut ist, aber nicht (noch) gelernt hat sich auch mal durchzubeißen. Kein Spieler ist eine richtige "Drecksau" (im positiven Sinn). Entweder man führt nach 15 Minuten, dann wird der Gegner überrannt. Oder man läuft 90 Minuten gegen eine Mauer an. Gomez ist zu sehr ein Schönwetterfußballer. Er braucht mehr das Inzaghi-Gen: Sprich 89 Minuten unsichtbar sein und dann das entscheidende Tor machen. Im Grunde wurde alles durch den Champions-League-Finaleinzug 2010 überschattet. Man war mehrmals so gut wie ausgeschieden und hat dann durch EInzelaktionen (Robben, Olic) doch noch gewonnen. Die Spieler, die seit 4-5 Jahren beim FCB sind, sind einfach zu satt, ohne dass sie wirklich viel erreicht haben. Wer 9 Millionen im Jahr verdient, muss das wahrscheinlich auch werden.
5. Polemik
Maxer 21.02.2012
Vor einem Jahr wurde Herr Heynkes noch in den Himmel gelobt, jetzt soll wieder alles schlecht sein. Was beim FC Bayern derzeit schiefläuft, wissen die Autoren doch nicht, vielmehr verlieren sie sich in Mutmaßungen. Das Leverkusen letztes Jahr mit Herrn Heynkes den warscheinlich attraktivsten Fußball der Liga gespielt hat, scheint niemanden zu interessieren. Unter dem "Konzepttrainer" Robin Dutt sieht dies derzeit ganz anders aus, oder? Die Quintessenz des Artikels "Es muss mal wieder ein neuer Trainer her", sagt einiges über den Sachverstand der Autoren aus. Das für das derzeitige Leistungsbild eine Vielzahl von (anderen) Faktoren ausschlaggebend ist, scheint offensichtlich. Vom Spiegel bin ich eigentlich besseres gewohnt als "Sport-Bild-Niveau".
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