Von Christian Otto, Hannover
Das Lächeln, mit dem Louis van Gaal das große Dilemma des FC Bayern München bedachte, wirkte wie ein letzter Beschönigungsversuch. Sein Lob klang nach Verzweiflung. "Meine Spieler haben mit einem Löwenherz gekämpft. Aber der Druck wird mit jeder Niederlage und jedem Gegentor größer", sagte jener Trainer, der mit dem Rekordmeister ein Ziel nach dem anderen verpasst.
Was van Gaal der 1:3-Niederlage bei Hannover 96 folgen ließ, war eine Mischung aus demonstrativer Gelassenheit und Gleichgültigkeit. Während er den desaströsen Auftritt seiner Profis schönredete, schien der Niederländer nicht zu bemerken, wie mies die Stimmung um ihn herum war.
"Das war der absolute Tiefpunkt der Saison. Die Spieler haben nicht mehr gekämpft", sagte der sichtlich angeschlagene Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge voller Frust. Präsident Uli Hoeneß, der zuletzt zur Trainerfrage geschwiegen hatte, ließ sich nur einen Satz entlocken. Dieser lässt jedoch wenig Gutes für van Gaal erahnen. "Man muss handeln und nicht reden", forderte Hoeneß.
Meisterschaft futsch, Pokalsieg futsch, nun droht sogar das Minimalziel verfehlt zu werden, die direkte Qualifikation zur Champions League, sprich Platz zwei, auf den München bereits sieben Punkte Rückstand hat.
Ob van Gaal Trainer bleibt? "Der Vorstand entscheidet über solche Fragen. Nicht ich. Aber der Vorstand muss so oder so eine Entscheidung treffen", sagte der Niederländer mit einem ruhigen Tonfall, den er nach Niederlagen sonst so nicht hinbekommt.
Rangnick und Sammer werden schon als Nachfolger gehandelt
Rummenigge schaffte es mit keiner einzigen Silbe, den in die Schusslinie geratenen Trainer in Schutz zu nehmen. Der Vorstandschef kündigte an, er wolle über die Trainerfrage und acht katastrophale Tage nachdenken, in denen der FCB in der Liga gegen Dortmund und Hannover verloren hatte und gegen Schalke aus dem Pokal geflogen war.
Sätze wie diese hört man in der Bundesliga meist dann, wenn ein Rauswurf bevorsteht. Dass Namen von Trainern wie Ralf Rangnick und Matthias Sammer als Nachfolger von van Gaal gehandelt, aber von seinen Vorgesetzten nicht dementiert werden, schwächt den Bayern-Trainer weiter.
Die Diskrepanz zwischen dem, was van Gaal in Hannover auf dem Spielfeld gesehen hatte und was seine Vorgesetzten Anlass zur Sorge gibt, war groß. Was der Trainer lobte, fanden seine Chefs entsetzlich. "Wir wollen eine Nacht darüber schlafen und nicht aus der Emotion heraus, sondern rational entscheiden", sagte Rummenigge.
Kapitän Lahm: "Der Druck auf den Trainer ist enorm"
Die Spieler des FC Bayern errichten nach ihrer Pleite das übliche verbale Bollwerk, um ihren Trainer nicht weiter zu beschädigen. "Die Lage hat sich zugespitzt. Aber nicht nur für den Trainer und die Mannschaft, sondern für den ganzen Verein", sagte Kapitän Philipp Lahm. Der Nationalspieler wich Fragen zu einer möglichen Entlassung van Gaals aus. "Der Druck auf den Trainer ist enorm", räumte er immerhin ein.
Nicht der Coach habe bei der jüngsten Niederlageserie die Fehler gemacht, sondern die Mannschaft, so Lahm. "Und die Frage nach der Zukunft des Trainers kann kein Spieler beantworten. Das ist eine Frage für den Vorstand und das Präsidium." Dass die Mannschaft geschlossen hinter dem Trainer steht, der so manchen Münchener Profi mit seiner schroffen Art schon arg verärgert hat, sagte Lahm nicht.
Hannovers Fans verhöhnen nach Spielschluss den FC Bayern
Es findet sich einfach keine Schützenhilfe mehr für einen Trainer, der im Sommer 2009 mit so hohen Ansprüchen und einer gehörigen Portion Arroganz in München angetreten war. Unmittelbar nach dem Abpfiff in Hannover waren die Bayern-Bosse zu den Spielern in die Kabine geeilt.
"Der Vorstand ist genauso frustriert wie wir. Wir haben schlecht gespielt. Und ich habe große Fehler gemacht", sagte Torhüter Thomas Kraft, der mit einem Patzer das vorentscheidende 3:1 ermöglicht hatte. Dass ausgerechnet jener Schlussmann, den van Gaal gegen großen Widerstand im Verein zur neuen Nummer eins befördert hatte, die dritte Niederlage nacheinander begünstigte, lieferte neue Argumente dafür, dass der Trainer mit seinen Alleingängen und seiner Vorstellung von modernem Fußball in München scheitert.
Die von van Gaal in den vergangenen Tagen immer wieder kritisierte Abwehrarbeit ließ erneut zu wünschen übrig. Dass der 59-Jährige wegen personeller Engpässe Holger Badstuber als völlig überforderten Linksverteidiger aufbieten musste, hatte die Verwirrung in der Bayern-Mannschaft perfekt gemacht. "Ich habe nach der Halbzeit versucht, unseren Stil zu ändern. Das ist mehr oder weniger gelungen", sagte van Gaal, der Badstuber auswechselte und damit seine Anfangsaufstellung korrigieren musste.
Der Abgang van Gaals aus einem Stadion, in dem Hannovers Fans den FC Bayern mit dem Slogan "Koan Titel, koan Platz 3" verhöhnten, kam am Samstagabend einer Art Kniefall gleich. Ausgerechnet der sonst so selbstbewusste Niederländer legte sein Schicksal in fremde Hände und verwies immer wieder darauf, dass es nicht an ihm liege, ob er den FC Bayern weiter trainieren dürfe.
Einen freiwilligen Rücktritt lehnte van Gaal ab, weil er nach wie vor das nötige Vertrauen im Vorstand verspüre und die Profis ihm nicht den Dienst versagen würden. "Die Spieler reagieren sehr gut auf mich", urteilte van Gaal. Diese Sichtweise hatte der Niederländer exklusiv. Er lobte eine Mannschaft, die in Hannover kaum eine Vorgabe des Niederländers umgesetzt hatte.
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