Bayern-Gegner Florenz Außerirdische in violett

Vor wenigen Jahren noch in der vierten Liga, an diesem Dienstag Gegner des FC Bayern in der Champions League: Der AC Florenz hat sich von einem kriminellen Präsidenten und der finanziellen Pleite erholt. Jetzt will der Club ganz hoch hinaus - ein Ufo ist dafür gerade gut genug.

Von Oliver Birkner, Florenz


Ob man sich bei den aktuellen Stadionplanungen an den Geschehnissen des 27. Oktober 1954 orientiert hatte, wollten die Gebrüder Della Valle nicht verraten. Damals, das beschworen alle Anwesenden, waren bei der Partie Florenz gegen Pistoiese 20 scheibenartige Objekte über die Arena gesaust. Der Referee notierte das Schauspiel artig in seinem Spielberichtsbogen. Ältere Florentiner reden heute noch gerne von dem "Ufo-Spiel". Demnächst soll nun ein Flugobjekt permanent in Florenz landen, denn die Fiorentina hat Großes im Sinn. Der Gedanke, schon bald wieder aus der Champions League abzutauchen, missfällt den Clubvorstehern Diego und Andrea Della Valle. Und so präsentierten sie jüngst im Hotel Four Seasons das Modell des geplanten Spaßparks "Viola", benannt nach der Vereinsfarbe. Um die neue Arena in Scheibenform, das die Florentiner bereits "Ufo" und "Raumschiff" tauften, sollen ein Museum für Moderne Kunst, ein Einkaufszentrum, Grünanlagen und ein Vergnügungspark entstehen, in dem man virtuell gegen Kaká oder Torhüter Gianluigi Buffon antritt.

"Ein Euro Disney des Fußballs, einzigartig auf der Welt", schwärmt Diego Della Valle. Das alles auf stattlichen 50 Hektar, etwa in den Ausmaßen des historischen Florenz um 1300.

"Wenn wir uns als Spitzenteam etablieren wollen, müssen wir auch wie ein Spitzenteam denken. Entweder der Verein entwickelt sich weiter, oder er wurstelt sich ambitionslos durch", sagt die Familie Della Valle, die "durchwursteln" aus ihrer Diktion längst aussortiert hat. Grandezza ist kategorischer Imperativ, Einfluss selbstverständlich. Und das heutige Spiel gegen die Bayern (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) soll nur das erste von vielen Partien in der Champions League sein.

Diego Della Valle ist Präsident der weltberühmten Schuhmarken Tod's und Hogan und sitzt im Aufsichtsrat von Ferrari, Piaggio, der Luxusartikel-Holding "Moët Hennessy Louis Vuitton", einem Bankhaus und der Verlagsgruppe RCS, die den "Corriere della Sera" und die "Gazzetta dello Sport" herausgibt.

Für die Tifosi der Fiorentina klingen seine Zukunftsprojekte außerirdisch. Zwar gehören sie zu den treuesten Italiens, doch die Clubhistorie hat sie dafür bislang nicht unbedingt entschädigt. Schon die Vereinsgründung am 26. August 1926 verkam in den Zeitungen zur Marginalie, da den Gazetten der Tod Rodolfo Valentinos dazwischenkam.

Zur violetten Trikotfarbe gelangte man nur, weil die Uniformen in den Stadtfarben Rot-Weiß falsch gewaschen wurden. Im Refrain der offiziellen Hymne "O Fiorentina", die vor jedem Heimspiel über die Lautsprecher posaunt, singen ehemalige Spieler des Rivalen Inter, da sie in den fünfziger Jahren in einem Mailänder Studio aufgenommen wurde. Und mit Trophäen kann man schon gar nicht prahlen: ein Pokal der Pokalsieger 1961, zwei Meisterschaften (1956, 1969), sechs nationale Pokale, die in Italien jedoch niemanden wirklich interessieren.

1993 stieg der Verein nach 54 Jahren Erstklassigkeit mit den Neuzugängen aus Bayern, Stefan Effenberg und Brian Laudrup, in die Serie B ab, träumte in der Folge unter der Führung von Vittorio Cecchi Gori jedoch von einer goldenen Zukunft. Der zuweilen etwas größenwahnsinnige Filmproduzent investierte in Stars wie Manuel Rui Costa, Gabriel Batistuta, Nuno Gomes oder Edmundo Millionen und trieb Florenz en passant mit nebulösen Finanzgeschäften in den Ruin.

Nach dessen Festnahme wegen Bankrott 2002 kam ans Licht, dass er zwischen 1998 und 1999 rund 65 Millionen Euro aus den Kassen der Fiorentina in zwei Gesellschaften seiner Firmengruppe umgeleitet hatte. Die 65 Millionen Euro resultierten aus einem Vorschuss der Bank Merryll Lynch für die Zuschauereinnahmen der Jahre 1999 bis 2010.

Bei der Hausdurchsuchung stießen die Beamten im Schlafzimmersafe auch auf Kokain. Der listige Cecchi Gori verteidigte sich: "Ich kenne als Droge nur Safran, von anderen Drogen weiß ich nichts." Als die mit 150 Millionen Euro verschuldete Fiorentina 2002 nur noch eine sofortige Finanz-Spritze über 22 Millionen vor der Amateurliga retten konnte, versuchte Cecchi Gori einen letzten Trick: Er fälschte ein Fax der kolumbianischen "Banco Ganadero" über die nötige Bürgschaft – und flog auf.

Als Retter sprang Diego Della Valle mit der erforderlichen Summe ein und hielt den Club somit zumindest im Profi-Fußball, der vierten Liga Serie C2. Die schnelle Rückkehr in die europäische Elite der Champions League verlief mit rationaler Politik und einer Gehaltsobergrenze, die zunächst bei 1,5 Millionen Euro lag, heute bei 1,8 Millionen. Insbesondere Trainer Cesare Prandelli und Sportdirektor Pantaleo Corvino leisteten mit ihrer rigorosen Jugendpolitik gemischt mit einiger Routine in Form von Adrian Mutu, Sébastien Frey oder den mittlerweile abgewanderten Tomas Ujfalusi und Luca Toni in den vergangenen drei Jahren Erstaunliches.

"Ich wäre wahnsinnig geworden"

Der konsequente Offensivfußball hatte die Fiorentina bereits 2006 und 2007 für die Königsklasse qualifiziert. Derbe Punktstrafen im Zuge des Manipulationsskandals verwehrten den Eintritt, auch wenn die letzte gerichtliche Instanz die Della Valle Brüder 2007 von sportlichen Vergehen freisprach.

Mit dem viertjüngsten Kader der Serie A klappte es dann schließlich 2008. "Ich wäre wahnsinnig geworden, wären wir wieder gescheitert", sagte Prandelli, der seinen Verstand behalten und für 50 Millionen Euro auf dem Transfermarkt shoppen durfte.

Bei den Tifosi ist der Enthusiasmus nun verständlicherweise zügellos, denn ungemütliche Überraschungen haben sie genug erlebt. Als kleine Entschädigung bekommen die über 5000, die am Dienstag nach München reisen, im Schlauchboot Allianz Arena schon einmal eine ungefähre Idee, was sie demnächst in ihrem Florentiner Euro Disney erwartet.



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