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Bayern-Krise: Klinsmanns Kapitalvernichtung

Münchner Misere: Selbst gegen zehn Bremer konnte der FC Bayern nicht gewinnen. Das Team wirkt verunsichert, einstige Leistungsträger sind nur noch Mitläufer. Im System Klinsmann hakt es. Der Trainer verschwende fußballerisches Kapital und könnte selbst zum Opfer der Krise werden, meint Peter Ahrens.

Das zugegeben leicht hässliche Gefühl, dass diese Krisenzeiten endlich mal die Richtigen treffen, verlässt mich einfach nicht mehr: Erst waren die Banker dran, dann die Autobauer, jetzt der FC Bayern. Das 0:0 in Bremen war das Spiel zur Krise. 75 Minuten Überzahl, und das Resultat ist nichts, nullkommanichts. Jürgen Klinsmann dürfte demnächst Kurzarbeit drohen, wenn das so weitergeht und die bayerische Staatskanzlei keinen staatlichen Rettungsschirm aufspannt.

Bayern-Profis van Bommel, Rensing, und Ottl (v.l.): Münchner Frust
REUTERS

Bayern-Profis van Bommel, Rensing, und Ottl (v.l.): Münchner Frust

Ohne Schirm steht Klinsmann in der Liga derzeit im Regen. Der glorreiche und qua Selbstverständnis national konkurrenzlose FC Bayern guckt sich nach 22 Spieltagen in der Tabelle Clubs wie Hertha und Wolfsburg von unten an, im Rücken drängeln Leverkusen und Stuttgart mit jeweils nur drei Punkten Rückstand. Dazu müssen sich die Verantwortlichen noch niederschmetternde Sprüche wie den des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer anhören, der dieser Woche zum politischen Aschermittwoch doch wahrhaft verkündete: "Unser neuer Wirtschaftsminister zu Guttenberg ist der Franck Ribéry der CSU." Wenn das keine Krise ist.

An sich musste man ja froh sein, dass das gesamte Krisenvokabular endlich mal dort angekommen ist, wo es seit jeher hingehört: in der Politik und beim Wirtschaftssystem, und nicht bei so etwas vollkommen Irrelevantem wie Fußball. Doch Klinsmann hat das Krisengefühl durch seine zahlreichen personellen und taktischen Irrlichtereien wieder der Bundesliga zurückgebracht. Da hilft mittlerweile auch das Konjunkturpaket I nicht mehr viel, das Manager Hoeneß mit dem Kauf von Ribéry, Klose, Zé Roberto und Toni vor zwei Jahren geschnürt hatte. Und was eine "Bad Bank" ist, weiß Lukas Podolski wohl mittlerweile am allerbesten. Wie Klinsmann mit seinem Sommermärchen-Nationalstürmer umgeht, ist pure Kapitalvernichtung.

2009 wird das Jahr der schlechten Nachrichten, hat die Bundeskanzlerin frühzeitig verkündet. Werder und der FC Bayern nehmen das ein wenig zu wörtlich. Bremens Bilanz nach fünf Rückrundenspieltagen: zwei Punkte. Der FC Bayern hat immerhin vier Punkte auf dem Konto, was er einem Duselsieg gegen Borussia Dortmund zu verdanken hat. Die Rückrundentabelle ist eine schöne Spielerei: Demnach ist Werder Letzter, der FC Bayern steht auf Platz 14, vom Vorletzten nur durch die leicht bessere Tordifferenz getrennt. Die Bilanz ist im ersten Quartal eingebrochen, würden sie an der Börse wohl sagen. Fürs Sommerzeugnis, das Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge seinem Trainer schon mal in süffisanter Art angekündigt hat, droht folgender Eintrag: Versetzung gefährdet.

Werder Bremen ist an diesem Nachmittag nach der frühen Roten Karte gegen Naldo nichts groß vorzuwerfen gewesen. In so einer Situation spielt man nun mal vorzugsweise auf 0:0 und hofft auf den einen entscheidenden Konter. Klinsmann dagegen ist wieder einmal nichts eingefallen. Den bestenfalls nur noch geduldeten Lukas Podolski als zweiten Stürmer zur Pause zu bringen - das heißt für ihn vermutlich schon, maximal über den eigenen Schatten zu springen. Statt sofort nach der Roten Karte mit zusätzlichen Stürmern den Druck weiter zu erhöhen, die Schockstarre der Werderaner auszunutzen, den angeschlagenen Gegner in den Würgegriff zu nehmen - all das wäre ungewöhnlich, da mutig gewesen - lässt er larifari weiterspielen, so lange, bis sich die Bremer auf die neue Lage eingestellt hatten. Schwach.

