Bayerns Niederlage gegen Real Zwischen Trotz und Wut

Nach dem 1:2 in München reden sich die Bayern Mut für das Rückspiel zu. Doch am Ende überwiegt die Erkenntnis: Wenn man Real Madrid nicht einmal an einem Abend wie diesem schlägt, wann denn dann?

Bayerns Thiago nach der Niederlage
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Bayerns Thiago nach der Niederlage

Von Florian Kinast, München


Etwa eine Stunde nach Abpfiff wurde Niklas Süle forsch. Es ging um die Frage, welches Ergebnis er bei diesem Spiel als gerecht empfunden hätte, als der Innenverteidiger des FC Bayern erklärte: "Wenn wir hier 5:2 gewinnen, dann braucht sich Real wirklich nicht beschweren. Jeder, der hier steht, weiß, dass wir der Sieger hätten sein müssen."

Wie so viele seiner Mitspieler sprach Süle die deutliche Überlegenheit an, und wie sehr man den Gegner beherrscht habe. Alles Schönreden war aber mühselig, denn am Ende verloren die Bayern das Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen Real Madrid trotz allem 1:2.

So schwankten die Beteiligten in der Beurteilung dieser eigenartigen Partie zwischen Enttäuschung und Trotz, zwischen der Wut auf sich selbst und der Hoffnung auf das Rückspiel am kommenden Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Und doch überwog am Ende ganz eindeutig die Ernüchterung über diesen zermürbenden und demoralisierenden Abend. Die Bayern machten aus zehn riesigen Chancen ein Tor. Real machte zwei Tore. Aus eineinhalb Möglichkeiten. Höchstens.

Wieder also eine Hinspiel-Niederlage wie in all den vergangenen Jahren seit 2013, in denen man an einem Klub aus Spanien scheiterte.

"Die wissen wohl selbst nicht, wie sie das Spiel gewonnen haben"

Das Frustrierende: Noch nie zuvor in diesen besagten Begegnungen hatten die Bayern ihren Gegner so sehr dominiert. Noch nie war Real Madrid in München so schlecht aufgetreten wie diesmal. Nie zuvor war der Rekordsieger der Champions League so schlagbar, nie war die Chance auf einen deutlichen Sieg so groß. Doch zum Schluss hieß es wieder, frei nach dem großen Philosophen Gary Lineker: Fußball ist ein Spiel mit einem Ball und 22 Spielern. Und am Ende gewinnt Real Madrid.

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Am treffendsten fiel die Analyse von Thomas Müller aus: "Wenn man sieht, wie viele Chancen wir haben liegen lassen, dann muss man von den eigenen Unzulänglichkeiten sprechen", sagte der Bayern-Kapitän. "Dementsprechend ist es total enttäuschend. Man hat gesehen, wie verwundbar Real ist. Nichtsdestotrotz haben wir den größeren Teil an diesem Ergebnis beigetragen als sie selbst. Die sitzen jetzt in der Kabine und wissen wohl selbst nicht, wie sie das Spiel gewonnen haben."

Natürlich sprachen sich die Bayern Mut zu, was sollten sie auch sonst tun, es blieb ihnen ja nichts übrig. Und ja, sie haben noch Möglichkeiten auf den Einzug ins Finale am 26. Mai in Kiew. Auch im Vorjahr erreichten sie nach einem 1:2 im Viertelfinale zu Hause noch im Rückspiel in Madrid die Verlängerung und brachten Real schwer ins Wanken. Auch die kuriosen und furiosen Aufholjagden in dieser Saison dürften den Bayern Hoffnung geben. Die Roma gegen Barcelona. Oder auch Juventus in Madrid, als Real nach einem 3:0 in Turin zu Hause noch bis zur achten Minute der Nachspielzeit zittern musste, ehe Ronaldo per Elfmeter traf. All das mag zur Zuversicht beitragen.

