Bayern München Scheitern als Chance

Lahm und Alonso machten gegen Madrid ihr letztes Europapokalspiel, die Karrieren von Robben und Ribéry neigen sich dem Ende entgegen. Der FC Bayern braucht nicht nur einen zweiten Mittelstürmer - sondern den Umbruch.

Aus Madrid berichtet Florian Kinast


2:4 nach Verlängerung gegen Real Madrid verloren, das Aus in der Champions League, das Ende einer Serie: Erstmals seit 2011 hat der FC Bayern nicht das Halbfinale der Champions League erreicht. Spieler und Klub-Boss regten sich anschließend gehörig auf, aber vielleicht hat das verhältnismäßig frühe Ausscheiden ja auch etwas Gutes?

Die Verantwortlichen müssen sich nun nicht mehr mit einem kommenden Halbfinalgegner beschäftigen, sondern - viel wichtiger - können sich um den Umbruch in der Mannschaft und die damit einhergehenden Verstärkungen im gesamten Klub kümmern: von einem zweiten Mittelstürmer bis hin zu einem fähigen Sportdirektor.

Unabhängig vom knappen Aus im Viertelfinale haben die Bayern in naher Zukunft etliche Aufgaben zu erledigen. Und gerade Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß müssen sich fragen, ob sie zuletzt nicht etwas zu behäbig und gemächlich agiert haben.

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Champions League: Elfmeter, Eigentor, Dreierpack

Das Spiel in Madrid markierte in jedem Fall das Ende einer Ära. Für Philipp Lahm war das 112. Champions-League-Spiel zugleich das letzte seiner Karriere, auch Xabi Alonso beendete seine internationale Karriere ausgerechnet in Bernabeu, wo er fünf Jahre für Real spielte.

Auf der rechten Abwehrseite, so verriet Rummenigge unlängst, soll Joshua Kimmich Lahm beerben, und auch zwischen Defensive und zentralem Mittelfeld wird der Klub den Abschied von Alonso verkraften können. Ein weitaus größeres Problem gibt es in der Sturmspitze.

Seit der Verpflichtung von Robert Lewandowski vor drei Jahren haben es Rummenigge und Hoeneß versäumt, zumindest einen Notfall-Ersatz für den Polen zu verpflichten. In blindem Vertrauen setzten die beiden Klub-Bosse auf dessen Robustheit. Im Januar sagte Hoeneß: "Robert ist so zäh, so fit, da mache ich mir keine Sorgen." Und kurz darauf äußerte sich auch Rummenigge: "Robert ist nie verletzt. Da muss man nicht unbedingt noch irgendeinen zweiten großen Mittelstürmer in der Hinterhand haben."

Eine Einschätzung, die man schon vor der Schulterblessur und dem Ausfall Lewandowskis im Hinspiel gegen Real zumindest als grob fahrlässig und realitätsfern einordnen durfte.

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Bayern München in der Einzelkritik: Kampfeslustiger Krieger

Möglich, dass sich in der Klubführung eine gewisse Gemütlichkeit eingeschlichen hatte, es lief ja überall so gut. Nun sollten sie schleunigst handeln. Ebenso wie bei der zähen Suche nach einem neuen Sportdirektor. Philipp Lahm ließ Hoeneß und Rummenigge abblitzen, weil sie ihm keinen Vorstandsposten geben wollten. Und auch der zweite Wunschkandidat Max Eberl erklärte jüngst, er bleibe doch lieber in Mönchengladbach. Mag am Ende gar keiner zu den Bayern, weil die beiden Alphatiere dort oben zu mächtig sind?

Einiges muss sich ändern an der Säbener Straße. Ein neuer kompetenter Sportdirektor wäre dringend nötig, um bald auch den langfristigen Umbau anzugehen. Die beiden Flügelspieler Franck Ribéry und Arjen Robben spielten zwar auch am Dienstag in Madrid wieder eindrucksvoll, als würden sie nie altern. Ribéry ist aber schon 34 Jahre alt, Robben 33, die beiden stehen noch bis 2018 unter Vertrag. Dass auch ihre Tage beim FC Bayern abgezählt sein werden, ist absehbar. Es wird also höchste Zeit, um sich nach Alternativen umzusehen. Als würdiger Nachfolger kommt Douglas Costa auf links nur bedingt in Frage, Kingsley Coman auf rechts überhaupt nicht.

Die große Chance, die der frustrierende Abend von Madrid mit sich bringt: Es fällt den Bayern nicht mehr so leicht wie in den vergangenen Jahren, in denen man sich die Saisonbilanz durch den Einzug ins Halbfinale immer ein wenig schönreden konnte. Erst im Halbfinale rauszufliegen, klang ja immer ganz gut.

Das Aus im Viertelfinale ist schon herber, schmerzt enorm und erhöht den Handlungsdruck. Nicht, dass die Bayern langfristig den Anschluss an Europas Spitze verpassen.

