Bayern-Pleite beim BVB: FC Leerlauf München

Von Felix Meininghaus, Dortmund

Nach der Pleite in Dortmund ist klar: Der FC Bayern hat den schlechtesten Saisonstart seiner Geschichte hingelegt - und schießt einfach zu wenig Tore. Bestes Beispiel für die Flaute im Angriff ist ausgerechnet ein Nationalstürmer.

Als der letzte Pfiff des Abends verklungen war und feststand, dass es keine Möglichkeit mehr geben würde, den Rückstand doch noch irgendwie aufzuholen, sank Mario Gomez in die Knie. Der sonst so kraftstrotzende Nationalspieler war das Sinnbild eines Verlierers. Zusammengekauert hockte der Stürmer auf dem Rasen, wo er fast eine Minute verharrte. Zuerst ging Dortmunds Torhüter Roman Weidenfeller zum Gegner, um ihm zurück in eine aufrechte Position zu helfen. Das Unterfangen war genauso vergeblich wie der spätere Versuch von BVB-Verteidiger Lukasz Piszczek. Erst als der Kollege Bastian Schweinsteiger Gomez unter die Arme griff, raffte der sich auf, um sich in die Kabine zu trollen.

Auf der anderen Seite der mächtigen Dortmunder Arena feierten die Fans auf der Südtribüne die Männer in Schwarz-Gelb. Minuten zuvor hatten Tausende auf den Rängen mit weißen Taschentüchern gewedelt, um den Bayern den Weg nach Hause zu weisen. Eine Demütigung für den Meister, der zu Beginn des Herbstes weiter in die Krise gerutscht ist. Nach dem 0:2 (0:0) in Dortmund durch Lucas Barrios und Nuri Sahins zauberhaften Freistoßtreffer wird der Branchenprimus ganze zehn Punkte hinter dem BVB geführt. Und, man mag es kaum glauben: Mit gerade einmal fünf erzielten Treffern in sieben Partien verfügt der Rekordmeister über die schlechteste Offensive der Liga.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß hatte schon vor der Dienstfahrt in den Pott betont, er sei "etwas besorgt". Es müsse unbedingt ein Sieg her, "sonst wird es sehr schwer, die große Punktdifferenz bis Weihnachten noch aufzuholen". Genau diese Situation ist nun eingetreten, vom typisch bayerischen "mia san mia" sind die sonst von sich so überzeugten Münchner ein gewaltiges Stück entfernt.

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Stattdessen üben sie sich in der bayerischen Hauptstadt in Demut, der Trainer Louis van Gaal Ausdruck verlieh, indem er die signifikante Abschlussschwäche seines Teams in den Fokus stellte: "Ich kann immer nur das Gleiche sagen", betonte der Holländer: "Wir haben vier, fünf gute Chancen und wir machen das Tor nicht." Van Gaal hat in den vergangenen Wochen die Binsenweisheit, dass es ohne Tore keine Siege gibt, wie ein Mantra vor sich hergetragen. Das mag man als phantasielos geißeln, doch wer die Bayern in Dortmund in der ersten Halbzeit agieren sah, kann dem Mann auf der Bank nur recht geben.

Dieses Mal hatte van Gaal Gomez den Vorzug im Sturm gegeben, dafür hatte er Klose und Olic auf die Bank beordert. Gomez, dieser chronisch glücklose Offensivmann, ist das beste Beispiel für die derzeitige Unpässlichkeit der Bayern. Immer bemüht, oft kurz davor, aber letztlich stets gescheitert. So agierte der 25-Jährige in Dortmund. Mal war es Versagen, mal eine Drehung zu viel oder - als er Roman Weidenfeller bereits überwunden hatte - schlicht Pech, dass der Ball von dessen Hacke über die Latte sprang.

"Der Gomez hat auch kein Tor gemacht"

Warum er den vom Unglück verfolgten Torjäger außer Dienst in die Anfangsformation gebracht habe, wurde van Gaal gefragt: "Die anderen haben keine Tore gemacht, deshalb habe ich ihm eine Chance gegeben." Und wie hat der gestrenge Trainer seinen Stürmer gesehen? "Der Gomez hat auch kein Tor gemacht."

