Ratlosigkeit beim FC Bayern Nichts fällt ihnen leicht

In München ist das eigentlich ein unerhörter Vorgang, doch es passiert wirklich: Beim FC Bayern gibt es nach dem 1:1 gegen den SC Freiburg Selbstzweifel, seit sieben Wochen haben sie kein Heimspiel mehr gewonnen..

Hasan Salihamidzic (l), Niko Kovac
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Hasan Salihamidzic (l), Niko Kovac

Von Christoph Leischwitz, München


Als der SC Freiburg zuletzt einen Punkt beim FC Bayern holte, trat Jürgen Klinsmann aus Frust in eine Werbetonne. Seine Auswechslung beim 0:0 am 10. Mai 1997 durch den damaligen Trainer Giovanni Trapattoni ging in die Geschichte des Vereins ein als einer dieser seltenen Momente, in denen auch der Rekordmeister kurz verwundbar wirkte. Als ein sichtbares Indiz dafür, dass intern etwas nicht stimmt.

Beim FC Bayern Anfang November 2018 tritt niemand in eine Tonne, es haut niemand auf den Tisch, es bläst niemand zur Attacke. Vielmehr schien das 1:1 gegen den SC Freiburg Resignation auszulösen. Denn niemand kann sagen, warum die Mannschaft so selten zu null spielt und so wenige Chancen kreiert.

Die Bayern hatten fast einen Monat lang kein Heimspiel bestritten, sie haben seit sieben Wochen kein Heimspiel mehr gewonnen. Doch das, was sie ihrem Publikum am trüben Samstagnachmittag anboten, war alles andere als ein emotionaler Wendepunkt. Trotzdem waren sie dank einer Einzelleistung von Serge Gnabry in Führung gegangen, in derselben Minute übrigens (80.), in der Klinsmann damals in die Tonne getreten hatte. "Das 1:0 war eine kleine Erlösung", sagte der spät eingewechselte Thomas Müller später, man habe sich ja förmlich zu dieser Führung gequält. Nur, um dann trotzdem nicht zu gewinnen. So blieb den Bayern nicht einmal mehr die Möglichkeit für ein paar "na, immerhin"-Statements.

Die Leistungen auf und neben dem Platz gleichen sich mehr und mehr an: Es herrscht Ratlosigkeit. "Wir haben Sequenzen im Spiel, wo wir es richtig gut machen. Aber die Frage ist, warum machen wir es dann nicht weiter so", sagte Torwart Manuel Neuer, der beim Ausgleich in der 89. Minute durch Lucas Höler mal wieder machtlos hinter sich greifen musste. Wieder nach einer vermeidbaren Flanke, wieder in einer Überzahlsituation, in der die Zuordnung nicht stimmte.

In dieser Situation fällt selbst den wortgewaltigen Bossen des FC Bayern nicht mehr viel ein, um die Lage aufzuhellen. Dass dann auch noch das oft als "Bayern-Dusel" fehlinterpretierte Phänomen des unbedingten Siegeswillens in der Schlussphase abhanden kommt, nimmt ihnen zugleich die Möglichkeit, einen verbalen Ablenkungskonter zu starten. So wie noch vor zwei Wochen in einer Pressekonferenz, die in Wahrheit eine Pressekritik-Konferenz war.

Keine Fortschritte unter Niko Kovac

Er habe ja eigentlich etwas zu diesem Spiel sagen wollen, merkte Präsident Uli Hoeneß im Vorbeigehen an, aber es würde ja sicher nicht bei Fragen zum Spiel bleiben, deshalb: lieber gar nichts. Und merkte an: "Es ist eine Falschmeldung, das ist alles, was ich sagen kann", so Hoeneß. Er meinte damit die Football-Leaks-Enthüllungen im SPIEGEL, die aufzeigten, wie der FC Bayern seine prominente Stellung in Deutschland dazu nutzte, mit dem Drängen auf eine europäische Super League seinen Einfluss zu vergrößern. Diese prominente Stellung übrigens schien am Samstagabend merkwürdig weit entfernt zu sein, als Sportdirektor Hasan Salihamidzic folgenden Satz sagte: "Das frage ich mich auch." Die Frage lautete, warum es denn unter Trainer Niko Kovac seit Wochen keine Fortschritte zu sehen gebe.

