Bayern-Profi Ribéry: Ein Star macht sich verzichtbar

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Franck Ribéry war der Hoffnungsträger des FC Bayern, jetzt ist er zum größten Problemfall des Clubs geworden. Verletzungen in Serie, ein desaströses WM-Turnier, die Ermittlungen in der Sex-Affäre - die Vereinsbosse halten noch zu dem Star. Doch Trainer van Gaal braucht ihn nicht mehr.

Franck Ribéry: Absturz eines Stars Fotos
AFP

Als der FC Bayern München im Sommer 2007 Franck Ribéry verpflichtete, schien der Himmel weit und offen zu sein. Endlich wieder ein Weltklassespieler in München, endlich einer, der die Sehnsüchte des Vereins und der Fans nach großen Titeln stillen kann. Eine Lebensversicherung für attraktives Spiel und sportlichen Erfolg, zudem einer, der sich nach drei, vier Bayern-Jahren mit Gewinn an die spendablen Clubs aus Spanien oder England weiterverkaufen ließe, um das Festgeldkonto des FC zu mehren.

Zwei Jahre lang lief es bestens. Im dritten nicht mehr. Tiefer abgestürzt als Franck Ribéry ist in der Bundesliga niemand.

Noch vor zwölf Monaten glaubte der Franzose, sich jedes Angebot der Welt aussuchen zu können. Real Madrid und der FC Chelsea oder die beiden Manchester-Clubs City und United. Motto: Wer am meisten bietet, bekommt den Zuschlag. Jetzt verkündet Ribéry via "Bild"-Zeitung kleinlaut: "Ich wollte schon immer alles für diesen Club geben. Ich möchte jedes Spiel das Trikot von Bayern München durchschwitzen."

Erst war der Franzose in der Vorsaison regelmäßig verletzt, dann liefen ihm andere Bayern-Spieler wie Ivica Olic, Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm vereinsintern und im Ansehen des Publikums den Rang ab; der Superstar der Mannschaft hieß plötzlich Arjen Robben, keiner sprach mehr über Ribéry. In der Champions League hätte er seinen Verein durch einen Platzverweis im Halbfinale fast um die Teilnahme am Endspiel gebracht.

Es sah so aus, als könne es nicht schlimmer kommen. Dann kam die Weltmeisterschaft in Südafrika.

Ein Turnier, bei dem die Spieler Frankreichs durch ihren flegelhaften wie seelenlosen Auftritt sämtlichen Kredit in der Heimat verspielten. Französische Nationalspieler dürften nun im Ansehen ungefähr auf der Höhe der Clochards rangieren.

Plötzlich ist von einer Gefängnisstrafe die Rede

Die WM ist kaum vorbei, da holt Ribéry die Sex-Affäre mit einer zum Zeitpunkt des Beisammenseins minderjährigen Prostituierten ein. Plötzlich ist von einer möglichen Gefängnisstrafe die Rede, ein Verfahren wurde in Frankreich eingeleitet, in Deutschland prüft die Staatsanwaltschaft, ob auch hier ermittelt werden muss.

Denn Ribéry soll sich mit der aus Frankreich stammenden Prostituierten auch in München getroffen haben. Von einer Sex-Orgie in einem Münchner Hotel anlässlich Ribérys 26. Geburtstag ist die Rede. Die Prostituierte und deren Zuhälter bestätigen dies. Ribéry selbst äußerte sich bislang nicht en détail zur delikaten Münchner Gesellschaft, er hat bei den Vernehmungen allerdings grundsätzlich bestätigt, sich mit der Prostituierten getroffen zu haben. Nicht um mit der jungen Dame über seine Ambitionen in der Champions League zu sprechen. Wie Ribérys Anwältin bestätigte, ging es um Sex.

Ribéry betont jedoch, nicht gewusst zu haben, dass seine Gespielin minderjährig sei. Er habe sie gefragt, wie alt sie sei. 18 habe die Prostituierte geantwortet. Für die französische Sportministerin reicht dies jedoch nicht zur Entlastung. Sie könne sich nicht vorstellen, dass ein Spieler wie Ribéry zurzeit das Nationaltrikot tragen dürfe, sagt Ministerin Bachelot.

