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Fans von Bayern-Gegner ZSKA: "Diese dummen Leute kriegst du nicht los"

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ZSKA-Anhänger beim Champions-League-Spiel in Rom: Hässliche Szenen Zur Großansicht
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ZSKA-Anhänger beim Champions-League-Spiel in Rom: Hässliche Szenen

ZSKA-Moskau-Fans stehen immer wieder wegen rassistischer Ausfälle in der Kritik. Die Uefa bestraft Bayerns Champions-League-Gegner deshalb mit Geisterspielen - gegen die Ursachen hilft das kaum.

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Als Kevin Kuranyi nach Moskau zog, dachte er: "Okay, drei Jahre, so lange, wie mein Vertrag hier läuft, und dann war's das." 2010 war das und mittlerweile spielt Kuranyi, 32, in der fünften Saison bei Dynamo Moskau. Moskau sei eine "unglaublich lebendige Stadt", eine Metropole, in der mehr voranginge "als in westlichen Großstädten", sagte er kürzlich im Interview mit der "Welt am Sonntag". Ein großes Problem gebe es allerdings: den Rassismus in den Fußballstadien.

Erst am vergangenen Wochenende wurden dunkelhäutige Mitspieler Kuranyis beim Stadtderby gegen Torpedo Moskau beleidigt, der frühere Hertha-Spieler Christopher Samba trat nicht zur zweiten Halbzeit an. "Das ist zum Verzweifeln", sagt Kuranyi, "diese dummen Leute kriegst du nicht los."

Der europäische Fußballverband versucht, eben jene Menschen loszuwerden, indem er sie von Spielen aussperrt - und den Rest der Fans gleich mit. Geisterspiele sind eines der liebsten politischen Instrumente von Michel Platini, dem Präsidenten der Uefa. Gerne feiert er sich selbst dafür: "Ich würde niemals einem Team Punkte abziehen oder es aus dem Wettbewerb werfen", sagt Platini. Sein Pendant im Weltverband, Joseph Blatter, ist - natürlich - gegen Geisterspiele, auch, weil er sich so gegen Platini positionieren kann.

Das eigentliche Problem verkommt in dieser machtpolitischen Posse einmal mehr zur Nebensache. Trotz aller Maßnahmen sind die Anfeindungen auf den Stadiontribünen mit erschütternder Zuverlässigkeit zu hören, die rechtsradikalen Spruchbanner und Zeichen zu sehen.

Kuranyi: "Leute, die nix im Kopf haben"

An diesem Dienstag trifft es den FC Bayern, der in der Champions League zu ZSKA Moskau (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) reist. Weil die Moskauer Anhänger im Dezember vergangenen Jahres im letzten Gruppenspiel bei Viktoria Pilsen nach dem wiederkehrenden Muster ausfällig geworden waren, bestrafte die Uefa ZSKA mit einer Platzsperre für das erste Europapokal-Heimspiel in dieser Saison.

Schon im Vorjahr war der russische Klub für die Partie gegen Bayern München an 27. November mit einer Blocksperre belegt worden, damals hatten Anhänger den Ivorer Yaya Touré von Manchester City beleidigt. Und der nächste Fall ist bereits anhängig: Zum Auftakt der aktuellen Runde gab es am Rande des 1:5 Moskaus beim AS Rom hässliche Szenen, das Spiel musste für zwei Minuten unterbrochen werden.

Der russische Verband und auch die Vereine versuchten, "schon viel zu tun", sagt Kuranyi, "doch das sind einfach Leute, die nix im Kopf haben". Damit mag der frühere Nationalspieler recht haben, doch an den entscheidenden Stellen fehlt es oft sogar an der Bereitschaft zu akzeptieren, dass es überhaupt ein Problem gibt. "Die Beobachter haben bislang noch nicht gelernt, in diesen Vorgängen etwas Verwerfliches zu sehen", schrieb das russische Magazin "Futbol" vor einiger Zeit.

Roman Babajew, Sportchef von ZSKA Moskau, behauptete, Tourés Vorwürfe seien erfunden, die englische Presse wolle einen Skandal künstlich heraufbeschwören: "Die Briten suchen tatsächlich immer wieder einen Vorwand, um den russischen Fußball in den Dreck zu ziehen", sagte er. Auch der Präsident von Torpedo Moskau will in der vergangenen Woche keine Schmährufe gehört, dafür aber eine abfällige Geste Sambas in Richtung der Torpedo-Anhänger gesehen haben.

Sowjetrussische Vergangenheit zieht Traditionalisten an

"Es gibt etliche Russen, die ein sehr starkes Nationalgefühl haben und das in der vom Machismo bestimmten Fußballwelt ausleben", sagt einer, der die Moskauer Fanszene gut kennt. Es seien die gleichen Mechanismen, die auch in anderen Fußballstadien dieser Welt rassistische Auswüchse hervorbrächten: die Stärkung des Ichs durch das Ausgrenzen von Fremdem.

"Die russische Fanwelt ist bunt", sagt der Experte. "Wir haben auch Ultragruppen, die sich gegen rechts engagieren. Doch gerade in so unsicheren Zeiten wie der Ukraine-Krise halten sich die Schwachen an Pseudotraditionen wie Ablehnung fest." Hinzu käme bei ZSKA, dem "Zentralen Sportklub der Armee", die historische Verbindung zur Roten Armee des früheren Sowjetrusslands. "Das zieht die Traditionalisten an", sagt er.

Genau darauf beriefen sich vor zwei Jahren einige Anhänger von Zenit St. Petersburg, als sie ein "Manifest für einen traditionellen Fußball" veröffentlichen. Sie sprachen sich darin gegen dunkelhäutige und homosexuelle Spieler aus, weil sie befürchteten, dass der Verein sonst seine Identität verliere.

"Der Fußball ist hier, wie so oft, nur Austragungsort für etwas, das in der Gesellschaft gewachsen ist", sagt der Experte. Hartnäckig halte sich das Gerücht, dass Polizisten gewaltbereite russische Hooligans dafür bezahlten, in ihrem Auftrag Jagd auf Oppositionelle zu machen. "Wie sollen sie so ein Unrechtbewusstsein entwickeln?"

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2003 AC Mailand
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2001 FC Bayern München
2000 Real Madrid
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1998 Real Madrid
1997 Borussia Dortmund
1996 Juventus Turin
1995 Ajax Amsterdam
1994 AC Mailand
1993 Olympique Marseille


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