Hamburg - Zuletzt hatte ihn der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge noch als möglichen Kapitän ins Gespräch gebracht - nun geht das Präsidium des FC Bayern München mit Verteidiger Philipp Lahm hart ins Gericht. Manager Uli Hoeneß widersprach den vom Nationalspieler in einem Interview geäußerten Vorwürfen energisch. "Lahm hat in fast allen Punkten Unrecht", sagte Hoeneß der "Zeit".
Den Vorwurf, dem Verein fehle ein langfristiges Konzept, wollte der Funktionär nicht gelten lassen: "Lächerlich! Was glauben Sie, was passiert, wenn renommierte Trainer zu dir kommen und du sagst, da sind die Spieler, und du musst jetzt unser System spielen? Franz Beckenbauer hat die einzig richtige Antwort gegeben: Das System ist überhaupt nicht entscheidend, denn eine gute Fußballmannschaft muss verschiedene Systeme spielen können. Die Spielphilosophie bestimmt der Trainer."
Die von Lahm genannten Beispiele europäischer Spitzenclubs wie dem FC Barcelona will Hoeneß nicht nachvollziehen. "400 Millionen Schulden: super Philosophie!", sagte er über Barça. Auch am FC Arsenal und dessen Trainer Arsène Wenger ließ Hoeneß kein gutes Haar: "Können Sie mir sagen, wann die zuletzt einen internationalen Titel gewonnen haben? Arsène Wenger hat, soviel ich weiß, noch nie einen internationalen Titel gewonnen. Tolles Beispiel."
"Wir waren der Meinung, wenn wir den kaufen, wird er spielen"
Die Verantwortung für einen weiteren Kritikpunkt Lahms, das Überangebot an Mittelstürmern im Kader, schiebt Hoeneß Trainer Louis van Gaal zu. Konkret wurde er gegenüber der "Zeit" am Beispiel von Angreifer Mario Gomez, der im Sommer für über 30 Millionen Euro vom VfB Stuttgart gekommen war: "Kaum zu glauben, was? Wie kann man Gomez kaufen und ihn nicht aufstellen? Da sage ich, wir vom Verein haben noch nie einen Spieler gekauft und nachher selber aufgestellt. Wir waren der Meinung, wenn wir den kaufen, wird er spielen."
Spielerberater Grill als Strippenzieher hinter den Kulissen
Die Idee für das kontroverse Interview führt Hoeneß auf den Einfluss von Lahms Spielerberater Roman Grill zurück: "Lahm liegt zu 90 Prozent falsch, und jetzt sage ich Ihnen, wer dahinter steckt: Roman Grill, sein Berater, der ja auch mal hier gearbeitet hat, will seinen Mandanten positionieren - als Kapitän, als Führungsfigur." Grill war früher Spieler beim FC Bayern und arbeitete zudem in der Pressestelle des Vereins.
Harsche Kritik an Trochowski und Rensing
Auch bei zwei anderen Klienten von Grill sparte Hoeneß nicht mit Kritik. Über Piotr Trochowski vom Hamburger SV lästerte er: "Der kann normalerweise keine zwei Sätze geradeaus sprechen, und jetzt spricht er über Fußball-Politik." Zweites Opfer: Michael Rensing, Torhüter bei den Bayern. Seit Grill dessen Berater sei, gebe der Keeper plötzlich "jede Woche ein Interview - und was für ein Schmarren er erzählt hat! Die letzten Chancen, hier erster Torwart zu werden, hat er sich durch die Interviews genommen."
Über die Zukunft von Coach van Gaal äußerte sich Hoeneß verhalten: "Wir werden sehen, ob das am Ende funktioniert. Ich habe Hoffnung, dass sich alle Beteiligten der Situation anpassen. Wenn sie sich nicht anpassen, dann wird es ein Problem geben, keine Frage."
Lahm war für seine Aussagen in dem Interview vom Verein mit einer Geldstrafe belegt worden, wie sie laut Karl-Heinz Rummenigge "beim FC Bayern München bisher nicht gegeben hat". Nach Schätzungen der Nachrichtenagentur dpa müsste sie damit über 50.000 Euro liegen.
jok/sid
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