Die Topclubs haben längst abgewinkt

Franck Ribérys Image ist aufgrund seiner Eskapaden nicht ramponiert, es ist ruiniert. Madrid, Chelsea, Manchester - das ist für den 27-Jährigen so weit weg wie nie. Stattdessen bereitet sich Ribéry, der kürzlich an der Leiste operiert wurde, auf das Erstrundenmatch im DFB-Pokal Mitte August beim Fünftligisten Germania Windeck vor.

Als Ribérys Krise im Frühjahr dieses Jahres offenkundig wurde, schwangen sich Vereinspräsident Uli Hoeneß und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zu seinen Chef-Verteidigern in punkto öffentliche Meinung auf. Sie versuchten ihn zu entlasten, wo immer es ging. Als die ersten Sexvorwürfe gegen Ribéry bekannt wurden, war das dynamische Duo zur Stelle, ebenso als der europäische Fußballverband ein Exempel statuierte und den Mittelfeldspieler nach dessen Platzverweis in der Champions League lange sperrte.

Das Kalkül der Vereinsbosse: Ein in seinem Marktwert so gesunkener Ribéry lässt sich zurzeit nicht gewinnbringend veräußern, da ist es besser, ihn weiter an den Club zu binden und darauf zu hoffen, dass der Franzose sich angespornt fühlt, sich durch starke Leistungen im Verein wieder für seinen Wunschverein Real Madrid interessant zu machen - ein Kalkül, das mit Ribérys Vertragsverlängerung im Mai aufgegangen zu sein scheint.

Uli Hoeneß, der im Vorjahr noch genervt auf die fast täglich durch Ribéry genährten Wechselspekulationen reagiert hatte, kann jetzt im "Münchner Merkur" zufrieden feststellen: "Wir werden mit ihm im nächsten Jahr keine Probleme haben."

Der Beschützer-Instinkt der Bayern-Bosse geht über alles

Der Beschützer-Instinkt der Bayern-Führung geht mittlerweile so weit, dass sich Rummenigge zu unverhohlener Justizschelte versteigt, indem er den Behörden in Frankreich vorwirft, sie betrieben ein "politisch motiviertes" Verfahren - Ribéry solle als Sündenbock für die in Frankreich verachtete Nationalelf herhalten. Hoeneß hält die ganze Angelegenheit für "lächerlich" und eine "Hetzjagd", wie er am Freitag am Rande eines Termins für die Bayern-Basketballer sagte. Ein Vereinssprecher hat SPIEGEL ONLINE die entsprechenden Äußerungen bestätigt.

Dass auch in Deutschland Sex mit einer minderjährigen Prostituierten eine Straftat darstellt und auch Fußballprofis davon nicht ausgenommen sind, ignorieren Rummenigge und Hoeneß in ihrer öffentlichen Volte. Ebenso wie die Tatsache, dass neben Ribéry in Frankreich auch gegen Real Madrids Offensivmann Karim Benzema ermittelt wird; letzterer bestreitet alle Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden.

Während Rummenigge das Verfahren gegen Ribéry "mit großer Besorgnis" verfolgt, ist sich Hoeneß sicher, "dass Franck noch motivierter in die neue Saison geht und wir noch mehr Spaß an ihm haben".

"Ich habe den großen Ribéry noch nicht gesehen"

Auch Bayern-Trainer Louis van Gaal dürfte sich in seiner Vorbereitung auf die neue Saison kaum durch den Sex-Skandal des Franck R. gestört fühlen - allerdings aus einem anderen Grund. Für van Gaal ist Ribéry kein unverzichtbarer Spieler mehr. Er hat das Team bereits in der vergangenen Saison unabhängiger von den Leistungen des Franzosen gemacht.

Inzwischen ist Ribéry aus Sicht des Niederländers lediglich eine Bonus-Option, einer, der zwar jederzeit ein Spiel mit seiner individuellen Klasse entscheiden kann, aber keiner, der in den Planungen van Gaals noch eine strategische Funktion innehat. Im "Kicker" ätzte van Gaal unlängst: "Ich habe den großen Ribéry noch nicht gesehen, dafür war er zu oft verletzt."