Kapitän Mark van Bommel wähnte sich nach der drückend überlegen geführten ersten Halbzeit mit über 60 Prozent Ballbesitz wie im falschen Film: "Wir haben fünf gute Chancen, die Dortmunder keine. Ich hatte das Gefühl, wir müssten das Spiel klar gewinnen." Eine trügerische Überzeugung, die das bayerische Starensemble ratlos zurückließ. "Auch zwei Meter vor dem leeren Tor können wir nicht treffen", haderte van Gaal: "Da kannst du als Trainer nichts mehr sagen, und deshalb muss ich jetzt den Mund halten."

Das Schweigen wird sich auf die Pressekonferenz beschränken, denn wenn die Bayern sich nach ihren Spielen mit diversen Nationalmannschaften wieder zu ihren Übungseinheiten an der Säbener Straße einfinden, gibt es erhöhten Diskussionsbedarf. Zum Beispiel will Kapitän van Bommel das Berufsethos seiner Kollegen auf den Prüfstand stellen: "Jeder einzelne Spieler muss sich hinterfragen: Macht er alles zu 100 Prozent für den Erfolg?"

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"Glücklicherweise sind wir hier nicht völlig behämmert"

Immer offensichtlicher wird, dass die Bayern zwar eine Vielzahl an überdurchschnittlichen Spielern aufbieten können, aber ohne ihre verletzten Superstars Arjen Robben und Franck Ribéry schnell an Grenzen stoßen. Wenn es mit dem Toreschießen nicht klappt, fehlt einer, der das Spiel allein durch seine individuellen Fähigkeiten in die richtige Richtung drehen kann. Noch muss Bayern München ohne den pfeilschnellen Holländer und den quirligen Franzosen klarkommen. Die Konkurrenz darf also hoffen, dass der ewige Meisterschaftsfavorit bis zur Winterpause weiter Federn lässt. Bereits jetzt sind die sensationellen Mainzer und die Dortmunder ein gehöriges Stück enteilt.

Und das ist eine Situation, die zu Träumen anregt.

Auf den Rängen des Dortmunder Stadions feierten sie enthusiastisch und stellten singend die Frage: "Wer wird Deutscher Meister?", um in der nächsten Textzeile die Antwort zu liefern: "BVB Borussia!" Die Spieler lassen sich auf diesen Exkurs nicht ein, sondern halten sich an die offizielle Sprachregelung, die das Wort mit dem großen M zum Tabu erklärt. Stattdessen hatte sich Mats Hummels dazu entschlossen, den Moment zu genießen und von der begeisterten Atmosphäre zu schwärmen: "Es kribbelt", sagte der Innenverteidiger nach dem Abpfiff: "Was hier los ist, ist einzigartig in Fußball-Deutschland."

Tatsächlich feierten sie in Dortmund ein mitreißendes Fest, bei dem auch Jürgen Klopp freudig mit einstieg. Der Trainer hat nun fast zwei Wochen Zeit, um seine Erfolgstruppe auf die kommende Aufgabe in Köln einzustimmen. Und Klopp wird dafür sorgen, dass seine junge Belegschaft die Bodenhaftung behält. Gibt es denn wirklich keine Gedanken an das ganz große Ding mit der Schale? Nein, versichert Klopp voller Überzeugung: "Glücklicherweise sind wir hier nicht völlig behämmert."

