Bayern-Stürmer Lewandowski Eine neue Dimension

Robert Lewandowski hat seine Ex-Kollegen besiegt: Auch dank seines Treffers gewann der FC Bayern gegen Borussia Dortmund. Der Stürmer ist endgültig angekommen. Seine Bedeutung für das Münchner Spiel in der Taktik-Analyse.

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AP/dpa

Josep Guardiola war außer sich. Der Trainer des FC Bayern bewegte in der 14. Minute im Duell mit dem BVB (2:1) beide Hände, als stünde er vor einer imaginären Taktiktafel, auf der er Magnete verschiebt. Gleichzeitig redete er auf Robert Lewandowski ein. Bereits zuvor hatte Guardiola seinen Stürmerstar zu sich zitiert und sekundenlang Worte und Gesten auf ihn prasseln lassen. Offenbar ohne den gewünschten Effekt. Nach dem zweiten Anlauf schob der Trainer seine Hände in die Hosentaschen. Lewandowski hatte endlich verstanden.

Was Guardiola so missfiel, waren die Laufwege seiner Offensivspieler. Mal standen sich Lewandowski und Thomas Müller gegenseitig auf den Füßen. Im nächsten Moment waren sie etliche Meter voneinander entfernt und damit ohne Anbindung zueinander und zu den Mitspielern.

Je besser die Bewegungen der Bayern-Profis wurden, desto gefährlicher wurde Guardiolas Mannschaft. Und auch wenn es nicht immer aufgefallen ist: Lewandowski, 26, war an den meisten Bayern-Chancen beteiligt.

Zwei Beispiele:

  • Die 37. Minute: Während Arjen Robben den Ball auf der rechten Seite nach vorne treibt, orientiert sich Lewandowski im Zentrum als vorderster Münchner in Richtung Dortmunder Strafraum. Kurz blickt er über die linke Schulter und entdeckt Müller. Was nun geschieht, ist einstudiert: Lewandowski zieht plötzlich das Tempo an, bis er Abwehrspieler Sokratis ganz nah ist. Dann läuft er einen Bogen in Richtung Robben - und lockt Sokratis mit sich. Darauf haben Robben und Müller gewartet: Der Niederländer spielt den Ball an Lewandowski und dessen Bewacher vorbei in die Tiefe, Müller erreicht den Pass und steht frei vor BVB-Torwart Roman Weidenfeller, der einen Treffer gerade noch verhindern kann.

  • Die 39. Minute: Als die Bayern ihren Angriff über die rechte Seite aufbauen, steht Lewandowski noch in der linken Feldhälfte. Von dort aus läuft er diagonal nach vorne rechts, mitten hinein in ein Dreieck aus BVB-Verteidigern. Als Mario Götze zu Lewandowski passt, stürzen sich drei Dortmunder auf ihren Ex-Kollegen. Ehe sie ihn bedrängen können, ist der Ball längst fort. Statt ihn anzunehmen, hat Lewandowski den Ball direkt per Hacke in die Mitte abgelegt - dorthin, wo nun kein Abwehrspieler mehr postiert ist. Robben vergibt die Chance zum Ausgleich.

Lewandowskis Positionsspiel erinnert an einen Jäger, der Köder auslegt. Dass er technisch gut und kreativ genug ist, um für Gefahr zu sorgen, falls die Gegner nicht anbeißen sollten, erhöht seinen Einfluss. Er kann Strafraumstürmer und Spielmacher sein. Oder Wandspieler und Konterstürmer, wie in der Schlussphase gegen den BVB. Seinen eigenen Treffer bereitete er dadurch vor, dass er einen schwer zu nehmenden hohen Pass verarbeitete, indem er ihn mit dem Oberschenkel in den Lauf von Franck Ribéry weiterleitete. Statt dann vor das Tor zu sprinten, ließ er Robben den Vortritt und blieb gezielt auf Abstand zur Dortmunder Viererkette. Aus jenem Zwischenlinienraum heraus erzielte er das 1:1 (72. Minute).

