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Bayern-Triumph über Juventus: Dann eben mit der Brechstange

Von Florian Kinast, München

AFP

Flanke, Kopfball, Tor: Gegen Juventus retteten sich die Bayern nicht durch Hightech-Taktik, sondern durch guten alten Fußball - nach der vielleicht schlechtesten Halbzeit unter Josep Guardiola.

Kurz nach Mitternacht sprach dann auch noch Thomas Müller.

Müller hatte wesentlichen Anteil am Verlauf dieses völlig irrsinnigen Abends, sein Kopfball zum 2:2 in der Nachspielzeit brachte Bayern München ja erst in die Verlängerung gegen Juventus Turin. Man hätte erwarten können, dass der 26-Jährige wie so oft lustige Dinge in die Mikrofone sprechen würde, aber das schaffte er nicht mehr. "Ich bin einfach mehr platt als euphorisiert", murmelte Müller nach dem 4:2, wobei er etwas glasig dreinschaute, müde und gezeichnet wie selten.

Diese Münchner Fußballnacht hatte allen zugesetzt, es war einer dieser magischen Europapokal-Abende, von denen man auch Jahre später noch sprechen wird: Mensch, weißt du noch, damals, das Vierzwo gegen Juve? Der Wahnsinn.

Begonnen hatte dieser Wahnsinn schon recht früh, weil Juventus unerwartet munteres Pressing spielte. "Juve wird auf unsere Fehler warten", hatte Philipp Lahm vor dem Spiel gesagt. Recht hatte er, dumm nur, dass die Fehler schon recht früh kamen. David Alabas ungeschickte Abwehr, Manuel Neuers Rettungsversuch in die Mitte, Paul Pogbas Schuss ins leere Münchner Tor, das 0:1 nach fünf Minuten.

Das wäre noch nicht so schlimm gewesen, schlimm war nur die Reaktion der Münchner, denn was folgte, war erschreckend hilflos. Zeigten sie beim Hinspiel in der ersten Hälfte noch die wohl beste Leistung unter Josep Guardiola, war es nun die vielleicht schlechteste.

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Bayern in der Einzelkritik: Helden von der Bank
Wie die Bayern Turins Álvaro Morata bei seinem Lauf übers Feld höflich eskortierten, wie Medhi Benatia, Joshua Kimmich und Xabi Alonso beim anschließenden Gegentor durch Juan Cuadrado sich als artige Statisten erwiesen, war erschütternd. "Juve hat uns schon überrascht", sagte Kimmich später, "da muss man schon noch mal kurz nachdenken, was da passiert ist."

Unkoordiniert und planlos, so begann auch die zweite Halbzeit, man wartete auf eine geniale neue Strategie von Guardiola, doch so sehr er noch beim 5:0 am Samstag gegen Bremen herumfuchtelte, so ruhig wirkte er nun an der Außenlinie, manchmal schon apathisch.

Hatte ihn das Spiel seiner Mannschaft angesteckt?

"Wir haben nicht intensiv genug gespielt", sagte Guardiola später treffsicher, "wir schienen verängstigt, die Körpersprache war auch nicht so gut." Zumindest nicht bis 20 Minuten vor Schluss. Dann griff Plan B. B wie Brechstange. Und B wie Bananenflanke. Denn was kam, war guter alter Fußball in Reinkultur, mit Stilmitteln, die schon längst eingemottet waren. Am Mittwochabend packten sie die Bayern wieder aus.

Juve war erschöpft, wurde unkonzentriert, plötzlich drängten die Bayern, kämpften sie mit aller Macht nieder. Und als Douglas Costas Flanke von Robert Lewandowski per Kopf zum 1:2 verwertet wurde, wachte das schon längst resignierte Publikum wieder auf. Ging da noch was?

