Bayern-Niederlage Ein Hauch von Mainz in Madrid

Am Ende war die knappe Niederlage wie ein Sieg: Beim Champions-League-Achtelfinale in Madrid folgt der FC Bayern erfolgreich seinem neuen Vorbild aus Mainz und schießt ein Tor, das Hoffnungen weckt. Zu Recht, findet unser Autor Christoph Biermann.


Jede Woche fliegen überall auf dem Globus die Bälle tausendfach ins Tor. Mal sind es frühe Treffer und mal späte, mal sorgen sie für den Ausgleich, verkürzen einen Rückstand oder sorgen für den Sieg. Sie werden in den Kasten gestolpert, gedroschen oder gezaubert. Und in einigen Momenten wird ihnen eine besondere, fast schon transzendente Bedeutung beigemessen. Wie goldene Tore, obwohl das Golden Goal längst abgeschafft ist.

Der zweite Treffer des FC Bayern beim Achtelfinale der Champions League im Estadio Santiago Bernabeu war so eines. Zwei Minuten vor Schluss hatte Mark van Bommel ihn gegen Real Madrid erzielt zum 2:3 (1:3)-Endstand und ließ Oliver Kahn danach raunen. "Das könnte ganz entscheidend für die nächsten Wochen sein", sagte der Torhüter.

Man kann nicht sagen, dass die Bayern in Madrid durchgehend gut gespielt hätten, denn läppisch war ihr Einstieg ins Spiel, unkonzentriert blieb die Abwehr bei Ecken und Freistößen. Doch trotz der damit noch nicht einmal halbwegs komplett aufgelisteten Mängel erfüllte sie doch die Sehnsucht von Karl-Heinz Rummenigge nach dem 1. FSV Mainz 05. Über den sprach der Vorstandsvorsitzende des Clubs, als ihm bei der Abreise nach Madrid die Mikrofone entgegen gestreckt wurden. "Wenn ich sehe wie die kämpfen, das würde ich mir wünschen", hatte er gesagt, und in Madrid ging sein Wunsch in Erfüllung. Dort wirkte die Mannschaft endlich wieder wie eine, die sich ihrer Fehlbarkeit nicht ergibt, sondern gegen sie angeht.

Die großen Webfehler dieses Teams, dem ein Mann im offensiven Mittelfeld (vulgo: Spielmacher) genauso fehlt wie Stabilität in der Innenverteidigung und Flexibilität im Sturm, wird Ottmar Hitzfeld in dieser Saison kaum noch lösen können. Doch in Madrid ahnte man zum ersten Mal, dass beim FC Bayern langsam wieder Leben einzuziehen beginnt. Diese Ahnung musste sich, um mehr als vage zu sein, allerdings irgendwie manifestieren. Dafür musste van Bommels Treffer her. Er gab der Übermacht des FC Bayern in der letzten halben Stunde einen Ausdruck und ließ zugleich den Gegner noch wackeliger erscheinen. Außerdem sorgte er ganz schnöde für eine bessere Ausgangsposition im Rückspiel, wo nun schon ein 1:0-Sieg reicht. Gegen eine konditionell unterdurchschnittliche und taktisch nicht austarierte Mannschaft von Real ist das möglich, ja sogar wahrscheinlich.

Mit dem Hauch von Mainz und dem wiedererwachenden Glauben an die eigenen Qualitäten könnte van Bommels Treffer zugleich so etwas wie ein Sprungbrett werden. "Wenn das so weitergeht, können wir noch viel aus der Situation herausholen", sagte jedenfalls Oliver Kahn. Wie immer hörte sich das wie ein drohendes Grollen an, aber zum ersten Mal seit längerer Zeit musste man es wieder ernst nehmen.

Real Madrid - Bayern München 3:2 (3:1)
1:0 Raul Gonzalez (10.)
1:1 Lucio (23.)
2:1 Raul Gonzalez (28.)
3:1 van Nistelrooy (34.)
3:2 van Bommel (88.)
Madrid: Casillas - Torres, Cannavaro, Helguera, Roberto Carlos (59. Raul Bravo) - Gago, Guti - Beckham, Raul Gonzalez - Higuain (53. Robinho), van Nistelrooy. - Trainer: Capello
München: Kahn - Sagnol, Lucio, van Buyten, Lahm - van Bommel, Hargreaves, Demichelis (46. Salihamidzic), Schweinsteiger (79. Scholl) - Makaay, Podolski (61. Pizarro). - Trainer: Hitzfeld
Schiedsrichter: Frank De Bleeckere (Belgien)
Zuschauer: 80.000
Gelbe Karten: - / Demichelis (2), Schweinsteiger, Hargreaves

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