Bayern-Coach van Gaal: Hilfe für den Härtefall

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Präsident, Sportdirektor, Altstars, Fans: Beim FC Bayern München prügelt fast jeder auf Trainer Louis van Gaal ein. Jetzt hat wenigstens Vorstandschef Rummenigge Partei für den Drillmeister ergriffen - eine gute Entscheidung, denn der Niederländer macht fast alles richtig.

Immer Zoff um van Gaal: Louis gegen den Rest der Bayern-Welt Fotos
AFP

Es wurde Zeit für ein Machtwort beim FC Bayern München, und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat es ausgesprochen. Trainer Louis van Gaal sei "genau das, was wir wollten, ein exzellenter Fußballlehrer und Trainer mit einem klaren Plan und einer klaren Strategie", ließ er am Mittwoch in der "Sport Bild" verlauten.

Wochenlang hatte Rummenigge geschwiegen, als um ihn herum von Bayern-Präsident Uli Hoeneß über Sportdirektor Christian Nerlinger bis hin zu den Altstars Mehmet Scholl und Oliver Kahn so gut wie jeder auf van Gaal eingeprügelt hatte. Der FC Bayern konnte gewinnen, wie er wollte - am Ende jedes Spiels stand doch nur wieder der umstrittene Trainer im Zentrum der Diskussion.

Es ist das Verdienst Rummenigges, den Fokus weggelenkt zu haben von der Debatte über van Gaals Eigenarten, über seine oft brüske Art, mit der der Trainer geradezu lustvoll jeden Ansatz von Kritik abbügelt. Der Vorstandschef versachlicht das Thema und macht so den Blick frei auf die sportliche Bilanz des Niederländers. Denn van Gaal hat auch in dieser Saison, in der er seit Monaten kritisiert wird, fast alles richtig gemacht:

  • Der Verein steht im Achtelfinale der Champions League und hat gegen einen in dieser Saison schwächelnden Titelverteidiger Inter Mailand reelle Chancen auf ein Weiterkommen.
  • Das Team hat das Halbfinale des DFB-Pokals erreicht und mit dem Heimrecht gegen den FC Schalke beste Aussichten auf den Einzug ins Endspiel, wo mit Cottbus oder Duisburg ein Zweitligist warten würde.
  • In der Bundesliga haben die Bayern nur eines der vergangenen zwölf Spiele verloren, liegen zwar nur auf Platz drei, aber mit allen Möglichkeiten, sich auch in der kommenden Saison für die Champions League zu qualifizieren.

Bundesligasaison teilweise ohne die Besten des Vorjahres

Zu den Fakten gehört zwar auch, dass der Rückstand auf Borussia Dortmund beeindruckende 14 Punkte beträgt - ein Rückstand, der unter normalen Umständen nicht aufzuholen ist. Das Team hat allerdings über Monate ohne ihre Besten der Vorsaison gespielt: ohne den Dauerrenner Ivica Olic, ohne Franck Ribéry, vor allem aber ohne Arjen Robben. Man muss sich nur kurz erinnern, welchen Anteil Robben an den Bayern-Erfolgen der vergangenen Spielzeit hatte, um zu ermessen, wie sehr er dem Team in der Hinrunde gefehlt hat.

Van Gaal neigt zuweilen zu Selbstherrlichkeit, er lässt keine Zweifel an sich erkennen, er ist undiplomatisch, sperrig, robust in der Ansprache, er verbittet sich jede Einmischung in seine Belange, Journalisten sind für ihn bestenfalls lästig - aber all dies jedoch war den Herren Hoeneß und Nerlinger bekannt, als sie den Niederländer 2009 an die Säbener Straße lockten. Man könnte sagen: Der Trainer ist sich die ganze Zeit treu geblieben. Der FC Bayern hat van Gaal bestellt, er hat van Gaal bekommen. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Seine Personalpolitik sei rätselhaft, nicht mehr nachvollziehbar, lautet der beliebteste Vorwurf gegen den Coach. Doch was hat van Gaal bei Licht betrachtet gemacht? Er hat den Torwart ausgewechselt, den erfahrenen Hans-Jörg Butt durch den jungen Thomas Kraft ersetzt. Maßnahmen, die vor Jahren auch auf Schalke und in Leverkusen von einem Tag auf den anderen ergriffen wurden. Die beiden Keeper, die dadurch ihre Chancen erhielten, hießen Manuel Neuer und René Adler und sind heute die anerkannt Besten ihres Fachs in Deutschland. Van Gaal und sein Torwarttrainer Frans Hoek haben Butt und Kraft lange genug im Training beobachtet, bevor sie sich zu dem Schritt entschlossen haben. Zumal es in der Vorsaison unter Bayern-Fans oft genug hieß: Mit einem Torwart Butt können wir die Champions League nicht gewinnen.

"Er hat mich mehr als jeder andere im Fußball verletzt"

Van Gaal hat zudem Martin Demichelis aussortiert, er hat Daniel van Buyten auf die Ersatzbank verbannt, auch dies ist sportlich schlüssig. Die Innenverteidigung war in der starken Bayernsaison 2009/2010 der Schwachpunkt. Inter-Stürmer Diego Milito hat das im Champions-League-Endspiel gnadenlos ausgenutzt. Van Gaal hat das genau gesehen, und er hat reagiert.