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Juventus in der Einzelkritik: Zusammenbruch in Minute 90+1
Die Hoffnung lebte, auf das Wunder von Fröttmaning. Auch die verletzten Bayern-Spieler in Block 106 fieberten mit, immer wieder sprang der dick eingemummte Javi Martínez bei den Angriffen seiner Kollegen verzweifelt auf, einige Meter weiter tänzelte Jérôme Boateng auf den Stufen nervös von einem Fuß auf den anderen. Diese Schlussphase war nichts zum Hinsetzen.

Es standen dann eh alle, als Thomas Müller in der Nachspielzeit Kingsley Comans hohe Hereingabe einköpfte, auf den Tribünen lagen sie sich in den Armen und auf dem Platz übereinander. Wie er die Mannschaft mit seinen dann wieder gewohnten Gesten und Worten auf die Verlängerung eingestellt habe, wurde Guardiola danach gefragt, worauf der Trainer seltsam gereizt erwiderte: "Mein Deutsch ist nicht gut, sie verstehen mich nicht."

Mussten sie vielleicht auch gar nicht, denn worum es ging, das wussten die Spieler schon von selbst. Die Euphorie mitnehmen, die schwer angezählten Turiner ausknocken, und bloß kein Elfmeterschießen. Die Bayern machten wie im Rausch weiter, die Tore der eingewechselten Thiago und Coman nach 108 und 110 Minuten, waren die nur konsequenten finalen Schlusspunkte eines atemberaubenden Spektakels.

Als Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge später sprach, hörte man ihn von der tollen Moral der Mannschaft reden und vom starken Charakter, weshalb man mit Glück, aber auch verdient gewonnen habe.

Wer nicht mehr viel sagte, war Thomas Müller. Fast schon entschuldigend, ausnahmsweise mal keinen seiner sonst so launigen Sprüche parat zu haben, schlich er davon und sagte im Gehen: "Heute kann ich euch leider keine Storys bieten." Das musste er auch gar nicht. Der grandiose Fußballabend war ja schon an sich eine ganz passable Story.

Im Video: Die Stimmen zum Spiel

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insgesamt 68 Beiträge
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1. Spannend...
darkace82 17.03.2016
aber auch entlarvend dieses im Endeffekt nicht unverdiente, aber glückliche Weiterkommen. Ein Boateng fehlt extrem, der Spielaufbau von hinten fand kaum statt, große Unsicherheit bei Gegenpressing und im 1:1 ashen Spieler wie Benatia, Kimmich und Co ganz schlecht aus. Vidal hat gezeigt wieso er für Bayern so wichtig ist, als Kämpfer und Motivator. Die Abwehr von gestern hätte gegen Barca oder Real wohl aktuell wenig Chancen.
2. Ausgezeichneter Spielbericht
Institutsmitarbeiter 17.03.2016
Vielen Dank für diesen Spielbericht. Sie schaffen es, die Spannung und die Emotion zu vermitteln. Was für ein Spiel!
3. bayerndusel
uksubs 17.03.2016
könnte man es auch ein wenig nennen. nach ablauf der 90 minuten schrammte bayern harfscharf an einer kleinen katastrophe vorbei.
4.
globetrotter 17.03.2016
Der Sieg war glücklich; die ersten 70 Minuten wirklich schwach bzw. stark von Turin. Über ein Ausscheiden hätte man sich nicht beschweren dürfen. Danach war es Fußball mit Hochspannung und aus Bayernsicht natürlich umso schöner, dass es geklappt hat.
5. Bayern bewundern
dieter 4711 17.03.2016
Das erste Mal, dass ich Bayern bewundert habe.
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2007 AC Mailand
2006 FC Barcelona
2005 FC Liverpool
2004 FC Porto
2003 AC Mailand
2002 Real Madrid
2001 FC Bayern München
2000 Real Madrid
1999 Manchester United
1998 Real Madrid
1997 Borussia Dortmund
1996 Juventus Turin
1995 Ajax Amsterdam
1994 AC Mailand
1993 Olympique Marseille

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