Hoeneß und der FC Bayern Bleierne Stimmung in goldener Zeit

Der Empfang für Uli Hoeneß beim Bayern-Spiel gegen Arsenal war kühl - und das in seinem Stadion. Der mächtige Club-Präsident polarisiert auch in seiner ausweglosen Situation. Selbst langjährige Fans wenden sich von ihm ab.

Ulrich Hoeneß am Dienstag auf der Tribüne: Stimmung neutral
Getty Images

Ulrich Hoeneß am Dienstag auf der Tribüne: Stimmung neutral

Aus München berichtet Sebastian Winter


Drei kleine weiße Täfelchen, das ist alles, was die Fans in der Südkurve für den Bayern-Präsidenten in die Höhe halten vor dem Champions-League-Spiel gegen Arsenal. "Uli" haben sie darauf in schwarzer Schrift geschrieben, nicht mehr.

Es gibt keine Sprechchöre für Uli Hoeneß, aber auch nicht gegen ihn, die Stimmung ist neutral. Als würden die Zuschauer abwarten, was noch alles passiert in diesem unglaublichen Steuerprozess.

Und Hoeneß? Der 62-Jährige sitzt da auf der Tribüne, wie immer neben Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, wie so oft mit dem rot-weißen Fanschal um den Hals. Er wirkt angefressen. Wie schon ein paar Stunden zuvor im Gerichtssaal. Daran kann später auch das 1:1-Unentschieden und die Viertelfinal-Qualifikation nur wenig ändern. Da weiß einer, dass eine Haftstrafe seit Dienstag noch wahrscheinlicher geworden ist.

Es ist eigentlich unglaublich, dass Hoeneß, der geständige Steuersünder, der mittlerweile mehr als 27 Millionen Euro hinterzogen haben soll, nicht ausgepfiffen wird. Dass die Bayern-Anhänger ihn noch so wohlwollend im Stadion begrüßen.

Das ist so, weil Uli Hoeneß der FC Bayern ist und umgekehrt. Viele Fans vergöttern ihn, den Macher mit der sozialen Ader. Wie sonst ist die Aussage jener Frau zu erklären, die in der Halbzeitpause beseelt sagt: "Es ist gut, dass er da ist." Und die dann, auf die Frage, ob sie die Steuervergehen nicht verurteilen würde, antwortet: "Wieso, es gibt doch Schlimmeres."

Fotostrecke

10  Bilder
Bayern vs. Arsenal: Spaziergang ins Viertelfinale
Doch die Meinung zu Hoeneß ist längst gespalten, auch im Lager der Bayern-Sympathisanten. Noch immer empfinden einige Anhänger fast sektenhafte Verehrung für den Präsidenten, wie bei der grandios inszenierten Jahreshauptversammlung im November 2013, als Tausende Hoeneß mit minutenlangen Ovationen feierten und er vor Rührung weinte wie ein kleines Kind. Hoeneß trug damals eine weinrote, gepunktete Krawatte zum dunklen Anzug. Wie am Montag bei seinem ersten Tag vor Gericht. Glück hat ihm das nicht gebracht.

Und nun kippt, so scheint es, die Stimmung gegen Hoeneß. In der Südkurve ist das zu spüren. Nicht nur bei den Heißblütigsten, die seine Brandrede vor sechs Jahren nicht vergessen haben, als Hoeneß wieder mal polarisieren wollte, und sie direkt attackierte mit den Worten: "Eure Scheiß-Stimmung, da seid ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir!" Sondern auch bei den Vernünftigeren.

Ein Mittvierziger hat in der Halbzeitpause kurz Zeit für ein Gespräch, seinen Namen möchte er lieber nicht nennen, aus Angst, seine Dauerkarte und die Mitgliedschaft beim FC Bayern zu verlieren. Nur so viel: Er hat einen guten Job, zugleich kennt er sich gut in der Fanszene aus, er begleitete seinen Lieblingsclub bereits bei mehr als hundert Europacupspielen. Jetzt sagt er: "Wenn der Präsident Charakter hat, dann muss er vor Samstag zurücktreten. Diese krasse kriminelle Energie, das geht gar nicht. Wenn er nicht eingesperrt wird, wäre das ein Schlag ins Gesicht eines jeden Handwerkers" - oder eines jeden anderen Steuerzahlers, das meint der Mann. Und: "Vor einem Hartz-IV-Empfänger, der eine Bank ausraubt, um seine Kinder zu ernähren, habe ich mehr Respekt."

