Bayern-Sieg in Ingolstadt Fantasielos glücklich

Die Bayern haben auch in FC Ingolstadt wieder nur mit Mühe gewonnen. Immerhin finden sie kurz vor der wichtigsten Saisonphase einen Weg, sich die eigene Leistung schön zu reden.

Arturo Vidal und Rafinha
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Arturo Vidal und Rafinha

Aus Ingolstadt berichtet Christoph Leischwitz


Arturo Vidal wirkt zurzeit häufig abwesend.

Schon vor einer Woche, beim 1:1 im Heimspiel gegen Schalke 04, hatte sich der chilenische Mittelfeldspieler in Diensten des FC Bayern München viele Abspielfehler geleistet. Und diesmal, auswärts beim FC Ingolstadt, bestätigte er seine mäßige Form, quasi stellvertretend für viele andere in der Mannschaft. Manchmal spielte Vidal den Ball einfach in die Beine des Gegners, ohne dass man auch nur erahnen konnte, wen er eigentlich erreichen wollte.

Doch in der Schlussphase legte der 29-Jährige, dem in diesem Derby so wenig gelungen war, den Ball nach hinten ab und lief ins Sturmzentrum. Thomas Müller, ein weiterer Spieler mit erneut unterdurchschnittlicher Leistung, brachte die Flanke hinein, Vidal traf aus kurzer Distanz zum 1:0, die Bayern-Bank sprang auf und jubelte, als ob sie gerade ein Tor gegen den FC Arsenal in der Champions League gesehen hätte. Und dann lieferte Vidal auch noch einen möglichen Grund für seine aktuelle Formkrise: Er steckte sich den Ball unter das Trikot und den Daumen in den Mund. Wie schon Stürmer Robert Lewandowski zwei Monate zuvor machte er auf diesem Wege offiziell: Meine Frau ist schwanger. In seinem Fall wird bereits das dritte Kind erwartet.

So endete eine turbulente Bayern-Woche doch noch mit dem Gefühl, irgendwie alles richtig gemacht zu haben. Den Satz zur Lage sagte Vorstandschefs Karl-Heinz Rummenigge: "Wir sind total zufrieden". Die Konkurrenz hatte das Glückgefühl freilich enorm verstärkt: "Der Zweite und der Dritte haben verloren. Und man hat gesehen, dass wir im richtigen Moment zulegen können", freute sich Rummenigge, dem die Erleichterung über diesen Arbeitssieg anzumerken war.

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Ein 0:0 in Ingolstadt hätte alle Zweifler an den aktuellen Qualitäten in Sachen Kaltschnäuzigkeit und Kreativität erneut bestätigt, zu diesen Zweiflern gehörten zuletzt sogar einige Bayern-Spieler selbst. Doch Vidals Tor in der 90. Minute - dem Arjen Robben noch den 2:0-Endstand in der Nachspielzeit folgen ließ - könnte bereits vorentscheidend in der Meisterschaft sein. Kapitän Philipp Lahm gab hernach zu Protokoll, dass der Jubel auch deswegen so stark ausgefallen sei, weil man gewusst habe, wie es auf den anderen Plätzen stand.

Auf jeden Fall können sich die Bayern nun darin bestätigt fühlen, dass sie Meister werden und sich gleichzeitig für die Champions League schonen können. Überraschend hatte Trainer Carlo Ancelotti, mit Blick auf das Achtelfinal-Hinspiel gegen den FC Arsenal am kommenden Mittwoch (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE), auf sämtliche gelernte Flügelstürmer in der Startelf verzichtet. Erst, als Gegner Ingolstadt müde gespielt war, sorgten Douglas Costa (ab 65.) und Robben (ab 74.) für eine kleine Tempoverschärfung. Davor aber hatten die Bayern so gespielt wie so oft in den vergangenen Wochen: in einer Grauzone zwischen dominant, aber uninspiriert; mit viel Ballbesitz, aber einfallslos vor und im gegnerischen Strafraum.