Zuletzt ergriff Mark van Bommel die Flucht nach Italien, und wieder schüttelte die Kritikergemeinde heftig den Kopf über den Coach, der seinen Kapitän vertrieben habe. Tatsächlich hatte der FC Bayern van Bommel schon längst mitgeteilt, dass man ab dem Sommer nicht mehr mit ihm plane. Der Abschied kam jetzt ein halbes Jahr früher, dafür kann der Niederländer mit seinen 34 Jahren jetzt noch einmal beim AC Mailand spielen. Was ist dagegen einzuwenden?

Sicher, der Coach ist ein harter Hund. Wenn van Gaal einen Spieler aus seinen Zukunftsplanungen streicht, dann hat dieser Profi so gut wie keine Chance mehr bei ihm. Man mag es menschlich bedenklich finden, wie van Gaal mit Stürmer Luca Toni, mit Demichelis, dessen Verteidigerkollegen Lucio oder van Bommel umgegangen ist. "Van Gaal hat mich mehr als jeder andere im Fußball verletzt", sagte Lucio. Dem Brasilianer hatte van Gaal den 20-jährigen Holger Badstuber vor die Nase gesetzt. Fachlich jedoch sind all diese Entscheidungen plausibel.

Anders als Vorgänger Jürgen Klinsmann vertritt van Gaal nicht den Anspruch, das Gesicht des Vereins komplett zu verändern. Im Gegenteil: Alle seine Maßnahmen sollen dem Zweck dienen, das Team zu verbessern. Man stelle sich vor, der Niederländer wage nur im Ansatz das, was Felix Magath zurzeit auf Schalke durchzieht. Spieler als Schachfiguren, Profis als reine Nummern, beliebig hin und her transferierbar wie im Im- und Export-Geschäft. So etwas wäre bei van Gaal undenkbar.

Louis van Gaal ist kein Sympathieträger. Aber was er tut, tut er nicht für sich, sondern zum Wohle des Vereins. Erstaunlich, dass ausgerechnet Uli Hoeneß, der sich für den Bewahrer des FC Bayern München hält, das nicht merkt. Rummenigge scheint da klüger zu sein.

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insgesamt 54 Beiträge
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1. ..
stevie76 02.02.2011
die bayern sollten neben fernsehgeld auch zeitungsgeld bekommen. die liefern schlagzeilen ohne ende. zudem ist hoeness zu früh gewechselt. finde ich zumindest. manchmal denke ich der uli sollte sich eine saison auf die trainerbank setzen. so könnte er seine zahlreichen tips direkt umsetzen. oder die verpflichten als trainer mal einen sack mehl, dann macht der vorstand halt die aufstellung. kann nicht schlimmer als unter klinsi werden. auf eine plausible erklärung für dessen verpflichtung warte ich heute noch.
2. ...
Vex 02.02.2011
Ich bin kein Bayern Fan sondern das Gegenteil ich hasse Bayern München ... aber ich muss leider zugeben das Bayern noch nie so schönen Fussball gespielt hat zumindest nicht wenn man die letzten 30 Jahre betrachtet. Dabei geht es gar nicht um Erfolg den hatten viele Trainer in Bayern wie Ottmar Hitzfeld zB aber die Mannschaft hat nie so schönen Fussball gezeigt wie momentan. Neben dem FC Barcelona ist Bayern einer der wenigen Mannschaften mit europäischen Profil die richtig schönen Fussball spielen können.
3. "halt nächstes Jahr"
NeZ 02.02.2011
Unter van Gaal läuft es so gut wie schon lange nicht mehr bei uns. Ein arroganter Trainer passt einfach zu diesem Verein. Da kann gelästert werden wie auch immer, er macht alles richtig und der Erfolg gibt ihm Recht. Und wenn's dieses Jahr nicht mit der Meisterschaft klappt - dann halt nächstes Jahr. Oder dieses Jahr den DFB-Pokal und/oder sogar die Championsleague. Nichts ist unmöglich.
4. Altstars
doli 02.02.2011
Der Trainer stellt die Mannschaft auf und nicht ein paar Fuzzis, die keinerlei Verantwortung übernehmen und als einzige Aufgabe eine Menge Schwachsinn für viel Geld im Fernsehen zu erzählen. Die Spieler verdienen Millionengehälter und haben Leistung zu zeigen. Wer die Leistung nicht mehr bringt wird abgegeben. Dies macht jeder erfolgreiche Industriebetrieb genauso.
5. ver-ein
chrishan 02.02.2011
-Louis van Gaal ist kein Sympathieträger- was macht den fc-bayern heute attraktiv? warum sollte man fan von ihm sein? welche alternativen gibt es? der fc ist vor allem öffentliche show und öffentliches fingerhakeln. permanentes, öffentliches gegeneinander, das ist sehr abstoßend. jeder gegen jeden. das ist kein -verein- sondern ein -gegenein-ander. --abstoßend-- die alternative ist borussia dortmund. DAS ist ein VEREIN
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