Bayern-Trainer Kovac Wie einst bei Ancelotti

Gegen Lissabon sitzt Niko Kovac womöglich letztmals auf der Münchener Bank. Die Umstände erinnern an frühere Trennungen. Auch der Fall Breitner zeigt: Die Lunte bei Bayern-Boss Hoeneß ist gefährlich kurz.

Niko Kovac
DPA

Niko Kovac

Von Florian Kinast, München


Zum Abschied schweifte der Blick von Niko Kovac noch einmal durchs Auditorium. Noch Fragen? Nein, es war alles gesagt.

Kovac saß am Montag im Presseraum der Allianz Arena, dort, wo er 147 Tage zuvor als neuer Trainer des FC Bayern präsentiert wurde. Nun, keine fünf Monate später, war es womöglich schon seine letzte Fragestunde vor einem Pflichtspiel des Rekordmeisters.

Dem FC Bayern reicht am Abend gegen Benfica Lissabon ein Punkt für die Achtelfinal-Qualifikation in der Champions League (21 Uhr; TV: Sky; Liveticker SPIEGEL ONLINE). Für Niko Kovac aber wäre ein Unentschieden vermutlich zu wenig. Das fünfte Gruppenspiel der Bayern ist das erste Endspiel für den Trainer.

"Ich muss ja nicht mit jedem reden"

Der Termin am Montag lieferte vor allem die Erkenntnis, dass es einsam geworden ist um Niko Kovac. Allein die Schilderung, wie er nach dem 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf allein in seinem Trainerzimmer saß, während die Bosse Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß in der Kabine standen, sagt einiges aus über das Binnenverhältnis. "Ich muss ja nicht mit jedem reden", sagte Kovac dazu schlicht. Mussten und wollten die Bosse mit ihm allerdings ja auch nicht. Statt mit dem Trainer sprachen sie erst mit den Spielern, dann sprach Hoeneß mit der Presse.

Kovac mühte sich am Montag um Fassung und erklärte ganz im Ernst, dass das Verhältnis mit den Spielern "ausgesprochen gut" sei. Was sollte er auch sonst sagen, glaubhaft wirkte es nicht. Denn auch Kovac muss inzwischen erkannt haben, wie sehr die Mannschaft von ihm abgerückt ist. Allein die Aussage von Leon Goretzka am Samstag auf die Frage nach dem Verhältnis zum Trainer ("Dazu sag ich nix") sprach Bände.

Im Video: Nico Kovac vor dem Champions-League-Spiel

Die Kabine zu verlieren, das war auch bei früheren Bayern-Trainern der Anfang vom baldigen Ende, weshalb man bei Kovac viele Gemeinsamkeiten zu den Rauswürfen der Vergangenheit findet.

Am größten ist die Parallele zu den Umständen der Trennung von Carlo Ancelotti. Der Italiener wurde als erster Trainer seit Jupp Heynckes im Oktober 1991 noch während einer laufenden Bundesliga-Hinrunde gefeuert, ein Schicksal, das nun auch Niko Kovac widerfahren könnte. In Ancelottis vorletzter Partie verspielten die Bayern beim 2:2 gegen Wolfsburg, so wie am Samstag gegen Düsseldorf, zu Hause eine Zwei-Tore-Führung. Gefeuert wurde Ancelotti in der folgenden Woche nach dem 0:3 in Paris. Ein Champions League-Spiel. Wie nun gegen Benfica.

Magath, Klinsmann, van Gaal, Ancelotti - Kovac?

Auch bei Ancelotti war die Stimmung längst gekippt, ätzten vor allem Spieler wie Thomas Müller öffentlich gegen den Trainer. Und auch bei Louis van Gaal, Jürgen Klinsmann und Felix Magath war das interne Murren gegen den Übungsleiter unüberhörbar. Neu ist nun, dass Uli Hoeneß keinen der genannten Trainer unmittelbar vor einem Rauswurf öffentlich so anzählte wie jetzt Niko Kovac. (Louis van Gaal sei als Sonderfall an dieser Stelle ausgenommen, mit dem lag Hoeneß von Anfang über Kreuz, was damals zu wunderbaren Disputen mit enorm hohem Unterhaltungswert führte.)

Vielleicht spart sich Kovac durch die deutliche, aber halbwegs mild formulierte Abkehr des Präsidenten wenigstens die große Generalabrechnung im Anschluss. Denn der passionierte Schafkopfspieler und gerade im Nachkarten unschlagbare Hoeneß holte noch bei jedem geschassten Trainer später zum verbalen Rundumschlag aus. Magath warf er vor, "80 Prozent der Spieler" gegen sich aufgebracht zu haben, Ähnliches rieb er Carlo Ancelotti hin, der mit meuternden Spielern "den Feind im eigenen Bett" gehabt habe. Bei Klinsmann machte es Hoeneß kurz, der war einfach nur "ein Feind". Punkt.