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Bayern in der Einzelkritik: Stille Genießer
Mit einem eingebundenen Lewandowski gewinnt das Spiel der Bayern eine neue Dimension hinzu. Bereits in Guardiolas Premierensaison war das Team schwer auszurechnen. Das lag oft daran, dass der Trainer eingriff und die Taktik änderte. Nun sind die Bayern auch ohne personelle Änderungen unberechenbar.

Es ist womöglich das große Plus im Vergleich mit seinem Vorgänger Mario Mandzukic, der vor dieser Saison zu Atlético Madrid gewechselt ist. Zwar war auch der Kroate kein reiner Strafraumstürmer. An die Lockvogel- und Spielmacherqualitäten des Polen kommt er aber nicht heran. In der vergangenen Saison, als die Münchner gegen den BVB im Hinspiel 3:0 gewannen, fielen sämtliche Treffer, nachdem Guardiola die Taktik änderte und statt auf lange Bälle auf Passkombinationen gesetzt hatte. Mandzukic wechselte er dafür aus. Für das DFB-Pokalfinale der Bayern gegen den BVB (2:0 n.V.) strich Guardiola den Kroaten aus seinem Kader.

Die Szene aus dem jüngsten Spiel gegen die Borussia, in der Guardiola Lewandowskis Laufwege korrigierte, kann als Sinnbild verstanden werden. Der Stürmer ist immer besser integriert in die Angriffsmuster beim FC Bayern. Das lässt sich auch an seiner Trefferquote ablesen. In seinen ersten zehn Pflichtspielen für die Münchner traf der Pole zweimal. In den vergangenen fünf Partien gelangen ihm fünf Treffer.

Er hätte es Guardiola hoch angerechnet, sagte Mandzukic vergangenen Mittwoch, wenn der Trainer ihm einst gesagt hätte: "Hör zu, Mario, du passt nicht in meine Vision des Spiels, ich brauche einen anderen Stürmer."

Scheint, als habe Guardiola den Passenden gefunden.

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
xxticoxx 02.11.2014
1. Super Bericht
Man kann aber auch wirklich aus jedem Quark eine Wissenschaft machen. Gratuliere.
Talan068 02.11.2014
2. hätte hätte
da hätte ich fast das hätte übersehen. === Er hätte es Guardiola hoch angerechnet, sagte Mandzukic vergangenen Mittwoch, wenn der Trainer ihm einst gesagt hätte: Hör zu, Mario, du passt nicht in meine Vision des Spiels, ich brauche einen anderen Stürmer." === Hochbegabe, haben im Zwischenmenschlichen oft Defizite. Ps: Ich muß ein Genie sein^^
Talan068 02.11.2014
3. hätte hätte
da hätte ich fast das hätte übersehen. === Er hätte es Guardiola hoch angerechnet, sagte Mandzukic vergangenen Mittwoch, wenn der Trainer ihm einst gesagt hätte: Hör zu, Mario, du passt nicht in meine Vision des Spiels, ich brauche einen anderen Stürmer." === Hochbegabe, haben im Zwischenmenschlichen oft Defizite. Ps: Ich muß ein Genie sein^^
napo1815 02.11.2014
4. Super Bericht 2
Es gibt auch Menschen, die in der Lage sind, ein Spiel bzw eine Taktik zu analysieren. Anderen wird Fußball immer ein Rätsel bleiben.
frank_w._abagnale 02.11.2014
5. Gut für die fußballerische Entwicklung.
Das ist der endgültige Beweis. Wenn Du Dich als Fußballer weiterentwickeln willst, bleibt nur ein Wechsel zum FC Bayern. Ein Lars Ricken wäre auch nicht so sang- und klanglos untergegangen, wenn er damals zum FC Bayern gewechselt wäre. Aber der BVB hat ihn ja mit viel Geld gehalten (Stichwort: Moneten-Meier).
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