Bayern-Krise Es helfen nur Siege

Uli Hoeneß hat vereinsinterne Geschlossenheit angekündigt. Hat er damit aber auch den Druck auf die Mannschaft erhöht? Plötzlich werden Bayern-Partien wie gegen Außenseiter Athen zu Alles-oder-nichts-Spielen.

Bayern-Profis Robert Lewandowski (l.), Thiago
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Bayern-Profis Robert Lewandowski (l.), Thiago

Aus Athen berichtet Christoph Leischwitz


Was am Montagnachmittag alles besprochen wurde: dass es schwer ist, an Abwehrspieler Niklas Süle vorbeizukommen; dass Franck Ribéry beim Champions-League-Gastspiel des FC Bayern beim AEK Athen wegen einer Wirbelblockade nicht dabei sein wird; dass Niko Kovac schon "etwas im Kopf habe" zu dieser Partie, eine taktische Aufstellung also. Seit "zwei, drei Wochen" habe er sich bereits mit dem Gegner befasst, sagte der Trainer.

Worüber am Montag im Presseraum des Athener Olympiastadions nur sehr wenig geredet wurde: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. Natürlich hatte Kovac Fragen zur umstrittenen Medienschelte der Bayern-Bosse erwartet, er beantwortete sie in seiner ihm typischen Gelassenheit. Er könne nicht ausschließen, dass diese "Situation" bei den Spielern ein Thema gewesen sei. Doch weder seine Vorbereitung auf den 3:1-Sieg in Wolfsburg noch auf Athen habe das beeinflusst.

Präsident Hoeneß hatte es am Freitag wie eine Drohung formuliert: Der Verein werde sich ab sofort wieder als "Einheit in der Öffentlichkeit darstellen, wie Sie das lange Zeit nicht erlebt haben". Die Kritik an den Medien, Experten und Ex-Spielern, das gab Vorstandschef Rummenigge auch am Montag vor dem Abflug noch einmal zu verstehen, war auch ein Appell nach innen: Man wolle den Spielern und auch dem Trainer zeigen, dass man sie schütze.

Wobei die Frage erlaubt sein muss, ob sich die Vereinsspitze tatsächlich nur vor Spieler und Trainer stellt. Oder eben auch vor ihre eigenen Entscheidungen, namentlich: der Verpflichtung Kovacs und der Kaderplanung, in der es aktuell keine neuen Leistungsträger gibt und die alten älter werden.

"Nicht der Freitag war entscheidend, sondern der Samstag"

"Ich finde, dass das Team auch zuvor funktioniert hat", sagte Kovac auf die Frage, wie sehr die Schelte der Bosse seine Arbeit in den vergangenen Tagen beeinflusst habe. In Wolfsburg habe man gewonnen, weil man sich in der Länderspielpause akribisch vorbereitet habe. Und Niklas Süle fand, für die aktuelle Stimmung im Team war "nicht der Freitag entscheidend, sondern der Samstag". Man wolle jetzt "eine Siegesserie starten".

In der Vorberichterstattung der so offen kritisierten Medien hallt die Pressekonferenz erwartungsgemäß erheblich nach. Da heißt es zum Beispiel: Athen, die Wiege der Demokratie, sei Hoeneß' zweite Heimat, in Anspielung auf dessen Aussage, er sei ein großer Demokrat. Die Münchner "tz" hatte im gespielten, vorauseilenden Gehorsam einen Artikel mit einem einzigen, sich Dutzende male wiederholenden Wort gedruckt: Der FC Bayern ist "super".

Auch unter den Fans wird viel über die Aufführung der Vereinsbosse gesprochen. Zitate der Pressekonferenz finden schon Eingang in deren allgemeinen Sprachgebrauch. Beschimpft andere Fans nicht, deren Würde ist unantastbar, solche Dinge. Auch unter den ganz Eingefleischten gibt es einige, die den Auftritt der Vereinsführung als "Katastrophe" und zugleich als "legendär" ansehen, als Gipfel einer Realsatire. Der 30. November, sagt einer, sei schon dick im Kalender angestrichen: der Tag der nächsten Jahreshauptversammlung. Da werde es sicher hoch hergehen.

