Bayern-Ärger trotz Sieg über PSG Heynckes zieht die Handbremse

Nach dem 3:1-Sieg gegen Paris wirkten einige Bayern-Profis gereizt. Lag es an der verpassten Chance auf den möglichen Gruppensieg? Thomas Müller hat die Risikobereitschaft des Trainers vermisst.

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Von Florian Kinast, München


Eilig schritt Mats Hummels davon, ohne Kommentar, dafür mit einem ernsten Blick.

Mats Hummels ist ein Spieler, der ansonsten nach jeder Begegnung ausgiebig spricht, und das auch gerne tut, ob nach einem Sieg oder nach einer Niederlage. Dass er nun nach dem starken Auftritt seines FC Bayern beim 3:1 gegen Paris St. Germain so verärgert wirkte und grimmig schwieg, war überraschend. Dabei war der Innenverteidiger nicht der einzige Profi, der nach Spielende angefressen wirkte.

Und so herrschte eine seltsam gereizte Stimmung, nach diesem doch so souveränen Prestigesieg zum Vorrunden-Abschluss der Champions League. Und erstaunlicherweise war gerade an diesem Abend erstmals seit dem Amtsantritt von Jupp Heynckes etwas zu vernehmen, was sich wie eine verhaltene Kritik am Trainer anhörte.

Es wäre zu viel der Ehre, den Auftritt der Münchner als Gala zu bezeichnen, in der Vereinshistorie gab es wahrlich andere magische Nächte in Europacup und Champions League. Dafür spielte auch der Gegner aus Paris zu schwach und trotz Bestbesetzung nicht mit dem unbedingt letzten Willen zum Sieg. Und dennoch war es beeindruckend, wie die Bayern das Star-Ensemble des Investoren-Klubs beherrschten, abgesehen von den wenigen Minuten zu Beginn der zweiten Hälfte, als die Gäste durch Kylian Mbappé das Anschlusstor erzielten.

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Man hätte glückliche Gesichter der Spieler erwarten können. Weil die Revanche nach dem 0:3 im Hinspiel geglückt war. Weil man beim elften Sieg im zwölften Spiel unter Heynckes endlich einen großen internationalen Gegner bezwingen konnte. Von einem Zeichen an Europa hätten sie sprechen können. Taten sie aber nicht. Im Gegenteil.

So wie Hummels wirkte auch Joshua Kimmich knurrig. Auch er sagte nichts. Dafür sprach Thomas Müller, allerdings sehr schmallippig, über die Überlegungen während des Spiels auf den doch noch möglichen Gruppensieg. "Nach 75, 80 Minuten beim Stand von 3:1, sollen wir mehr Risiko gehen? Wir hätten ein 5:1 gebraucht. Vom Ergebnis hätten wir nichts zu verlieren gehabt", sagte Müller und schob hinterher: "Es war die Vorgabe des Trainers, dass wir das Spiel in jedem Fall gewinnen wollen. Und so haben wir uns innerlich dafür entschieden, das Spiel in jedem Fall zu gewinnen. Davon können wir uns jetzt nichts kaufen."

Das klang danach, als hätte Heynckes seine Mannschaft taktisch gebremst, nach dem 3:1 durch Corentin Tolisso (69. Minute) nur nicht zu offensiv auf zwei weitere Tore zu spielen. War ihm das Risiko, einen in dieser Höhe tabellarisch bedeutungslosen Sieg aus der Hand zu geben, zu groß? Platz zwei in der Tabelle war den Bayern dabei nicht mehr zu nehmen, sogar wenn sie noch 3:4 verloren hätten.

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So war die Stimmung am Ende auch bei Müller schlecht. "Man hat nicht das Gefühl, dass hier mit Paris eine Übermannschaft total überlegen war", grummelte er und hörte nicht mehr auf. "Auch beim 0:3 in Paris hatten wir 18:1 Ecken. Da wird immer so getan, als hätte Paris einen Zaubertrank. Da sollte man mal runter vom Gas, wenn es darum geht, andere Mannschaften hochzuheben."