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Van Gaal ist Schuld
Viper2024, 04.10.2010
Als Bayernfan wird erst wieder freude am FCB haben wenn van Gaal weg ist. Dieser hat sich einmal zuviel mit einem der Leitungsträker angelegt und schafft einfach keine Atmosphäre wo es Spaß macht Fußball zu spielen. Deswegen spielt die Mannschaft gegen den Trainer. Und halten wir mal fest. Lucio und Toni weggejagt und Demichelis aussortiert und dafür finden sich jetzt Antifußballer wie Braafheid oder Pranjic in der Startelf. Auch ein Badstuber ist nur Bundesliga-Durchschnitt. Aber van Gaal wollte ja keine Verstärkung vor der Saison haben.
2. kein tor
ThomasTM 04.10.2010
schon seltsam, dass wieder gomez für die schlagzeile herhalten muss. Ok er hat auch nicht getroffen, aber ich freute mich als er wenigsten mal eine richtige chance von anfang an bekam. Hoffe er bekommt noch mehr! Zu bayern...nun die werden das schon wieder hinbekommen, aber was die saison noch bringt ist zu früh zu sagen....der rückstand ist schon groß im moment, aber mainz und dortmund traue ich die jetzige konstanz auch nicht auf dauer zu.
3. Titel sind doof
J_Curious 04.10.2010
Dann werden wir halt mal nicht Meister - na und? Im Gegensatz zur Klinsmann Ära sehe ich keinen Grund zur Beunruhigung. Die Mannschaft ist in allen Spielen die bessere gewesen (außer Mainz), dazu kommt, dass beide Hauptleistungsträger lange ausfallen. Die Stürmer haben die Seuche und wir kriegen die beiden aktuellen Top Mannschaften zur absolut ungünstigsten Zeit. Aber: Das wird schon wieder! Und vG trifft hier keine Schuld - der Wunsch nach seiner Ablösung ist hier wohl eher persönlicher Natur.
4. Mei-o-mei statt mir-san-mir
hartmutw 04.10.2010
Zitat von Viper2024Als Bayernfan wird erst wieder freude am FCB haben wenn van Gaal weg ist. Dieser hat sich einmal zuviel mit einem der Leitungsträker angelegt und schafft einfach keine Atmosphäre wo es Spaß macht Fußball zu spielen. Deswegen spielt die Mannschaft gegen den Trainer. Und halten wir mal fest. Lucio und Toni weggejagt und Demichelis aussortiert und dafür finden sich jetzt Antifußballer wie Braafheid oder Pranjic in der Startelf. Auch ein Badstuber ist nur Bundesliga-Durchschnitt. Aber van Gaal wollte ja keine Verstärkung vor der Saison haben.
[QUOTE=Viper2024;6359913]Als Bayernfan wird erst wieder freude am FCB haben wenn van Gaal weg ist. Dieser hat sich einmal zuviel mit einem der Leitungsträker angelegt und schafft einfach keine Atmosphäre wo es Spaß macht Fußball zu spielen. Deswegen spielt die Mannschaft gegen den Trainer. ...QUOTE] Gut, dass von den 80 Mio. Bundestrainern im Ländle nur die Wenigsten echten Schaden anrichten können! Mit der o.a. Aussage ist es tatsächlich gelugen, ohne eine einzige richtige Diagnose und ohne Fakten auszukommen, Respekt! Fakt ist, dass die Kaderplanung bei den Bayern schon seit über 5 Jahren schludrig verlaufen ist, was nicht zuletzt mit der geplanten Entschuldung der AA zusammen hängt. Sieht man sich die wichtigeren Transfers an, so waren das bis auf den Flop Timo entweder Panikkäufe nach schlechten Phasen (2007 Toni, Klose & Ribéry, dann Robben) oder sinnlose mir-san-mir Demos wie die Gomez-Ente. Das jahrelang diskutierte Loch im zentralen Mittelfeld wurde eher zufälig geschlossen, da van Gaal dort Schweini endlich zur Blüte brachte. Und über die mittelmässige Abwehr wurde schon geschrieben, als Micho noch mit beiden Beinen auf dem Platz stand. Ismael von Bremen hatte sich verletzt, dann hatte man mit van Buyten den schlechteren aus einer damals guten HSV-Verteidigung gekauft. Seitdem von Planung keine Spur mehr. Die Bayern haben letztes Jahr über ihren Verhältnissen gespielt, was neben dem sensationellen Robben entscheidend vGs neuem System und seinem Händchen für die Jungen zu verdanken war. Ohne die herausragenden Außenspieler ist der Rest halt nur solides Handwerk - und das mit einem wunden Punkt direkt vor dem eigenen Tor.
5. haha
handyfreak 04.10.2010
Super Mannschaft,kaum sind 2 Stürmer krank,schon ist der FC Bayern gerade mal noch schlechtes Mittelfeld in der BULI. Wie kann man hier schon wieder den Trainer verteufeln,wenn die Mannschaft schlecht spielt?Werde das wohl nie verstehen. Außerdem hat der Bayern seine letzten beiden Spiele mal wieder mit dem berühmten Bayern Dusel gewonnnen. Tore in der,für den FCB unendlich ausgeweiteten,Nachspielzeit.
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