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Ancelotti wurde später gefragt, was sich mit Blick auf das Champions-League-Achtelfinale noch verbessern müsste. Der Trainer pustete kurz die Backen auf, ihm fiel nicht sofort eine Antwort ein, dann sagte er: "Eigentlich nichts." Die Partien gegen Arsenal würden über "den Charakter" entschieden, findet er, und diesen habe man heute ja gesehen. Nach dem enttäuschenden Spiel gegen Schalke hatte er noch gemahnt, dass die "Opferbereitschaft" im Team fehle. In Ingolstadt machten die Bayern aus der Not eine Tugend. "Auch wenn die spielerische Leistung nicht so war, wie wir uns das vorgestellt haben, hatten wir diesmal eine bessere Körpersprache. Das war heute ein Schritt nach vorne", fand Lahm. Also: Wenn es mit dem Kämpfen gut klappt, dann ist das mit dem schönen Spiel doch gar nicht mehr so wichtig?

Über die anderen Ereignisse der vergangenen Woche schwieg man sich in Ingolstadt aus. Lahms Erklärung, nicht als Sportdirektor zur Verfügung zu stehen, kommentierte allein Lahm noch einmal ganz kurz ("Es ist mein gutes Recht, das bekanntzugeben"). Rummenigge oder auch der an diesem Abend schweigende Präsident Uli Hoeneß gingen auch nicht auf den Bericht der französischen Tageszeitung "L'Équipe" ein, wonach der Verein Interesse habe, Oliver Kahn als neuen Sportdirektor einzustellen. "Och", sagte Hoeneß, "Sie haben doch das Ergebnis gesehen", sagte er, als er durch die Interviewzone zum Stadionausgang ging. Er war offensichtlich froh, dass er selbst nichts sagen musste. Sondern das Ergebnis für sich sprechen lassen konnte.



insgesamt 48 Beiträge
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Binideppert? 11.02.2017
1. Flasche leer?
Der FCB hat einen italienischen Trainer. Und der will nicht schön spielen lassen, sondern gewinnen. Am Ende der Saison zählen Punkte und Titel, keine Haltungsnoten. Übrigens, mit Mühe 2:0 gewonnen? Geht's noch? Auch wenn die Tore erst in den letzten Minuten gefallen sind, so gab es doch eine Reihe von hochkarätigen Chancen, die entweder noch auf der Linie oder durch die Querlatte vereitelt wurden. Ganz zu schweigen vom nicht gegebenen Elfer.
sehrsüdlich 11.02.2017
2. Happy day!
Was für ein Spieltag. Da zeigen die Bayern mal kurz die Muskeln und gewinnen locker das Spiel,wenngleich erst spät. Da aber dieses Jahr Aluminium und grundsätzlich nicht gegebene Elfer eingeplant werden müssen,kann es schon mal bis in die letzten Minuten dauern. Gab es eigentlich eine Verabredung , Bayern grundsätzlich Elfer nicht zu geben ? Scheint so, wird aber nix nützen. Herrlich immer,wenn Herr Merk als Schutzpatron der agierenden Schiedsrichter seine Meinung kundtut. Man weiß immer vorher, wie er sich äußert. Sein Job scheint es zu sein, die Emotionen flach zu halten,indem er die Entscheidung der Schiedsrichter immer als richtig bestätigt. Das weiß man nun auch und bewertet es entsprechend. Happy day! Gruß Sehrsüdlich.
ge1234 11.02.2017
3. Der...
.... ach so unterirdische Müller hat nicht nur eine Torvorlage gegeben, sondern hätte beinahe auch noch ein Tor geschossen, wenn Hadergjonaj nicht noch den Ball von der Linie gekratzt hätte. Rechnet man dann noch Lewadowskis Lattenknaller und den nicht gegebenen glasklaren Elfmeter hinzu, dann geht das Spiel 5:0 aus. Allerdings hätte man dann nicht so schön hämisch auf die Bayern eindreschen können, gelle, Herr Leischwitz!
fussl 11.02.2017
4. Grundsätzlich zutreffende...
...Analyse des heutigen Auftritts und der letzten Wochen. Fakt aber trotzdem: 7. Pkt Vorsprung auf Platz zwei- 15 auf den BvB. Wenn man die Bayern so kritisch bespricht, was durchaus vertretbar ist - wie soll man den dann den Rest der Liga bewerten?
notorischernörgler 11.02.2017
5. pures Dusel - mal wieder!
Dass Bayerntreffer, die in der 90. , 91. , oder 92. Minute erzielt werden, überhaupt zählen ist ein eindeutiger Mangel des Fußball - Regelwerkes. Dafür darf man sie aber als reines und unverdientes Glück verunglimpfen.
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