Paul Breitner kritisiert Hoeneß

Zudem meldete sich der Ex-Bayernspieler Paul Breitner zu Wort und machte deutlich, dass er vom vermeintlichen Aufruf zur Geschlossenheit peinlich berührt war. Breitner hatte von 1970 bis 1974 und von 1978 bis 1983 mehr als 250 Spiele für die Münchner gemacht. Im vergangenen Jahr hatte er jedoch seinen Job als Markenbotschafter des Klubs gekündigt.

Im Bayerischen Fernsehen sagte Breitner nun, er sei deprimiert, denn er habe sich nicht vorstellen können, dass dieser große Verein einmal solch eine Schwäche zeigen würde. Und merkte an: "Karl-Heinz kommt vorbereitet da rein, bringt das Grundgesetz vor und zehn Minuten später tritt der neben ihm dieses Grundgesetz mit Füßen." Rummenigge hatte einen würdevollen Umgang angemahnt, Hoeneß hatte wenige Minuten später über den mittlerweile verkauften Juan Bernat gesagt, er habe "Scheißdreck" gespielt.

AEK Athen ist eine Mannschaft, die Kovac für "technisch stark" hält und die mit guten Einzelspielern bestückt ist. Der aktuelle Tabellenvierte der Super League hatte 2013 ein Insolvenzverfahren durchlaufen und ist gerade erst dabei, sich auch dank der Champions League wieder nach oben zu spielen. Für den deutschen Rekordmeister aber ist AEK ein Gegner, bei dem man gewinnen muss - nach dem 1:1 gegen Ajax erst recht.

Auch, damit der Aufruf zur Geschlossenheit nicht nach hinten losgeht.