Aus gutem Grund ist anzunehmen, dass Hoeneß mit Kovac im Falle von dessen Trennung danach zahmer umgehen wird. Schließlich war der alte Schützling und Erfolgstrainer von Eintracht Frankfurt ja gerade der Wunschkandidat von Hoeneß gewesen. Je grollender der Präsident drauflos poltern würde, umso lauter würde das Echo auf ihn und seine damalige Fehleinschätzung, Kovac wäre der richtige Mann, zurückhallen.

Bleibt der Fall Breitner der einzige Rauswurf der Woche?

Dünnhäutig und reizbar ist Hoeneß gerade in jedem Fall, das zeigt sich auch in der Causa Paul Breitner. Breitner, der sich mit Hoeneß nicht nur viele Erfolge bei den Bayern und der Nationalmannschaft bis hin zum WM-Titel 1974 teilte, sondern einst als Zimmergenosse auch das Doppelbett bei Auswärtsfahrten, hatte die Klub-Bosse nach deren bedenklichem Auftritt bei der denkwürdigen Presseabkanzelungskonferenz scharf kritisiert. Nun ließ der Präsident laut der "Bild"-Zeitung seinem Ex-Mitspieler per Anruf durch Vorstand Christian Dreesen ausrichten, dass sich Breitner im VIP-Bereich der Münchner Arena nicht mehr blicken lassen soll. Noch ein Feind.

Vielleicht bleibt der Fall Breitner auch der einzige Rauswurf in dieser Woche. Mag sein, dass die Bayern Benfica überrollen und sich mit berauschendem Hurra-Fußball bis Weihnachten wieder an die Tabellenspitze der Liga herantasten. Allein: Der Glaube fehlt. In der Winterpause hätte die Klubführung Zeit, in Ruhe einen neuen Trainer zu verpflichten. Vielleicht entscheidet sich das Schicksal von Niko Kovac im letzten Spiel der Bayern vor der Winterpause. Bei Eintracht Frankfurt.

insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fatherted98 27.11.2018
1. da wird sich...
...Kovac ganz schön in den Hintern beißen....die Eintracht auf dem Weg nach oben und er geschasst vom Rekordmeister....naja...der Vertrag wird gut sein und ihn mit ausreichend Schmerzensgeld ausstatten....aber was kommt dann? Wohl kaum REAL oder Manchester.....
brusl189 27.11.2018
2. Glück gehabt Herr Breitner
Früher wurden Gotteslästerer schon mal verbrannt.
argonaut-10 27.11.2018
3. Normal
das Kasperltheater in München. Allerdings wird Höneß nun langam alt und die alten Mechanismen werden nicht mehr so greifen wie früher. Sicher, ein Heynckes konnte mit der überalterten Mannschaft noch umgehen, eine Wende zur Verjüngung brachte er nicht mit. Kovac ist jung und die erfolgsverwöhnten Spieler scheinen ihm nicht folgen zu wollen, noch scheinen sie sich wirklich anzustrengen. Also ein Autoritätsproblem. Ich bin sicher, Heynckes hat schon mal seinen Handy- und Festnetzanschluss gekündigt.
gammoncrack 27.11.2018
4. Die ganze Geschichte ist wirklich zum Totlachen.
Ich stelle mir gerade vor, wie Hoeneß zu Rummenigge seinerzeit sagte: "Komm, Karl-Heinz, wir holen den Kovac. Sonst besteht die Gefahr, dass uns die Frankfurter nächstes Jahr auf die Pelle rücken."
anselmi 27.11.2018
5. Die ärmste Sau
Der Halbsatz "ätzten vor allem Spieler wie Thomas Müller öffentlich gegen den Trainer", zeigt deutlich, woran es in München hapert. Gerade Minderperformer wie Müller, Ribery, Robben und Hummels (oder deren Frauen auf Instagram) reißen die Klappe auf gegen den Trainer, um vom eigenen Versagen abzulenken. Der Kader wurde kaputt gespart, so dass die alten Platzhirsche konkurrenzlos ihre Position verteidigen können, zu Lasten des Trainers und letztendlich des Vereins. Das ist vor allem Hoeneß und Rummenigge anzulasten. Ob Kovac ein adäquater für den FC Bayern Trainer ist, ist hier gar nicht die Frage. Angesichts eines widerborstigen Stinkstiefelteams, das sich auf verwelkten Lorbeeren ausruht und einer in der Außendarstellung inkompetenten, narzisstischen Vereinsführung, hätte jeder Coach einen schweren Stand in München.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.