Der Mittvierziger möchte dann wieder in seinen Block, die zweite Halbzeit beginnt. Er zögert, dann dreht er sich noch einmal um: "Ich traue dem Braten nicht, vielleicht läuft das auch auf zwei Jahre auf Bewährung hinaus." Nicht wenige Leute denken so, auch abseits der Südkurve.

Doch 27 Millionen Euro, das ist eine Zahl, die für viele schlicht nicht zu greifen ist. "Überraschend", "schade", das sind Worte, die man oft hört über Hoeneß an diesem Abend, wenn man eine Runde durchs Stadion dreht.

Nach dem Schlusspfiff herrscht keine Euphorie, es ist kaum Applaus zu hören, die Stimmung ist bleiern. Bayern-Kapitän Philipp Lahm äußert sich noch kurz angebunden: "Das ist auch ein Thema innerhalb der Mannschaft." Natürlich ist es das. Und es ist ein Thema, das die Bayern noch lange belasten wird. Ausgerechnet jetzt, in dieser sportlich so goldenen Zeit.

insgesamt 85 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
otto normalo 12.03.2014
1. so haben sich die zeiten geändert...
...schon bemerkenswert die empörung die heutzutage steerhinterziehern entgegen gebracht wird. Galt es doch noch vor ein paar Jahren als Notwehr, wenn man dem nimmersatten Staat etwas abluchsen konnte. Und in der Schweiz ist es heute noch bloß eine Ordnungswidrigkeit. Also wie ne rote Ampel überfahren. Übrigens noch ne Frage an die Empörten: Warum wird bei Vettels Siegen eigentlich die deutsche Hymne gespielt und nicht die monegassische...?
frenchhornplayer85 12.03.2014
2. optional
die fans die ihn immer noch amhimmeln kann man einfach nicht mehr verstehen! da ist die liebe zum verein und damit zu uli schon so "krank", dass sie keinerlei gerechtigkeitssinn oder rechtsempfinden mehr haben! bei denen könnte er noch ganz andere dinge tun, und es wäre immer noch ok! diese leute sind einfach nur verblendet.
to5824bo 12.03.2014
3. Hut ab und Kopf hoch!
Hut ab vor allen Fans des FC Bayern, die sich im Stadion zurückhaltend oder "neutral" und nicht "s*u*lidarisch" verhalten haben! Ich wünsche und hoffe von Herzen, dass euer Verein nicht mit in diesem Schlamassel steckt. Das hätte der Verein, und das hättet vor allem ihr als Fans nicht verdient. Verbrennt bloß eure Schals nicht. Diese Ankündigung, falls es noch schlimmer werde, den Schal zu verbrennen hat mich - gestern nachmittag von einem sehr engagierten Bayern-Foristen gepostet - hat mich erschüttert. So möchte man auch den Rivalen und seine Anhänger nicht leiden sehen. Mit s*o*lidarischen Grüßen nach München von einem BVB-Fan
pegasus2012 12.03.2014
4.
"Es ist eigentlich unglaublich, dass Hoeneß...nicht ausgepfiffen wird." Warum fordert ihr nicht direkt: "Pfeift Hoeneß gefälligst aus" ? Ich habe noch nie erlebt das die Deutsche Presse nahezu geschlossen und unerbittlich auf eine Person einprügelt.
bresson1 12.03.2014
5. Causa Hoeneß nicht nur ein Thema i m Verein, sondern auch Thema d e s Vereins !
Natürlich ist die causa Hoeneß nicht nur ein Thema i m Verein, sondern vor allem auch ein Thema d e s Vereins ! Hallo? Bei den bewegten Geldern handelt es sich doch nie und nimmer nur um das Dreyfus-Spielgeld oder die Erträge aus dem Würstchen-Verkauf. Es besteht mittlerweile dringender Anfangsverdacht, dass es sich um heimlich geparkte Gelder des Vereins selbst handelt. Neben den berichteten 50.000 Handels-Transaktionen, ist vor allem die Konto-Eröffnung und das Zuführen von Kapital auf das Von-Tobel-Konto ein wichtiger Ermittlungsgegenstand. Aus dem bleiernen Gefühl wird sich noch ein Kettenhemd für den FCB entwickeln. Würde mich nicht wundern, wenn Spielertransfers nur teilweise über offizielle Konten laufen, und (ähnlich den berichteten Zuständen bei Handwerkerleistungen) ein nennenswerter Teil davon über völlig verborgene Konten. Die Spieler mögen dabei von einem Verein zum andern wechseln, oft sogar über Landesgrenzen hinweg, während die Kohle immer seelenruhig an Ort und Stelle in der Schweiz bleibt. Wahnsinn.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.