insgesamt 8 Beiträge
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Karbonator 23.10.2018
1.
Zitat: "Hat er damit aber auch den Druck auf die Mannschaft erhöht? Plötzlich werden Bayern-Partien wie gegen Außenseiter Athen zu Alles-oder-nichts-Spielen." Dazu brauchte es die PK nicht, denn nach den schwachen Leistungen, die die Mannschaft in den vergangenen Wochen gezeigt hatt, hat sie den Druck selbst erzeugt. Und da ist die Partie gegen Athen ganz selbstverständlich ein Alles-oder-nichts-Spiel! Wenn gegen Athen kein gutes Spiel und kein Sieg herausspringen, entspricht weder dem Selbstverständnis der Bayern noch den Erwartungen, die man durchaus an sie haben kann. Ohne das Unentschieden zuvor gegen Ajax würde ein Ausrutscher gegen Athen eben als Ausrutscher abgehakt werden... aber nicht jetzt. Von daher: Nein, Hoeneß hat den Druck auf die Mannschaft nicht erhöht. Das war die Mannschaft selbst.
joke61 23.10.2018
2. Tut mir ja Leid für einige Bayern Spieler,
aber ich muss den Athenern wohl Glück wünschen! Soviel Überheblichkeit muss einfach bestraft werden!
senta1958 23.10.2018
3.
Herr Leischwitz, gerade diese Art der "Berichterstattung" ist es, die kritisiert werden sollte. In Ihrer Überschrift formulieren Sie, dass nur Siege helfen. Der erstaunte Leser stellt dann fest, dass, von Ihren zwei letzten Sätzen abgesehen, sich der ganze Beitrag um Altbekanntes dreht, nämlich um eine neuerliche Erwähnung der PK sowie angebliche Aussagen einiger anonymer Fans. Auch die Reaktion Breitners ist bekannt. So versuchen Sie mMn, durch eine Überschrift die Leser für diesen Beitrag zu interessieren, bleiben aber die Begründung, eben warum nur Siege helfen, schuldig. Unabhängig davon -Sie verzeihen bitte - handelt es sich lediglich um eine Binse. Vielleicht könnte es helfen, wenn man nun nicht versuchte, diese, auch in meinen Augen völlig misslunge PK, über Tage zu dehnen, sondern sich bemühte, tagesaktuelle News, falls vorhanden, zu publizieren.
neowave 23.10.2018
4. Je eher...
Zitat von senta1958Herr Leischwitz, gerade diese Art der "Berichterstattung" ist es, die kritisiert werden sollte. In Ihrer Überschrift formulieren Sie, dass nur Siege helfen. Der erstaunte Leser stellt dann fest, dass, von Ihren zwei letzten Sätzen abgesehen, sich der ganze Beitrag um Altbekanntes dreht, nämlich um eine neuerliche Erwähnung der PK sowie angebliche Aussagen einiger anonymer Fans. Auch die Reaktion Breitners ist bekannt. So versuchen Sie mMn, durch eine Überschrift die Leser für diesen Beitrag zu interessieren, bleiben aber die Begründung, eben warum nur Siege helfen, schuldig. Unabhängig davon -Sie verzeihen bitte - handelt es sich lediglich um eine Binse. Vielleicht könnte es helfen, wenn man nun nicht versuchte, diese, auch in meinen Augen völlig misslunge PK, über Tage zu dehnen, sondern sich bemühte, tagesaktuelle News, falls vorhanden, zu publizieren.
Je eher Sie akzeptieren, dass diese dem Kampf gegen "hämische und [...] faktische Berichterstattung" gewidmete PK zu Recht in die Annalen eingeht, noch deutlich vor " Zug vom Hauptbahnhof" des FCB-Aufsichtsrat Stoiber und Trappatonis "Flasche leer", um so besser fürs Seelenheil. Nix für ungut.
vera gehlkiel 23.10.2018
5. @senta1958
Zitat von senta1958Herr Leischwitz, gerade diese Art der "Berichterstattung" ist es, die kritisiert werden sollte. In Ihrer Überschrift formulieren Sie, dass nur Siege helfen. Der erstaunte Leser stellt dann fest, dass, von Ihren zwei letzten Sätzen abgesehen, sich der ganze Beitrag um Altbekanntes dreht, nämlich um eine neuerliche Erwähnung der PK sowie angebliche Aussagen einiger anonymer Fans. Auch die Reaktion Breitners ist bekannt. So versuchen Sie mMn, durch eine Überschrift die Leser für diesen Beitrag zu interessieren, bleiben aber die Begründung, eben warum nur Siege helfen, schuldig. Unabhängig davon -Sie verzeihen bitte - handelt es sich lediglich um eine Binse. Vielleicht könnte es helfen, wenn man nun nicht versuchte, diese, auch in meinen Augen völlig misslunge PK, über Tage zu dehnen, sondern sich bemühte, tagesaktuelle News, falls vorhanden, zu publizieren.
Tja, der alte Hoeness-Effekt, er wirkt schon wieder. Alle möglichen in sich selbst ruhenden Experten beginnen nach der Stilvorlage des "Allwissenden Vom Tegernsee" zu räsonieren. Ich finde, die von Rummenigge soeben kolportierte Relativierung dieser PK muss man nicht nachvollziehen. Dies war ein "Ordnungsruf" nach genau dem hinterlistigen Strickmuster, wie es die werte AfD unlängst mit dem öffentlichen Pranger für Lehrer versucht hat. Und ich bin nicht im geringsten bereit, liebe Mitforistin, ihrer dahingehenden Empfehlung zu folgen. Meine Konklusion dagegen: die Machtwut in Bayern hat sich, namentlich durchs mittlerweile chronifizierte "underachieving" hinsichtlich von Saisonzielen, so etwas von gefährlich aufgestaut, dass ein jeder Verein, der die, bei welchem Spiel auch immer, putzt, ein wahrhaft gutes Werk für den deutschen Fussball tut. Damit er wieder interessanter, aber auch demokratischer werden kann. Also Daumen drücken für die Bayern-Gegner, ich bin volle Pulle mit dabei! Im Kontext jener Bildüberschrift: nur weitere bittere Niederlagen helfen dem deutschen Fussball, das permanente Überthema "Bayern" in den Griff zu bekommen, oder evtl. sogar mittelfristig loszuwerden. Bis die vielleicht am Ende sogar wirklich in diese absurde Kopfgeburt der permanenten Championsleague, rein für die saturierten Fernsehsesselgucker, abschwirren.
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