Aufrichten für nächsten Dienstag

Nur als Süle von einer "positiven Stimmung in der Kabine" sprach, klang das doch ein wenig unglaubwürdig und bewusst trotzig. Sah man in die Gesichter der Spieler, die aus der Kabine kamen, war wenig positive Aura zu spüren. Robert Lewandowski schlich kopfschüttelnd und wortlos davon. Und selbst der sonst nach den vielen Siegen wie auch den wenigen Niederlagen so redselige Mats Hummels stapfte ohne Kommentar Richtung Ausgang. Das versprühte keineswegs eine Aufbruchsstimmung für ein Wunder von Bernabeu, vielmehr war ein Hauch von Resignation zu spüren: Wenn man nicht einmal an so einem Abend gegen Real gewinnt, wann denn dann?

Da offenbart diese Star-Truppe um Cristiano Ronaldo endlich mal keine galaktische Gala, sondern bietet eher vergleichsweise hölzernen Rumpelfußball - und trotzdem reicht es nicht, trotz all der großen Chancen etwa durch Hummels, Lewandowski oder Franck Ribéry. "Wir müssen sauer auf uns selbst sein", sagte Thomas Müller noch, "wir müssen uns an der eigenen Nase packen. Und wir müssen uns aufrichten für nächsten Dienstag." Auch wenn das gerade schwerfiel. Denn ob der Titelverteidiger die Bayern dann noch einmal zu so vielen Gelegenheiten einladen wird, darf bezweifelt werden.

Süle sprach nach seinem ersten Champions-League-Halbfinale sehr persönlich von einem "Wahnsinnsgefühl", und dass er es sehr genossen habe, dabei sein zu dürfen, wenngleich er Genesungswünsche an den verletzten Jérôme Boateng schickte, den er nach einer guten halben Stunde ersetzen musste.

Am Ende sagte Süle noch einen bemerkenswerten Satz: "Bis auf die Fehler, die wir gemacht haben, hatte Real keine Chance. Das muss man auch erst mal hinkriegen." Richtig: Das muss man erst einmal hinkriegen, so ein Spiel dann nicht zu gewinnen. Das war das Bittere an diesem Abend der Ernüchterung.



insgesamt 169 Beiträge
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janowitsch 26.04.2018
1. Spannung bleibt
Trotz des Mehr an Ballbesitz und Chancen hatte ich nie das Gefühl, dass Bayern dieses Spiel gewinnen könnte. Real hat nur so viel abgeliefert, wie sie mussten, um das Spiel zu gewinnen. Insoweit war es für den neutralen Zuschauer ein interessantes Spiel. Ich freue mich auf nächsten Dienstag. Es ist für beide alles drin.
stoffi 26.04.2018
2. Vom Pech verfolgt
Boateng und Robben sind auf ihrem Niveau nicht 1 zu 1 zu ersetzen und gegen Real braucht mann alle bei 100%.Ttrotzdem so gegen Real anzugehen zeigt schon Klasse. Es blieb ein Spiel auf Augenhöhe und der FCB spielte sich gute Chansen heraus, wo leider das Quentchen Glück fehlte, das Real dann hatte. Da beim Fussball alles möglich ist und 2 zu 1 nichts unmöglich macht, ist immer noch auf das Finale zu hoffen. Ach ja, war Ronaldo eigentlich mit auf dem Platz?
waldi22 26.04.2018
3. Komisch, warum redet denn keiner über den Schiedsrichter?
Sicher nicht das Ausschlaggebende, aber die nicht sanktionierte übertriebene Härte von Real sollte nicht unbeachtet bleiben.
Orthoklas 26.04.2018
4.
Am meisten tun mir Jupp und der ewig rackernde Ribery leid. Lewandowski hätte auch nach 4 Stunden nicht getroffen. Und Rafinha... Das war gar nichts. Gegen Real scheint der Fußballgott grundsätzlich rund eindeutige Präferenz zu haben.
solltemanwissen 26.04.2018
5.
Verstehe ja die Enttäuschunng der Bayern, aber ein gutes Pferd springt eben so hoch wie es muss. Das war bei Real gestern der Fall. Überanstrengt haben sie sich nicht, sondern eher unterkühlt verwaltet. Ich hatte am Fernseher lediglich 20 Minuten lang - nach dem 1:0, das völlig aus dem Nichts fiel - das Gefühl, Real hat das nicht im Griff. Ja klar hatte Bayern mehr Chancen, aber Real musste eben auch nicht mehr tun, sie waren ja in Führung.
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