Thomas Müller
Getty Images

Thomas Müller

Thomas Müller zeigte noch am deutlichsten das grundsätzliche Problem auf: "Dieses tiefe Selbstvertrauen, das fehlt uns im Moment. Dass man genau weiß: In dieser Situation kann nur ich der Sieger sein." Mit anderen Worten: Was fehlt, ist nicht weniger als das Fundament des langjährigen FC Bayern-Erfolgs. Die Gewissheit, siegen zu können. Auch Salihamidzic sprach Selbstzweifel an. Ob die Leichtigkeit im Spiel fehle? "Sieht so aus. Irgendwie schaffen wir es nicht, alles mal im höchsten Tempo zu machen. Die Spritzigkeit, die Freude fehlt irgendwie. Wir alle haben das Gefühl, wenn der Gegner in unsere Hälfte kommt, dann ist das gefährlich." Und im Spiel nach vorne "erzeugen wir keinen richtigen Druck."

"Fragen Sie bitte nicht solche blödsinnige Fragen"

Da liegt die Frage nahe, ob dadurch nicht irgendwann der interne Druck ansteigt. Doch auf die Frage, ob der Trainer gefährdet ist, antwortete Salihamidzic: "Fragen Sie bitte nicht solche blödsinnige Fragen." Und verließ eiligen Schrittes die Interviewzone. Aber seine Entrüstung wirkte gespielt, so, als ob er nur auf diese Frage gewartet hatte, um endlich gehen zu können.

Einen Tritt in die Tonne, im übertragenen Sinn, gab es dann doch noch. Aber nicht aus den eigenen Reihen, sondern von Thomas Müllers Ehefrau Lisa, in Form eines Instagram-Posts. Auf das Foto von der Einwechslung ihres Ehemanns schrieb sie: "Mehr als 70 Minuten, bis der mal nen Geistesblitz hat." Gemeint war Trainer Kovac. Dieser sagte dazu: "Nichts." Und grinste dabei vieldeutig. "Meine Frau liebt mich eben", sagte Thomas Müller diplomatisch.

Müller war dann der einzige Münchner, der die große Chance hervorhob, die das Champions-League-Spiel am Mittwoch gegen das schwache AEK Athen darstellt: Mit einem Sieg wäre der Achtelfinal-Einzug vielleicht sogar schon fix. Er formulierte es so: "Wir müssen verändert auftreten, was das Mitreißende betrifft." Und in einer Woche spielen die Bayern bei Borussia Dortmund. Die Abteilung Attacke hat nicht mehr viel Zeit.



insgesamt 96 Beiträge
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teiler 04.11.2018
1. Niemand
Hat auf diese super League gedrängt. Es war ein Gedankenspiel der eca um mehr Geld zu generieren. Dieses wurde verworfen. Und darauf sind Journalisten stolz. Ich weiß jetzt warum ich immer weniger den Spiegel lese. Dankeschön.
ausdersichtvon 04.11.2018
2. an die die es
gesehen haben Mal wieder 5-6 Minuten Nachspielzeit????? habs im Radio gehört aber keine Kommentare ob berechtigt oder nicht wer weis es
Drunken Masta 04.11.2018
3. Ach was wär das doch für ein grauer November
ohne unseren FC Hollywood. Besonders unterhaltsam natürlich wenns mal nicht so läuft. Solls ja im Sport geben... Beim FCB hat man dann den Eindruck eine physikalische Grundkonstante habe sich als falsch erwiesen und das gesamte deutsche Fußballuniversum geriete aus den Fugen. Popcorn machen, zurücklehnen, zuschauen und bitte more Drama.
wjruf 04.11.2018
4. Normal
Alles läuft doch ganz normal bei Bayern. s gab doch noch nie eine Mannschaft, die nach jahrelangem Erfolg nicht doch in eine Durchhänge-Phase geriet. Sozusagen zwangsläufig. Denn in jeder Erfolgsmannschaft steht, biologisch bedingt, auch ein personeller Umbruch an - und ein solcher kann nicht völlig reibungslos verlaufen. Auch hirnlose Pressekonferenzen vermögen nichts gegen diese Naturgesetze des Fussballs und des Sports und des Lebens überhaupt. Das gilt ebenso fürs Management - die Herren Hoeness und Rummenigge sollten auch allmählich ihren Ruhestand avisieren, denn langsam, aber sicher rückt er auch bei ihnen näher.
RalfHenrichs 04.11.2018
5. War alles absehbar
Habe ich aber ehrlich gesagt nicht vorhergesehen. Die Krise gab es schon unter Ancelotti, der entlassen wurde. Heynckes war dann nur ein kurzes Hoch. Ich habe damals Ancelotti als kurzes Tief betrachtet und Heynckes als zurück in die Normalität. Offensichtlich war es aber andersrum, was zeigt, dass es an der Mannschaft liegt, die einfach nicht mehr frisch und jung genug ist. Das Problem für die Bayern ist aber: die Mannschaft mit den Spielern zu verjüngen, die die Bayern für ihr Niveau brauchen, ist auch denen zu teuer. Eine Aufbauphase, in der sie zwei, drei Jahre nur EuroLeague spielen, können und wollen sich die Bayern nicht leisten.
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