Franck Ribéry muss also viel tun, um bei seinem Trainer dauerhaft als absoluter Leistungsträger zu gelten. Denn van Gaal hat alle seine Mannschaften, die er bisher trainierte, nach Typen zusammengestellt, die sich bedingungslos dem System van Gaal verschreiben. Müller ist so einer, Lahm sowieso, Schweinsteiger auch. Rückkehrer Toni Kroos dürfte der nächste sein. Und was wird mit Ribéry?

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insgesamt 99 Beiträge
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1. Hysterische Gesetzgebung
Der Belgarath 23.07.2010
Zitat von sysopFranck Ribéry war der Hoffnungsträger des FC Bayern, jetzt ist er zum größten Problemfall des Clubs geworden. Verletzungen in Serie, ein desaströses WM-Turnier, die Ermittlungen in der Sex-Affäre - die Vereinsbosse halten noch zu dem Star. Doch Trainer van Gaal braucht ihn nicht mehr. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,708073,00.html
Vielleicht zeigt das aber auch die Unsinnigkeit der sich überschlagenden Gesetzgebung der letzten Jahre. Wirklich niemand kann einer 18-25jährigen zweifelsfrei das genaue Alter ansehen, und der Ansatz, jeden, der mit einer minderjährigen Prostituierten verkehrt, zu bestrafen, ist Irrwitz. Wer lässt sich den - möglicherweise gar noch gefälschten - Ausweis einer Edelnutte zeigen? Wir sollten uns darauf beschränken, die Kinder wirksam zu schützen, ohne wenn und aber. Aber irgendwo muß auch eine Grenze sein. Im Übrigen - es hat der Karriere eines Michel Friedman nicht geschadet, sich minderjährige osteuropäische Prostituierte mit Rauschgift gefügig zu machen - da sollte Ribéry nicht mit anderem Maß behandelt werden!
2. Geschichten, die das Leben schreibt.
fiutare 23.07.2010
Hochgejubelt, überschätzt, überheblich, abgestürzt. Er reiht sich ein in die Liste derer, die mit dem Ruhm nicht umgehen können. Manchmal ist die Herkunft eben nicht zu verleugnen.
3. ....
fiutare 23.07.2010
Zitat von Der BelgarathWirklich niemand kann einer 18-25jährigen zweifelsfrei das genaue Alter ansehen, und der Ansatz, jeden, der mit einer minderjährigen Prostituierten verkehrt, zu bestrafen, ist Irrwitz.
Das mag alles sein, aber in meinen Augen hat der Mensch Ribery versagt. So ganz nach dem Motto: "Was kostet die Welt, ich kann sie mir kaufen" lässt er mal eben ein Mädchen "einfliegen", um sich zu amüsieren. Das ist widerlich. Zu schnell aufgestiegen, Geld, Ruhm, aber im Kopf ist nix passiert.
4. !
CaptainSubtext 23.07.2010
Zitat von sysopDass auch in Deutschland Sex mit Minderjährigen eine Straftat darstellt
Ist es das?
5. Alles nur Heiße Luft!
Pinarello 23.07.2010
Zitat von fiutareHochgejubelt, überschätzt, überheblich, abgestürzt. Er reiht sich ein in die Liste derer, die mit dem Ruhm nicht umgehen können. Manchmal ist die Herkunft eben nicht zu verleugnen.
Schade für die Bayern, für diesen WM-Versager wollte doch Real Madrid letztes Jahr noch über 70 Mio Euro bezahlen, jetzt gibt es wohl nicht mehr mehr ein Drittel. Daran sieht man jedoch wieder, wie schwachsinnig sich dieser ganze Sport inzwischen darstellt, ein gutes Jahr und du wirst als Erlöser gefeiert, gesehen und bezahlt. Wenn ich mir so überlege, was die hochbezahlten und -gelobten Stars wie Messi, Kaka und Ronaldo in Südafrika gezeigt bzw. nicht gezeigt haben, dann ist Kopfschütteln per Dauerzustand angesagt. Selten wurde so klar und deutlich aufgezeigt, daß es beim ganzen Profi-Fußball um Geld, ja um viel Geld geht, die Leistung spielt da keine Rolle, man muß nur genügend Journalistendarsteller schmieren, damit die manche Leute in den Himmel schreiben.
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