Müllers Laune war sicher nicht die beste, weil er nach der starken Leistung am Samstag gegen Hannover nun die ersten 67 Minuten auf der Bank sitzen musste und nach seiner Einwechslung kaum noch ins Spiel fand. Trainer Heynckes begründete diese Entscheidung mit der langen Verletzungspause Müllers, der am Samstag nach sechs Wochen erst wieder sein Comeback gegeben hatte.

"Da bin ich nicht das Risiko eingegangen, dass er innerhalb von drei Tagen zwei intensive Matches spielt", sagte der Trainer. "Dafür ist der Thomas viel zu wertvoll. Nun kann er wieder regenerieren und Trainingsreize setzen, um Samstag wieder voll von Anfang an spielen zu können." Dann im Liga-Spiel in Frankfurt.

Mit Müller ging Heynckes kein Risiko ein, und im Spiel nach vorne für einen möglichen Gruppensieg auch nicht. Was Hummels so verbittert habe, wurde Heynckes noch gefragt: "So wie ich den Mats kenne, wollte er 4:1 oder 5:1 gewinnen, ich kann mir vorstellen, dass er enttäuscht war, dass wir nicht das vierte oder fünfte gemacht haben."

insgesamt 46 Beiträge
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gnarze 06.12.2017
1. Durchaus verständlich
Kann Jupp erst einmal verstehen, dass er mit einem Sieg ein Zeichen setzen wollte, dass PSG keine Übermannschaft ist, zumal er mit einer Niederlage im Gepäck startete, die er gar nicht verursacht hat. Außerdem ist es fast egal, ob man Erster oder Zweiter wird. Als Erster kannst du Chelsea, Real oder Juve erwischen. Als Zweiter Rom, Liverpool oder Fenerbarce.
Bueckstueck 06.12.2017
2. Baut die ganze vermeintliche Story auf Müllers Gemüt auf?
Dann gibt es keine Story. Warum der sauer war, steht ja ganz verstohlen im Artikel: Er wollte von Anfang an Spiel, durfte aber (aus gutem Grund) nicht. Fertig. Nichts weiter. Man hat Paris klar geschlagen. Ein höheres Ergebnis hätte die Mannschaft und den Verein womöglich nur geblendet. So hat man noch einen giftigen Grund nachzulegen.
spon_2937981 06.12.2017
3. Alles prima
Gut, dass sie nicht volles Risiko gegangen sind. Der Jammer wäre immens gewesen, hätte man das Spiel noch aus der Hand gegeben. Die Reaktionen der Spieler zeigen, dass die Moral stimmt, dass sie hungrig sind. Ist für mich alles fein und vielversprechend.
az26 06.12.2017
4. Weit kann es dann mit Heynckes Autorität bei den Spielern
nicht her sein. Da frage ich mich, ob Ancelotti nicht zum Teil an den Spielern scheiterte. Bei diesem Kader, bei diesen Spielern dürfte es fraglich sein, ob irgendein anderer Trainer die Bayern wieder zu alter Dominanz führen kann. So ein öffentlicher Angriff auf die Autorität des Trainers, darf sich kein Trainer und kein Verein gefallen lassen. Da wurde der Keim für ein neues Zerwürfnis gepflanzt. Mit der öffentlichen Kritik an einer Taktikentscheidung Ancelottis nahm dessen Entlassung ihren Lauf.
ge1234 06.12.2017
5. Da...
... braucht man nur auf den Namen des Verfassers schauen, um sich über die Intention des Artikels klar zu werden. Aber keine Chance, Herr Kinast, wir lassen uns den überragenden Sieg nicht klein- oder schlechtreden. Und wie ein Mitforist schon geschrieben hatte: Weil's wurscht ist, ob man als Erster oder Zweiter ins Achtelfinale geht!
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