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Turbo 19.04.2017
1.
Dem Artikel ist zuzustimmen. Nur: Dass Spiele nicht mehr durch Sportler sondern durch Schiedsrichter entschieden werden, ist eine Entwicklung die schon länger zu beobachten ist. Wenn dies nun systematisch auf der Ebene des europäischen Spitzenfußballs einzieht, ist das - gerade bei den Summen um denen es geht - eine höchst fragliche Entwicklung. Bleibt zu hoffen, dass der Videobeweis möglichst bald kommt, um dem Sport seinen ursprünglichen Gedanken des Wettbewerbs zurückzugeben. Dann greifen solche Analysen auch.
fussball.manni 19.04.2017
2.
ich bin zwar über die Schiedsrichterleistung ganz schön enttäuscht, muss dazu aber auch sagen, dass mich die Spielweise der Bayern noch mehr enttäuscht hat. Wenn man das ganze Spiel mal genauer betrachtet, dann hatte Bayern während der gesamten 120 Minuten nicht mal eine Torchance aus dem Spiel heraus. Na gut, die eine Szene im Strafraum. Wenn man sich aber mal Madrid anschaut, dann regnete es immer an Tormöglichkeiten, wenn se mal vorne waren. Von daher sollte Bayern den Ball mal ganz schön flach halten. Ich muss dazu als BVB Fan auch noch sagen, dass Madrid keine Mannschaft ist, die ständig auf diese billigen geschlagenen Haken von Robben hereinfällt. Kaum setzt man ihn matt, schon kriselt es da vorne ganz schön. Ribbery hat kämpferisch auch ein ganz gutes Spiel gebracht, keine Frage, aber man hat gestern ganz klar gemerkt, dass er über seinem Zenit ist. Was ist mit Sanchez, was ist mit dem so hochgelobten Coman? Die können also nichts? Alles nur Fehleinkäufe? So wenig vertrauen? Wenn Angelotti die ganze Zeit auf die Opis setzt und die jungen wilden auf der Bank versäuern lässt, dann braucht er sich nicht zu wundern, wenn man auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Abwehrtechnisch sah ich gestern keine Defizite. Aber angriffstechnisch ein reines Desaster. Natürlich finden sich die jungen Spieler nicht zurecht und müssen dabei zuschauen wie Saison für Saison immer wieder das gleiche System von Heinkes, und sogar noch mit den Opis, durchgekaut wird. Anstatt mal die jungen Leute ran zulassen. Natürlich wäre es vielleicht anfangs nicht so ganz erfolgsversprechend, aber mit der Zeit könnte sich etwas anderes, etwas großartiges entwickeln, was Real Madrid vorne nicht mal Zeit zum durchschnaufen lassen würde. Auch wenn Dormunds Sasion z.B. nicht so berauschend ist, wie ich es mir vielleicht erhofft hätte, aber kann es auch nicht. Die Manschaft ist jung und neu und muss sich entwickeln. Wer weiß, wenn sie noch ein zwei Jahre so bestehen bleibt und zusammenwächst, wird Bayern wohl anfangen müssen sich ernsthafte Sorgen zu machen. Ich betrachte diese Saison mittlerweile mehr so als Lehrjahr... We will see.
tulius-rex 19.04.2017
3. Einkaufstour
Da können Hoeneß/Rummenigge ja wieder auf Einkaufstour gehen. Am besten bei Werder Bremen. Da kann man sich die eigene Jugendarbeit sparen.
neu_im_forum 19.04.2017
4. FC Bayern München
Gibt es noch andere deutsche Klubs im Fußball? Ach ja? Bitte mehr Berichte über die spannende Liga 2. Danke!
Archie69 19.04.2017
5.
Das Duell wurde in München verloren - da war Bayern in der zweiten Halbzeit so schlecht, dass Madrid es bereits hier hätte entscheiden können. Madrid hat zudem die Schiedsrichter Geschenke angenommen und nicht wie Bayern im Hinspiel einen ebenfalls unberechtigten Elfmeter verschossen. Jetzt aber die gesamte Einkaufspolitik der letzten Jahre als behäbig zu bezeichnen, ist etwas übertrieben. Natürlich werden mit Lahm, Alonso zwei Leistungsträger aufhören, Robben und Ribery nicht mehr lange auf diesem Niveau spielen können, aber dass ist ein normaler Prozess im Fußball - wie man sieht bedient sich Bayern ja schon wieder fleißig in der Liga (z.B. Hoffenheim), andere werden folgen. Dass sich Götze nicht durchsetzen konnte und Reus lieber in Dortmund spielt, gehört zum Geschäft. Einzig, dass Bayern mit Lewandowski nur einen Top-Stürmer und sich wohl darauf verlassen hat, dass Müller das schon wie die letzten Jahre neben Lewa richten wird, war etwas blauäugig.
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