Das Bild des Jürgen Klinsmann nach außen war immer ein extrem unscharfes, als Mensch, als Spieler, als Trainer. Eine Fußball-Sphinx, beinharter Mobber oder ganz netter Kerl, ein Softie oder ein Hardliner, Piranha oder Goldfisch oder alles von jedem. Ganz schwer einzuschätzen. Die Zeit bei den Bayern hat ihn erstaunlicherweise noch profilloser werden lassen. Er lächelt die zahlreichen schwachen Vorstellungen seines Teams in der Öffentlichkeit nach wie vor weg, gibt in vorauseilender Leutseligkeit zu, dass es an seinem Team mal wieder nichts zu loben gab - nach innen demonstriert er zwar ab und an Härte, beraubt dabei jedoch Spielern wie van Bommel oder Podolski durch publikumswirksame Demontage ihrer Stärken - und hat auch nach acht Monaten Übungsleitung keinen einzigen Spieler in seiner Entwicklung weitergebracht.

Bremer Zuschauern muss das Wasser in den Augen gestanden haben, als sie sahen, welcher Schattenmann aus Tim Borowski geworden ist, seit er kein grün-weißes Trikot mehr trägt. Wenn Klinsmann so weitermacht, die Qualitäten seiner Spieler zu nivellieren, dann wird auch Ribéry wahrscheinlich tatsächlich irgendwann ein zu Guttenberg. Zu wünschen wäre das dem Franzosen nicht.

Das letzte Gastspiel der Bayern im Weserstadion (4:0) bot berauschenden Fußball. Ribéry auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, Hamit Altintop voller Sturm und Drang, Luca Toni treffsicher, Zé Roberto mit grandioser Übersicht - insgesamt traumhafter Fußball. Die Mannschaft ist personell seitdem beinahe unverändert. Nur auf der Trainerbank saß jemand anders.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 101 Beiträge
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1. Klinsmann=Trainer?
RogerT 01.03.2009
Was hat Klinsmann als Trainer bisher geschafft? Die Nationalmannschaft braucht man nicht trainieren, das ist nur taktisches Geschick gefragt - und eine Euphoriewelle, die er ja hervorragend hinbekommen und genährt hat. Aber als richtiger echter Trainer so richtig mit Spitzenfußballern arbeiten? Da hat er bisher noch null Erfahrung. Ich weiss bloß nicht, was in die Manager vom FCB gefahren war, darauf hereinzufallen....aber als Bremer kam mir das heute sehr gelegen..;)
2. Klinsman? Who in hell is that?
Michael KaiRo 01.03.2009
Zitat von sysopMünchner Misere: Selbst gegen zehn Bremer konnte der FC Bayern nicht gewinnen. Das Team wirkt verunsichert, einstige Leistungsträger sind nur noch Mitläufer. Im System Klinsmann hakt es. Der Trainer verschwende fußballerisches Kapital und könnte selbst zum Opfer der Krise werden, meint Peter Ahrens. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,610631,00.html
Klinsman hat nur ein perfektes System: Sich selbst optimal zu verkaufen. Ich finde es prima, dass Bayern den Klinsman hat, denn dann haben endlich auch andere Vereine eine sehr gute Chance auf den Meistertitel. Klinsman gehört von den anderen Vereinen voll finanziert - aber nicht von Bayern München selbst ;-) Wie man mit solchen Top-Spielern so einen Käse als Fußball spielen lassen kann, ist ungeheuerlich. Vielleicht erreicht man mit Klinsman noch die 2. Fußball-Bundesliga *lol
3. achso ...
alfred_e_neumann, 01.03.2009
wer einen blick nach spanien oder italien wagt, weiß diesen scherz des herrn ahrens zu verstehen. gute nacht.
4. Grinsen alleine reicht nicht...
alzaimar 01.03.2009
... es fehlt das Aroma. Was wirklich gute Trainer hinbekommen, kann ein das Marketingkonzept "Klinsi" diesmal nicht. Die Wirkung des Motivationswunders ist verpufft, genauso wie die der ersten Popstars-Gewinner. Jürgen Klinsmann ist eben ein "No Angel". Damit das Konzept wieder funktioniert, muss ein wirklich guter in die 2.Reihe, wie anno ein gewisser Herr Löw.
5. Der Arme
jassojasso, 01.03.2009
Zitat von sysopMünchner Misere: Selbst gegen zehn Bremer konnte der FC Bayern nicht gewinnen. Das Team wirkt verunsichert, einstige Leistungsträger sind nur noch Mitläufer. Im System Klinsmann hakt es. Der Trainer verschwende fußballerisches Kapital und könnte selbst zum Opfer der Krise werden, meint Peter Ahrens. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,610631,00.html
Der Arme, und das in den Zeiten der großen Krise.
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